Wegen Beihilfe zum Bombenanschlag auf das französische Kulturzentrum ~Maison de France" ist gestern der frühere MfS-Offizier Helmut Voigt zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Voigt habe 1983 in Kenntnis von Attentatsplänen dafür gesorgt, daß die Gruppe um den Terroristen Carlos Sprengstoff erhält, hieß es Indem Urteil. das auf Beihilfe zum Mord lautet.Vor dem Saal 700 des Moabiter Landgerichts zucken die Blitzlichter. Kameras werfen gleißendes Licht auf den für. Noch einmal muß an diesem 18. Verhandlungstag eine Größe der früheren DDR aussagen. Nach Stasi-Chef Erich Mielke, nach den MfS-Führungsleuten Gerhard Neiber, Harry Dahl und Günter Jäckel wird Egon Krenz in den Zeugenstand gerufen.Krenz liest abSelbstsicher, gekleidet in einen grauen Anzug und einen dunkelblauen Wildledermantel, erscheint der S7jährige, der seinen Beruf mit Lehrer angibt, vor der 29. Großen Strafkammer. Wie bereits seine prominenten Vorgänger hat sich auch Krenz auf seinen Auftritt gut vorbereitet und liest seine Aussage von eine~m Manuskript ab. Wie die vorangegangenen Zeugen hat auch der letzte SED-Chef für die Richter eine politische Erklärung parat, in der er die Verantwortung der Stasi an dem Anschlag weit zurückweist und Voigt Ruckendeckung gibt.Dessen Erklärung, der Anschlag am 25. August 1983 sei eine "Panne" gewesen, hält Krenz für "absolut korrekt und glaubwürdig". Die DDR sei "weder mit Terroristen verbündet noch selbst ein terroristischer Staat" gewesen, betont er und verweist auf Erklärungen der DDR vor den Vereinten Nationen.Gerade in den 80er Jahren habe die DDR auf dem Höhepunkt ihrer internationalen Reputation gestanden. Deshalb konnte ein derartiger Anschlag "nicht nützlich sein für die DDR, die SED und Voigt".Krenz spart nicht mit Attacken. "Die Anklage ist konstruiert, um die DDR in die Nähe von Terroristen zu bringen", wirft er der Justiz vor. Unter Hinweis auf den mißglückten BKA-Einsatz in Bad Kleinen fügt ei hinzu: "Für unverschuldete Pannen wird in der Bundesrepublik niemand belangt."Ungeniert und skrupellosNie sei im Politbüro über solche Themen diskutiert worden, bemerkt er bissig auf Nachfrage des Nebenklage-Vertreters. Und schon gar nicht will Krenz dazu Stellung nehmen, ob Mielke eigenmachtig handelte. "Ich bin nicht bereit, Fragen zu beantworten, die Voigt nicht betreffen." Ob es in der Haltung der DDR zum Terrorismus eine Diskrepanz zwischen Worten und Taten gegeben habe, bohrt der Anwalt nach. "Nein", lautet die heftige Antwort.Zwar wertet das Gericht die Aussa~e von Krenz als Indiz dafür, daß die politische Führung der DDR nichts von dem Anschlag gewußt habe. Das MfS "sei ein Staat im Staate gewesen, der nicht alles preisgab". Gleichwohl steht für die Richter die Verstrickung der Stasi in den Anschlag, bei dein am 2S. August 1983 ein Mensch starb und 23 verletzt wurden, eindeutig fest. "Die ungenierte und skrupellose Zusammenarbeit des Ostblocks mit der Carlos-Gruppe ist ein Skandal", empört sich der Vorsitzende Richter Wolfgang Hüller. Die bekundete Ablehnung des Terrorismus hält er für "Augenwischerei und bloßes Lippenbekenntnis".Vor allem die Unterlagen aus dem MfS belegten in der dreimonatigen Verhandlung, wie die Behörde seit Ende der 70er Jahre die Gruppe um