Im Vorzimmer dieses Orchesterdirigenten stehen dicke Ordner: "Kompetenznetz Vorhofflimmern" steht auf dem einen, "Akupunktur - Das Modellvorhaben" auf einem anderen. Stefan Willich, Jahrgang 1959, ist im Hauptberuf Kardiologe. Der Charité-Professor leitet das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie. Nach zwei Semestern Musikstudium schwenkte der Geiger auf Medizin um - und nahm trotzdem weiter Unterricht, auch im Dirigieren. 2007 gründete er das "World Doctors Orchestra" unter seiner Leitung. Zum Konzert in der Berliner Philharmonie an diesem Donnerstag kommen fast 100 Ärztinnen und Ärzte aus mehr als 20 Nationen, etwa aus Südafrika, Holland, Dänemark, der Schweiz, Frankreich, Spanien, Kanada oder den USA. Ihre Reise und Unterkunft zahlen sie selbst. Sponsoren übernehmen sonstige Ausgaben wie die Raummiete, so dass der Verkauf der Konzertkarten zu 100 Prozent zwei medizinischen Hilfsorganisationen zugute kommt.Herr Willich, Sie sagten, Sie konnten aus mehr als 300 Bewerbern für Ihr Orchester wählen. Wie kommt es, dass viele Mediziner auch musikalisch gut ausgebildet sind?Viele Mediziner kommen aus bürgerlichen Familien, in denen man in der Kindheit ein Instrument lernt. Das führen viele auch später weiter. Aber Musik und Medizin ergänzen sich auch gut. Ärzte haben einen relativ harten Alltag. Sie werden mit viel Leid konfrontiert, und dann ist die Beschäftigung mit der Kunst und der Schönheit - und die Musik ist ja eine sehr idealisierte Welt - ein guter Ausgleich.Was hat Sie dazu bewogen, zugunsten von Hilfsprojekten aufzutreten?Ich war als Mediziner mehrfach in Entwicklungsländern, in Indien war ich einige Monate in einem Leprakrankenhaus tätig. Bei diesen Auslandsaufenthalten habe ich deutlich gesehen, dass es in vielen Gegenden der Welt überhaupt keine medizinische Versorgung gibt. Das ist die Grundidee des Orchesters: Wir wollen mit der Musik ausdrücken, dass es eine globale, medizinische Verantwortung gibt.Könnten Ärzte denn nicht viel mehr erreichen, wenn sie sich für den guten Zweck mit ihren medizinischen Fähigkeiten einsetzten - als mit ihren musikalischen?Es gibt zum Glück auch viele Ärzte, die direkt bei Hilfsorganisationen arbeiten, zum Beispiel bei "Ärzte ohne Grenzen". Aber das ist nicht so leicht. Viele haben Familie, für die ist es nicht so einfach, längere Zeit weg- zugehen. Ich glaube, jeder sollte das machen, was ihm am besten möglich ist und wovon er denkt, das befördert die Sache am meisten. Wir glauben, dass Musik ein sehr starkes Medium ist für unser Anliegen. Wir erleben das übrigens bei der Probe: Schon in wenigen Stunden gibt es da einen Zusammenhalt, für den man wahrscheinlich sehr sehr lange bräuchte, wenn man sich über andere Dinge austauschte.Wie wählen Sie die Projekte aus, denen Ihre Konzerte zugute kommen? Beispielsweise das Ndlovu Medical Center in Südafrika. Waren Sie schon einmal dort?Vor Ort habe ich es noch nicht gesehen, aber ich kenne den Leiter und Gründer Hugo Tempelmann, ein Holländer, der das seit vielen Jahren sehr engagiert macht und mit seiner Poliklinik die medizinische Versorgung für 160 000 Menschen sicherstellt. Das zweite Projekt ist immer in der Stadt, in der das Konzert stattfindet. Das Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer ist dafür geradezu ideal. Es ist ein international anerkanntes Zentrum, in dem Folteropfer aus der ganzen Welt nach Berlin kommen, um hier medizinisch betreut, aber auch psychologisch und sozial beraten zu werden.Letztes Jahr haben Sie Gustav Mahler noch nicht für machbar gehalten. Diesmal spielen Sie seine 5. Sinfonie. Jetzt trauen Sie sich?Das Orchester hat viele sehr gute Spieler, es bewerben sich immer wieder neue Leute und sehr enthusiastische gute Musiker, so dass wir uns an den Mahler herantrauen können. Das ist ein sehr schweres, aber auch ein wunderbares Stück. Für viele Mitspieler ist es eine zusätzliche Motivation: Sie sagen, es ist ein Lebenstraum, das zu spielen.Wenn die Ärzte aus mehr als 20 Nationen kommen - wie proben Sie dann?Alle haben vorab geübt und jetzt fliegen sie alle ein für vier Tage Gruppen- und Gesamtproben. Für die Gruppenproben haben sich erfreulicherweise prominente Spieler der Berliner Orchester als Coachs ehrenamtlich zur Verfügung gestellt.Und Sie dirigieren das Konzert. Sind Sie in solchen Momenten nicht traurig, dass Sie sich hauptberuflich doch für die Medizin entschieden haben?Meine Leidenschaft ist durchaus bei der Musik, aber Medizin ist großartig und wichtig, und ich bin froh, dass ich beide Bereiche habe.Das Gespräch führte Monika Konigorski.------------------------------Konzert des World Doctors Orchestra am Sa (4. 7.) um 20 Uhr, in der Philharmonie (Großer Saal), Herbert-von-Karajan-Str. 1, Karten unter: 61 10 13 13 oder 01805-23 27 00 (die Karten kosten zwischen 20 und 50 Euro).------------------------------Foto: "Jetzt trauen wir uns auch an Mahler heran" - Musikdirektor Stefan Willich schwärmt von den vielen sehr guten und enthusiastischen Musikern in dem Orchester. Alle sind hauptberuflich Ärzte.