Es gibt eine Frage im Leben von Johann Frömel, die ihn nicht losläßt. "Wie konnte Keller?" Drei Wörter und ein Fragezeichen, dem keine Antwort folgt. "Wie konnte Keller?" Der Satz bohrt in seinem Kopf, seit sie Frömel festnahmen. Damals in Eisenberg. Er hielt ihn wach in der Zelle in Brandenburg, er erreicht seine Gedanken noch heute. Jahrzehnte später und weit weg von Thüringen. Frömel ist altgeworden, und Keller ist seit 12 Jahren tot.Keller hat Frömel verraten.Eisenberg, eine Kleinstadt in Thüringen, am Abend des 10. Mai 1957. Johann Frömel ist in der Stadt. Er studiert in Jena, doch so oft er kann kommt er nach Eisenberg. An diesem Abend geht er ins "Stadtcafe". Dort sitzt Jürgen Keller, der Theologie-Student. Vor ihm steht eine Flasche Budweiser.Frömel kennt Keller aus der Eisenberger Volksschule. Er setzt sich zu ihm, und Keller erzählt, daß er bald nach Westdeutschland fahren wolle. Sie reden lange, über die DDR, die SED und später über Widerstand. Frömel beginnt, Keller zu vertrauen.Irgendwann an diesem Abend im "Stadtcafe" sagt Johann Frömel, daß er einer Widerstandsgruppe angehöre. Keller ist begeistert. Er will mitmachen. Jetzt wird Frömel reserviert. Er müsse erst Rücksprache mit dem Chef der Gruppe nehmen. Der heißt Thomas Ammer. Doch diesen Namen erfährt Keller im "Stadtcafe" nicht.Im April 1953 ist Thomas Ammer Schüler der Eisenberger Oberschule. Er ist sogar der FDJ-Sekretär seiner Klasse. Und er weiß, daß es in der Aula der Schule bald ein Tribunal geben wird. Die evangelische "Junge Gemeinde" ist ins Visier der SED geraten, und die Jungen und Mädchen, die ihr angehören, sollen von der Schule geworfen werden.Am Nachmittag vor dem Tribunal sitzen Thomas Ammer, Johann Frömel, Günter Schwarz und die Brüder Gottfried und Reinhard Spalke in Eisenberg zusammen. Die Geburtsstunde des Eisenberger Kreises. Sie beschließen, sich für ihre Mitschüler aus der "Jungen Gemeinde" einzusetzen. Doch in der Aula sind sie hilflos. Zwar stehen Ammer und Frömel für ihre Mitschüler auf. Doch ein FDJ-Funktionär nennt die "Junge Gemeinde" eine "amerikanische Agentenzentrale". Drei Mädchen und Gottfried Spalke müssen die Schule verlassen.Anfang Juni beendet die SED die Jagd auf die "Junge Gemeinde". Nach einem Befehl aus Moskau.Thomas Ammer ist 16. Er weiß jetzt, daß er nicht mehr zusehen will. Er liest über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Niemand soll ihm später vorwerfen, nichts getan zu haben.Der Kleister ist kaum angetrocknet, als die Polizei die Plakate von den Eisenberger Mauern reißt. "Deutscher! Was hat dir die bisherige bolschewistische Herrschaft gebracht? Entziehung der freien Meinungsäußerung, der Versammlungs- und Pressefreiheit, des Streikrechts. Immer noch kriegsmäßiges Kartensystem, HO-Wucherpreise und rücksichtslose Ausbeutung. Willst du das alles noch länger mitansehen? Deshalb stimme mit deinen verläßlichen Arbeitskameraden gegen die sogenannte Nationale Front!"Die erste Tat des Eisenberger Kreises. Noch weiß keiner, daß Ammer, Frömel, Spalke, Schwarz und die Gebrüder Ziehr im Wohnzimmer Manifeste schreiben. Sie wollen freie Wahlen und pinseln "Freiheit" auf Häuserwände. Bald stößt der Mathematikstudent Peter Herrmann zu ihnen, der bislang eine eigene Oppositionsgruppe leitete. Am 21. Januar 1956 brennt in Eisenberg der Schießstand der "Gesellschaft für Sport und Technik". Ammer brachte Brennholz, Spalke Petroleum, Herrmann Benzin. Mit dem Feuer wollen sie ein Zeichen setzen. Gegen den Aufbau der Nationalen Volksarmee in der DDR, gegen den Militarismus.Im Herbst 1956 wird Johann Frömel nachts gestellt. Er will im Park am Eisenberger Prinzenteich ein Solidaritäts-Plakat für die aufständischen Ungarn ankleben. Plötzlich sieht er den Volkspolizisten Schröder, seinen Nachbarn. Als Schröder Frömel erkennt, steckt er die Pistole wieder ein. Schröder sagt, Frömel solle sich mit dem Plakat hier nicht mehr blicken lassen. Und läßt ihn laufen. Ein paar Monate später trifft Johann Frömel im "Stadtcafe" Jürgen Keller. Kellers Bericht an die Staatssicherheit beginnt mit den Worten: "Am 10. 5. 