den international gefürchteten lerroristen "Carlos, , den Venezolaner lirich Ramirez Sanchez, und den Deutschen Johannes Weinrich unterstützte.Waffen geduldetUnbehelligt konnten sich die Männer in der DDR aufhalten. Die Stasi beschaffte ihnen Visa und Sichtvermerke für gefälschte Pässe, sie reservierte Hotelzimmer, ermöglichte konspirative Treffs mit anderen Terror-Organisationen und duldete, daß die Eingereisten Waffen trugen. Unter Mitwirkung der Stasi konnten sogar Waffen an die baskische Untergrund-Organisation ETA übergeben werden. Im "Kampf gegen den Klassenfeind", so Richter Hüller, fanden die ungleichen Partner zusammen.Die zahlreichen Anschläge der Gruppe, ihr "schmutziger Privatkrieg" gegen Frankreich nach der Verhaftung von Bandenmitgiledern -- das alles wußte die Staatssicherheit, wie aus den Unterlagen von Voigts Abteilung "Internationaler Terrorismus hervorgeht. Zwar wuchs das Mißtrauen Voigts gegen die Bande, zumal sich diese immer häufiger der Hilfe nahöstlicher Länder bediente. Konsequenzen zog das MfS aber nur halbherzig: Im Mai 1983 wurden Weinrich bei seiner Einreise 24 Kilogramm Sprengstoff abgenommen -- um ihn im August 1983 wieder an den Terroristen auszuhändigen, "ohne zwingenden Grund", wie der Vorsitzende Richter Wolfgang Hüller anmerkte. Weder der zwei Monate zuvor abgefaßte Bericht von Voigts Mitarbeiter, der mit Anschlägen rechnete, noch ein weiterer Bericht darüber, daß die Gruppe das West-Berliner Maison de France ausspähte, hinderte die Stasi an der Rückgabe des Sprengstoffes.Mörder sind unbehelligtVoigts Aussage, er habe diese Berichte nie erhalten, wertet das Gericht als falsch und durch die Aussage seines Mitarbeiters für widerlegt. Der Angeklagte habe den Anschlag zwar nicht gewünscht, "ihn aber in Kauf genommen", so die Richter. Damit sei Voigt der Gehilfe von Mördern geworden. "Mörder, die noch heute frei in Damaskus herumlaufen", ärgert sich Richter Hüller. Denn auch das wurde in dem Prozeß klar: Syrien half den Terroristen damals mit Pässen, Autos und Waffen. In ihrer Botschaft wurde die Tasche mit dem Sprengstoff deponiert.Noch heute deckt Damaskus die Terroristen, die sich damals zum Anschlag bekannt haben. Auslieferungsersuchen der Bundesregierung blieben bislang imbeantwortet. "Es ist an der Zeit, daß die deutsche Seite international Druck macht", fordert das Gericht. Ein Appell, der angesichts der Rolle Syriens bei den Friedensgesprächen im Nahen Osten un-Mehört verhallen dürfte.Unter Auflagen verschontVoigt wird voraussichtlich der einzige bleiben, der wegen des Anschlags zur Rechenschaft gezogen wird. Aber auch das will die Verteidigung verhindern. Sie beabsichtigt Revision einzulegen. Bis ein rechtskräftiges Urteil ergeht, werden Monate verstreichen. Diese wird der Sljährige in Freiheit verbringen. Unter Auflagen ist er von der Haft verschont worden. Ob er jemals die nach Anrechnung der Untersuchungshaft verbleibenden zwei Jahre und sieben Monate Haft verbüßen muß, bleibt fraglich.Ein Bombenattentat der internationalen Terrorbande "Carlos" zerstörte am 25. August 1983 das französische Kulturzentrum Maison de France am Berliner Kurfürstendamm. Ein Mensch starb, 23 Personen wurden verletzt. Foto: Glaser Helmut Voigt, früherer Stasi-Oberstleutnant.