Acht Jahre danach. Michael H. aus Spandau wollte es kaum glauben. Dass da im November vergangenen Jahres wirklich Polizisten an seiner Tür klopften. Acht Jahre hatte es gedauert, bis die Ermittler ihn gefunden hatten. Nun steht der mittlerweile 32-jährige Möbelpacker Michael H. vor Gericht. Am 10. Januar 1994 soll er den Angestellten Peter Jacobi, damals 53 Jahre alt, in dessen Wohnung in der Heimstraße in Kreuzberg erdrosselt haben. Einer der spektakulärsten Kriminalfälle in den vergangenen 50 Jahren war aufgeklärt. Mit Fingerspitzengefühl.Ein Zufall hatte die Polizisten auf die Spur des Spandauers gebracht. Michael H. war 2002 mit Marihuana erwischt worden. Die Polizei nahm seine Fingerabdrücke und schickte sie in das Bundeskriminalamt (BKA) nach Wiesbaden. Routine. Dort wurden sie, wie in solchen Fällen üblich, mit bislang nicht identifizierten Spuren verglichen. Eine Woche später war Michael H. des Mordes überführt. Seine Fingerabdrücke waren identisch mit jenen, die 1994 in der Kreuzberger Wohnung gefunden und anschließend gespeichert worden waren. Fingerabdrücke gehören zu den klassischen Visitenkarten eines Täters. Die Analyse dieser Spuren heißt Daktyloskopie. Das Wort setzt sich aus den griechischen Wörtern daktylos (Finger) und skopein (schauen) zusammen. Weil kein Fingerabdruck mit einem anderen identisch ist, führen die Spuren direkt zum Besitzer und zumeist auch zum Verbrecher. Die Hautmuster auf den Fingerspitzen, die so genannten Papillarlinien, entwickeln sich bei jedem Menschen bereits im Mutterleib. Linien, Bögen und Wirbel bleiben bis zum Verfall des Körpers unverändert. Dadurch können Leichen über ihre Fingerabdrücke noch lange nach dem Tod identifiziert werden. Viele Täter tragen Handschuhe am Tatort, um der Verfolgung zu entgehen. "Doch auch diese hinterlassen nachweisbare Spuren", sagt Dirk Jacob, Inspektionsleiter im Berliner Landeskriminalamt (LKA). Er ist zuständig für die Archivierung der Fingerabdrücke. Die Methode des Gangsterbosses Al Capone aus Chicago, sich die Haut auf den Fingerkuppen wegätzen zu lassen, bringe nichts, sagt Jacob. Zum einen sei der Schmerz zu groß, zum anderen seien Fingerabdrücke mit weggeätzten Mustern besonders auffällig, weil sich Narben bilden. Versuche, die Polizei zu täuschen, indem die Haut an den Fingerkuppen abgeschnitten und seitenverkehrt wieder angenäht wurde, scheiterten ebenfalls, weil Papillarlinien sich immer wieder neu bilden. Dirk Jacob schildert einen Fall, bei dem ein Untersuchungshäftling seine Finger an einer verputzten Zellenwand blutig gerieben hat. Es hat nichts genutzt. Als der Schorf abfiel, waren die Fingerabdrücke wieder wie neu.Schon 2200 v. Chr. wussten Ägypter, Chinesen und Japaner, dass jeder Mensch unterschiedliche Fingerabdrücke hat. Das nutzten sie für die Unterzeichnung von Urkunden. Gut 100 Jahre ist es her, dass in Deutschland begonnen wurde, Fingerabdrücke zu archivieren. Am 1. April 1903 begann der Dresdener Polizeipräsident damit, Fingerabdrücke zu sammeln. Berlin folgte im Sommer desselben Jahres. Seitdem sind in der Sammlung 255 000 Männer, Frauen und Kinder registriert. Fingerabdrücke werden nicht für immer registriert. Sie bleiben bei Erwachsenen zehn Jahre, bei Jugendlichen fünf und Kindern zwei Jahre in den Sammlungen des Landkriminalamtes und des BKA. An der Arbeit der Spurensicherer hat sich in hundert Jahren so gut wie nichts geändert. Noch immer fahren sie mit Folien, Kleber, Lupe, Pinsel und schwarzem sowie gold-und silberfarbenem Rußpulver zum Tatort. Die Haare der Pinsel bestehen aus Kunststoff. Sie müssen besonders fein sein, damit eine Spur nicht verwischt wird. Früher wurden zum Pinseln auch Federn des Marabus verwendet. Wegen des Tierschutzes sind diese Zeiten jedoch vorbei. Die feinen Hautlinien kommen durch das Pulver, durch chemische Lösungsmittel oder durch Sekundenkleber zum Vorschein, je nach Oberfläche. Papillarlinienmuster sind einzigartig. Sie werden unter Vergrößerungsgläsern mit speziellen Nadeln gezählt und in verschiedene Merkmale eingeteilt. Zur Ausrüstung der Spurensicherer gehören auch Taschenlampe, Pinzette und kleine Spiegel, um Spuren in unzugänglicheren Ecken zu sichern. Außerdem haben die Spurensucher Druckerschwärze und weißes Papier dabei, falls