1957 gegen 21.30 Uhr betrat ich das HO-Stadtcafe in Eisenberg, um meinen allzugroßen Durst mit Bier zu löschen. Ich bestellte eine Flasche Budweiser "Dann tappt auch Ammer in die Falle. Keller, den sein Verrat inzwischen bedrückt, offenbart sich einem westdeutschen Journalisten. Zumindest glaubt Keller, daß der Mann mit dem Decknamen "Koch" ein Journalist und SED-Gegner ist. In Wahrheit ist "Koch" von der Stasi auf ihren eigenen Mitarbeiter Keller angesetzt worden. Keller erzählt "Koch", daß er seine Schulkameraden verraten hat. "Koch" bietet Hilfe für Ammer und seine Gruppe an. Ammer, der nicht weiß, daß Keller sie verraten hat, willigt ein, sich mit "Koch" und Keller zu treffen. Er bittet "Koch" um Schreibmaschinen und erzählt ihm von der Gruppe. Die Stasi schlägt zu. Am 14. August 1964 fährt ein Bus über den Grenzübergang Herleshausen aus der DDR in den Westen. Im Bus sitzt Thomas Ammer. Er ist 27. Die Bundesrepublik hat ihn freigekauft. Zwei Wochen später kommen auch Johann Frömel und Peter Herrmann frei. Sechseinhalb Jahre waren sie in Haft, die längste Zeit davon in Brandenburg-Görden. Verurteilt hatte man sie zu 14 und 15 Jahren.Johann Frömel und Thomas Ammer leben heute im Rheinland. Der eine in Bonn, der andere in Euskirchen.In Frömels Büro hängt ein kleiner Splitter Berliner Mauer an der Wand, das Bild eines Trabant 601 und das Eisenberger Stadtwappen.Johann Frömel raucht viel und schnell, wenn er seine Geschichte erzählt. Er hat sie noch nicht in kleine handliche Anekdoten verpackt. So wie andere Menschen es machen, die gewohnt sind, ihr Leben öffentlich auszubreiten.In Bonn hat sich Johann Frömel nie heimisch gefühlt. Vielleicht, weil die westdeutschen Beamten Thomas Ammer und ihm nach dem Freikauf sagten, sie sollten über die Aktion und ihre Vergangenheit nicht allzuviel Aufhebens machen. Das störe die Beziehungen zur DDR. "Die 60er und 70er Jahre waren bitter", sagt Johann Frömel. Er sagt es leise, weil er gewohnt ist, über so etwas leise zu sprechen. Weil 25 Jahre lang, bis 1989, niemand hören wollte, daß einer im Osten "Freiheit" auf die Mauern gepinselt hat. Manche Menschen nannten Frömel, der seit langem in der SPD ist, ein "Relikt des Kalten Krieges". Da er sich mit der DDR nicht abfinden wollte. Wenn Frömel über Menschenrechte redete, haben Kollegen ihm geantwortet, das seien "olle Kamellen". Die SED sei doch viel anständiger geworden, und die Hauptsache sei der Frieden.Dann gingen die Leipziger auf die Straße. Frömel war gerührt, und seine Nachbarn im Rheinland redeten über Fortuna Köln.Am 9. November 1989 saß Johann Frömel mit seiner Frau vor dem Fernseher und weinte. Thomas Ammer hat nicht angerufen in dieser Nacht. Und Johann Frömel hat sich nicht bei Ammer gemeldet. Vielleicht, weil Ammer ein anderer Mensch ist. Einer, der nicht geweint hat. Ein Analytiker.Ammer, der einstige Kopf des Eisenberger Kreises, wohnt mit seiner Frau in einem kleinen Häuschen auf dem Land. Die Nachbarn kennen seine Geschichte nicht. Sie wissen nicht, daß in ihrem Dorf jemand wohnt, der sein Haus bis unter die Decke mit politischen Büchern vollgestopft hat und Aufsätze über den Widerstand in der DDR schreibt. Ein Westdeutscher sei er nie geworden, sagt er. Keller ist tot. Er starb am 22. Februar 1983 als Pfarrer in Kalbsrieth an der Unstrut. Ein Name, ein Datum, ein Ort. Das Ergebnis einer Recherche.Johann Frömel und Thomas Ammer haben einem Wissenschaftler, dem Historiker Patrik von zur Mühlen, ihre Geschichte erzählt. Jetzt weiß Frömel, daß Keller tot ist. Weil der Bonner Historiker sich für den Widerstand in der DDR interessierte und ein Buch geschrieben hat. "Der Eisenberger Kreis. Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR 1953-1958." Patrik von zur Mühlen hat viele Briefe für dieses Buch aufgesetzt. Auch an die ehemaligen Stasi-Männer, die Frömel und Ammer damals verhört haben. Die Briefe kamen ohne Antwort zurück.Johann Frömel und Thomas Ammer haben Nachworte zu dem Buch geschrieben. Frömels Aufsatz endet mit den Worten: "Dennoch - politisch gibt es nichts zu bereuen."Johann Frömel mag Kinder. Als er aus der Haft kam, war er fast Dreißig. Er mußte neu anfangen. Spät fand er seine Frau. Sie blieben allein.Thomas Ammer wäre gern Arzt geworden.