Joanne K. Rowling, die Schöpferin von Harry Potter, wäre stolz auf diese Fans. Den schwarzen Zauberer-Umhang um die Schultern geschlungen, den spitzen Hut auf dem Kopf, stehen die drei Jungs im Foyer des Zoo-Palasts und sagen ernsthaft: "Wir sind schon gespannt auf den Film. Aber unsere eigene Fantasie ist uns wichtiger."Zwölfjährige Harry-Potter-Leser mit der altklugen Skepsis von Germanistikstudenten - kurz vor Mitternacht, kurz bevor die Verfilmung von Band eins der Abenteuer um den Zauberjungen Harry Potter zum ersten Mal auf Kinoleinwänden in Deutschland zu sehen ist. In 30 Berliner Kinos füllen sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die Säle mit Kindern und ihren Eltern. So viel wie im Zoo-Palast ist aber wohl nirgends los. Vor dem Film, der in zwei Sälen läuft, gibt es eine Party, und vor der Party einen Fackelumzug, und darum ist das Foyer des Charlottenburger Kinos um 23 Uhr voll mit Kindern, die meisten zwischen zehn und vierzehn Jahren alt, und ihren Eltern.Weil es zu Harry-Potter-Events gehört, sich zu verkleiden, sind viele Kinder in Umhang, Hut und mit dicker schwarzer Brille gekommen, kleine Zauberer neben ihren gewöhnlichen "Muggel"-Eltern, wie die der Magie nicht Mächtigen in der Potter-Welt heißen. Die meisten haben Potter-Bücher gelesen, alle vier, und manchmal mehrmals, und schnell wird klar: Hier sind nicht einfach Kinobesucher gekommen, sondern vor allem Kritiker. Es ist ihre Fantasie-Welt, die sich der Film angeeignet hat, und sie sind gewillt, dem Streifen aus Hollywood eine Chance zu geben, man wird sehen.Sie wollten die Ersten sein, die den Film sehen, einige haben von ihren Lehrern die ersten zwei Schulstunden am nächsten Tag frei bekommen. Es wird spät werden, der Film dauert zweieinhalb Stunden.Bis es losgeht, gibt es "Butterbier" kostenlos, ein Lieblingsgetränk im Potter-Kosmos, im Zoo-Palast eine klebrig-süße Mischung aus heißer Milch, Zimt und Vanillepulver. Sonst gibt es an der Bar das Gleiche wie immer, eine mittelgroße Tüte Popkorn für sieben, Cola für ebenso viel Mark. Aus einem Glastrog mit grüner Flüssigkeit quillt Rauch, der in den Augen brennt, das Licht ist fahl, und alle warten nur darauf, dass sie in die beiden Säle dürfen, in die insgesamt 1 500 Menschen passen.Dann müssen alle an der fetten Lady vorbei, die in Hogwarts nur in den Schlafsaal lässt, wer das Passwort kennt, und hier nur in den Saal, wer ihr "Schnutz" ins Ohr flüstert. Eigentlich hätte das Passwort "Schnatz" heißen sollen, wie der Ball bei "Quidditch", einer Art Baseball für Besenreiter, aber aus irgendeinem Grund steht auf den Kinokarten "Schnutz". Im großen Saal mit 1 000 Plätzen bleiben gut 200 Plätze frei, es gibt Trockennebel, Werbung, und um halb eins legt auf der Leinwand endlich der gutmütige Riese Hagrid das Baby Harry vor der Haustür der schrecklichen Familie Dursley ab - der Film geht los.In den nächsten Stunden sehen die Kinder und Erwachsenen im Saal, wie der Junge Harry Potter im Zaubererinternat Hogwart aufgenommen wird, dort Freunde findet, und auch Feinde. Wie die Figuren und Orte aus den Büchern andere Gesichter und Formen bekommen als die, die sie in der Fantasie ihrer Leser hatten. Den ersten Lacher gibt es, als Harrys Freund Ron zum ersten Mal "voll krass" sagt. Nach 100 Minuten stöhnen alle, als das Wort "Pause" auf der Leinwand erscheint, es war gerade spannend und es ist schon spät. Um halb vier ist der Film dann zu Ende.Die Kinder sind müde, und kritisch. Viele sagen, dass sie den Film schön fanden. Ganz zufrieden ist kaum einer, schließlich hat jeder schon seinen eigenen Film im Kopf mitgebracht. Harrys Haare sind nicht strubbelig genug. Seine Augen sind blau, nicht grün. Hermine ist zu niedlich. Das Duell zwischen Harry und seinem Kontrahenten Draco fehlt. Die Zugfahrt nach Hogwarts war viel zu kurz.Nur ein kleiner Harry Potter wird schlafend von seiner Schwester aus dem Saal getragen. Wir gehen noch mal rein, sagt sie. Bei Tag.Stündlich Harry // 41 Kinos zeigen in Berlin "Harry Potter und der Stein der Weisen". In vielen Multiplexen läuft er in mehreren Sälen gleichzeitig. 1 226 Exemplare hat die Filmfirma Warner Brothers an deutsche Kinos verschickt, mit so vielen Kopien ist noch kein Film in Deutschland gestartet.Zehn Vorführungen pro Tag haben manche Multiplex-Kinos eingeplant. Nachmittags beginnen in den großen Kinos im Stundentakt die Vorführungen.Fast ausverkauft sind in den kommenden Tagen in vielen Kinos die Vorstellungen am späten Nachmittag und am Abend. Eine Reihe von Kinos nimmt Reservierungen für bis zu einer Woche im Voraus an.Auf Englisch gibt es den Film in drei Kinos: In der Kurbel in Charlottenburg, dem Odeon in Schöneberg, dem Cinestar am Potsdamer Platz.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Müde, aber kritisch: Als der Film um halb vier Uhr zu Ende war, erzählten die Kinder geduldig, wie sie ihn fanden.

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