ein Tatverdächtiger seine Abdrücke abgeben muss. Wenn die Spezialisten einen Fingerabdruck gefunden haben, wird der Abdruck mit Spezialfolie gesichert und in eines der Labore des Landeskriminalamtes am Tempelhofer Damm gebracht. Manchmal mussten auch schon komplette Möbelstücke vom Tatort wegtransportiert werden, weil auf ihnen unterschiedlichste Abdrücke gefunden worden waren. Spuren halten sich je nach Temperatur und Feuchtigkeit. Abdrücke an Vitrinen kann man häufig noch nach Jahren finden, zumindest wenn das Glas in der Zwischenzeit nicht poliert wurde. Über die Qualität eines Musters entscheidet die Oberfläche des vom Täter angefassten Gegenstandes. Abdrücke auf glatten Flächen sind leichter zu identifizieren als auf Stoffen. "Die besten Spuren hinterlassen feuchte Hände", sagt Dirk Jakob. Spuren von Putzkräften oder sehr reinlichen Hausfrauen erfordern mehr Technik, weil ihre Papillarlinien häufig abgerubbelt oder ausgewaschen sind.Mehr als 80 Daktyloskopen arbeiten rund um die Uhr im Berliner LKA. Etwa die Hälfte von ihnen hat den Polizistenberuf gelernt. Die anderen sind Angestellte. Alle wurden drei Jahre bei erfahrenen Spurenspezialisten ausgebildet. Für Fachleute, die als Gutachter für Fingerspuren vor Gericht bestellt werden, ist zusätzlich eine Spezialausbildung im Bundeskriminalamt in Wiesbaden erforderlich.3,5 Millionen Daten im Speicher // Seit 1993 wird das Automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungssystem (Afis) im Bundeskriminalamt in Wiesbaden von den Länderpolizeien genutzt. Mit diesem Computersystem sind die Landeskriminalämter aller Bundesländer verbunden. Außerdem ist der internationale Datenaustausch möglich.Im Afis sind derzeit mehr als 3,5 Millionen Fingerabdrücke gespeichert. Darunter befinden sich auch die Abdrücke von 250 000 Männern, Frauen und Kindern aus Berlin.Ingesamt gibt es im Afis-Speicher des BKA rund 150 000 nicht identifizierte Spuren sowie 510 000 Abdrücke von Handflächen. Bearbeitet werden jährlich 500 000 Fingerabdrücke sowie rund 200 000 Handflächenpaare.Die Abdrücke stammen von Straftätern, oder sie wurden als Spuren an Tatorten gesichert. Die Landeskriminalämter geben ihre sichergestellten Spuren regelmäßig in das Afis ein.Die Computer vergleichen automatisch einmal in der Woche alle archivierten Spuren miteinander. Zuerst ermittelt Afis, von welchem Finger die Spur stammt. Anschließend wird das Grundmuster des Abdrucks analysiert. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Fingerabdrücken, die Bogen-, Schleifen- oder Wirbelmuster tragen.Anhand von elf Kriterien werden die Linien der Fingerabdrücke eigehender analysiert. Dabei wird nach Beginn und Ende von Linien, nach Verästelungen, Haken, Gabelungen und Sonderheiten geschaut (siehe Grafik).Ein Täter gilt als überführt, wenn sein Fingerabdruck mit einem Vergleichsabdruck in insgesamt zwölf Fällen übereinstimmt. Wenn schon das Grundmuster identisch ist, reichen auch acht Übereinstimmungen.Der Rechner sucht für jede nicht identifizierte Spur 30 Fingerabdrücke, die der zu analysierenden Spur am ähnlichsten sind. Den eigentlichen Vergleich übernehmen Daktyloskopen. Computer können dies nicht.Das BKA identifiziert mit Afis jährlich 28 000 Personen anhand der gespeicherten Fingerabdrücke. 13 500 Spuren, die an einem Tatort oder auf einem Beweisstück hinterlassen wurden, werden jährlich identifiziert und zugeordnet.Die Speicherzeit der Abdrücke richtet sich nach der Straftat. Abdrücke in einem Mordfall werden nicht gelöscht, weil Tötungsverbrechen nicht verjähren. Spuren aus Banküberfällen werden erst nach 15 Jahren gelöscht.DER ERFINFER // Paul Koettig, Dresdens Polizeipräsident, begann 1903 als erster Deutscher, Fingerabdrücke von Straftätern und Gefangenen zu archivieren. Die Berliner Polizei folgte noch im Winter desselben Jahres. Koettig war ein anerkannter Experte der Kriminalitätsbekämpfung. Schon 1895 hatte er als Chef der Dresdner Kripo das System der Körpermessung eingeführt.BERLINER ZEITUNG/MATTI BESSER Elf Kriterien zur genauen Bestimmung eines Fingerabdrucks.POLIZEI Paul Koettig.BERLINER ZEITUNG/WULF OLM Lupenreine Spurensuche - die Berliner Daktyloskopin Christin Mai sucht nach Fingerabdrücken auf einem blauen Müllsack, der an einem Tatort lag.