MÜHLENBECK/BIRKENWERDER. Ein Ball rollt über ein Fußballfeld, ins Tor. Einmal, zweimal, dreimal. Schließlich steht es nach 90 Minuten zwischen dem SV Mühlenbeck II und dem Birkenwerder BC in der 2. Kreisklasse Süd 0:6. Ein hohes, aber wohl kein ungewöhnliches Resultat. Wäre da nicht die Tatsache, dass kein einziger Spieler auf dem Feld zu sehen ist und der Ball wie von selbst in das Tor rollt. Mit diesen Bildern beginnt ein Dokumentarfilm über das "Wunder von Mühlenbeck", der am Freitagabend in der Berliner Fußballbar "FC Magnet" Premiere hatte. Ein Spiel ohne Spieler, aber mit vielen Toren. Ein Spiel, das die beiden Ortschaften im Landkreis Oberhavel berühmt gemacht hat. Weil es das Spiel, das niemals stattgefunden hat, als bunte Kurzmeldung bis in die internationale Presse geschafft hatte."Es hat keiner so richtig mitbekommen, dass das so 'ne Wellen schlägt." Der junge Mann, der das zu Beginn des Films sagt, heißt Sven Hempel. Er ist Kapitän der zweiten Mannschaft von Mühlenbeck und träumte schon als Kind davon, mal bei Hertha zu spielen. Ein Traum, der sich nach einer Verletzung zerschlug. Hempel ist das, was man den Motor für den Schwindel nennen könnte. Er erzählt in dem 80 Minuten langen Dokumentarfilm offen, ehrlich und unterhaltsam, wie es zu dem Spiel ohne Spieler gekommen ist. Nicht nur er, sondern auch andere Fußballer, die beiden Vereinsvorsitzenden und die Bürgermeister beider Gemeinden kommen zu Wort und sagen Sätze wie: Das Schummelspiel sei gar nicht so schlecht für die Region gewesen, es habe sie schließlich europaweit ein bisschen bekannter gemacht.Am 1. Mai 2004 hatten die beiden Mannschaften antreten sollen. Birkenwerder war vollzählig, doch bei Mühlenbeck gab es Probleme. Um 15 Uhr seien nur sechs Männer da gewesen, erzählt Hempel. Einer zu wenig, um spielen zu dürfen. 100 Euro Strafe drohten dem SV Mühlenbeck - viel Geld für einen kleinen Fußballverein. Er, Hempel, sei dann in die Kabine von Birkenwerder gegangen. Dort fragte er, ob man das Spiel nicht einfach als gespielt betrachten könnte. 0:6 wolle man die Gäste gewinnen lassen, sozusagen als Dank dafür, dass Mühlenbeck die Geldstrafe erspart bliebe.Alle waren einverstanden - na ja, auf den Schiri habe man schon ein wenig einreden müssen. Der junge Mann, noch keine 18 Jahre alt, sollte an jenem Maitag sein erstes Männerspiel leiten. Er machte schließlich mit und unterschrieb das Spielprotokoll. Die Geschichte ist ihm wohl noch immer peinlich, er wollte sich vor der Kamera nicht äußern.Der Schwindel wäre wohl nie aufgeflogen. Wenn nicht ein anonymer Anrufer Staffelleiter Klaus Zeuner den Schwindel gesteckt hätte. Zeuner erarbeitet seit 35 Jahren die Spielansetzungen und wertet die Spielberichte aus. Der Fall Mühlenbeck-Birkenwerder ist ihm eher unangenehm. Er sagt, so ein Betrug sei ihm noch nie untergekommen. Schummeln sei auch in der Provinz im "fernen Osten" nicht zu machen, ohne öffentlich blamiert zu werden.Dieter Iden, Vereinschef des SV Mühlenbeck, sagt im Film, dass in 80 Prozent aller Spiele ein bisschen gemauschelt werde. Er habe nie genau herausbekommen, wo eigentlich die fehlenden Spieler gewesen seien. Er wisse von zwei angeblich erkrankten Sportlern, die in Wirklichkeit Grillen waren. Andere waren beim Baumblütenfest in Werder. Ein Spieler sagt: Er sei nicht angetreten, "weil ich zu Hause war und geschlafen habe".Johan Kramer ist der Regisseur von "Das Wunder von Mühlenbeck". Er hat sich den deutschen Zuschauern bereits mit seinem erfolgreichen Kurzfilm "The other final" (Das etwas andere Endspiel) über ein Fußballmatch der beiden Letztplatzierten der Fifa-Weltrangliste - Bhutan und Montserrat - empfohlen. Der 41-jährige Niederländer las im Griechenland-Urlaub in einer Zeitung von der "bizarren Geschichte" zweier Provinzvereine. Begeistert lud er Mühlenbeck und Birkenwerder ein, das Spiel nachzuholen und vor der Kamera über das Schummelspiel zu reden. "Es gab bei Jüngeren und Älteren unterschiedliche Positionen", sagt er nach der Premiere. Die Älteren hätten den Betrug schon sehr ernst genommen. "Bei den jungen Spielern gab es da eher die Auffassung, wenn ich zu Hause auf der Couch liege, warum soll ich dann Fußball spielen", so Kramer. Er hoffe, dass sein Film in diesem "verrückten Fußballjahr" gut ankomme. Das hofft auch Mühlenbecks Vereinschef Iden, bei dem der Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes laufen soll, "nur Schmunzeln" ausgelöst hat.------------------------------Ein Spieler zu wenigSpiel: Am 1. Mai 2004 sollte in der 2. Kreisklasse Süd der SV Mühlenbeck II gegen die 2. Mannschaft des Birkenwerder BC antreten. Mühlenbeck brachte nur sechs Spieler aufs Feld - einen zu wenig, um spielen zu dürfen.Schwindel: Um der fälligen Strafe von 100 Euro zu entgehen, überredeten die Mühlenbecker die Gäste aus Birkenwerder und den Schiedsrichter, so zu tun, als hätte man gespielt und das Spielprotokoll zu fälschen. Darin gestand man den Gästen einen 0:6-Sieg zu. Sogar die angebliche Zuschauerzahl wurde vermerkt.Strafe: Der Schwindel flog auf. Das Sportgericht verurteilte die Mühlenbecker zu 100 Euro Strafe für das Nichtantreten und 200 Euro wegen Betrugs. Birkenwerder musste 175 Euro Strafe zahlen. Zudem legte das Gericht fest, dass beide Mannschaften 0:3 verloren haben.Idee: Der niederländische Filmemacher Johan Kramer (41) las im Griechenland-Urlaub eine Kurzmeldung über das Schummel-Spiel und beschloss, darüber einen Dokumentarfilm zu drehen. Auf seine Einladung hin holten beide Mannschaften das Spiel am 22. August 2004 nach.Film: Der 80 Minuten lange Dokumentarfilm "Das Wunder von Mühlenbeck" hatte am Freitagabend in einer Fußballbar in Berlin Premie- re. Gestern wurde er auch in Mühlenbeck gezeigt und begeistert aufgenommen. Der Film wird zu den Filmfestspielen in Cannes eingereicht. Die Produktionsfirma happy trigger productions GmbH aus Berlin bemüht sich derzeit, einen Fernsehsender zu finden, der den Film zeigt.------------------------------Foto: Der niederländische Filmemacher Johan Kramer------------------------------Foto: Das Schummel-Spiel der beiden Kontrahenten der 2. Kreisliga - Mühlenbeck und Birkenwerder - wurde eigens für den Film nachträglich ausgetragen.