Jun Takemoto sieht etwas müde aus. Die Reise war lang. Mehr als 12 Stunden war er unterwegs, um am Donnerstag von Japan über Frankfurt am Main nach Berlin zu fliegen. Gerade ist er im Scandic-Hotel am Potsdamer Platz angekommen. Er sitzt im Rollstuhl, neben ihm im Foyer stehen noch seine Koffer - und sein Handbike für das Rennen. "Berlin hat den einzigen großen Stadtmarathon für Handbiker", sagt Takemoto. "Deshalb bin ich gekommen, um hier am Sonntag zu starten."

Schon vor einem Jahr war der 43-Jährige beim Berlin-Marathon dabei. Beeindruckend sei es gewesen, wie die Zuschauer dicht gedrängt am Straßenrand standen. "Ich kannte niemanden, mich kannte niemand. Und trotzdem wurde ich angefeuert. Man fährt schneller, schneller, schneller. Das ist ein sehr schönes, großes Gefühl", sagt er.

Enthusiastische Berliner

Dieses Gefühl und die vielen Musikgruppen an der Strecke will er wieder erleben. Takemoto wählt seine Worte sorgsam. Die Berliner seien viel enthusiastischer als die Menschen in Tokio, sagt er. Deshalb hat er die Reisestrapazen auf sich genommen, obwohl von ihm keine Spitzenzeit von gut einer Stunde wie bei den Top-Handbikern zu erwarten ist. 2010 wurden für ihn 1:58:55 Stunden notiert. Nun will er schneller sein, vielleicht schaffe er die Distanz in eineinhalb Stunden.

Seit zwei Jahren trainiert Jun Takemoto mit dem Handbike, das über 27 Gänge verfügt und wie ein Rennrad funktioniert. Nur, dass die Kurbel nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen gedreht wird. Übermäßig dicke Oberarme hat er aber nicht. Und die liegende Position zwischen Vorderrad und den beiden Hinterrädern sei bequem, sagt er. Querschnittsgelähmt ist Takemoto seit 23 Jahren. Damals war er mit dem Rennrad unterwegs, als er von einem Auto erfasst wurde. Heute lebt er in der Region Shizuoka nahe Japans höchstem Berg Fuji, er arbeitet im öffentlichen Dienst.

Freundlich sagt Takemoto, dass Berlin eine schöne Stadt sei. Aber er ist zu sehr Sportler als dass er sich Zeit für eine Stadtrundfahrt nimmt. Wird er sich etwas ansehen? Er habe kein Programm, sagt Takemoto. Er will lieber mit seinem Handbike trainieren und so die Stadt kennenlernen. Eine Bar wird er sicher besuchen, vielleicht etwas shoppen.

Wie die anderen 20 Japaner, die zum Marathon gekommen sind und im Scandic für ein paar Tage bis zur Abreise am Montag wohnen. Unter ihnen ist auch Kazumi Nakayama. Die 28-Jährige wird am Sonntag bei den Rollstuhlfahrern starten. Ihr großes Ziel sei es, sich für die Paralympics nächstes Jahr in London zu qualifizieren, sagt sie.

Brot, Salat und Joghurt

Für das Scandic, das im Herbst 2010 eröffnet wurde, ist es die Marathon-Premiere. 300 der 563 Zimmer seien von Läufern und Rollstuhlfahrern sowie deren Begleitern belegt, sagt Verkaufsdirektor Heiko Kain. Er rechnet damit, dass am Wochenende seine Tiefgarage fest in dänischer Hand ist. Denn die Dänen sind traditionell beim Berlin-Marathon nach den Deutschen die am zweitstärksten vertretene Nation.

Das Scandic hat sich wie viele andere Hotels auf den Marathon vorbereitet. "Die Sportler wollen vor allem leicht verdauliche Speisen mit vielen Kohlenhydraten", sagt der 42-jährige Kain. Er ist schon Halbmarathon gelaufen und will in Berlin unbedingt einmal die volle Distanz bestreiten. Er weiß also, was Sportler brauchen. Nudeln in allen Variationen wie Spaghetti Bolognese seien natürlich der Klassiker. "Wir haben extra das Pasta-Buffet erweitert", sagt Kain. Für das Frühstück, das am Sonntag eine Stunde eher ab sechs Uhr angeboten wird, sei mehr Obst geordert worden, vor allem Bananen. Und sollte sich jemand eine Blase laufen, hält die Rezeption Pflaster bereit.

Ähnlich hat sich das Maritim-Hotel an der Stauffenbergstraße vorbereitet. Dort sind die Weltklassesportler etwa aus Äthiopien und Kenia untergebracht. "Sie sind sehr pflegeleicht. Bei den Mahlzeiten wollen sie keine Extras, keinen Schnickschnack", sagt Maritim-Regionaldirektor Bernhard Dohne. Abends gebe es Pasta, nicht zu fleischhaltig, mit Gemüse, Fisch und Hühnerfleisch, morgens sei Müsli der Renner - mit Nüssen und Rosinen als Energiespender.

Jun Takemoto wird es am Renntag anders halten. Brot, Salat und Joghurt werde er essen und Kaffee trinken. Vor dem Rennen muss er auch noch trainieren, sagt er am Freitagmorgen. Nachdem er sich vom Rollstuhl in sein Handbike gesetzt hat, fixiert er seine Beine neben dem Vorderrad und schließt die Klettverschlüsse der Bänder. Er setzt den Helm auf - die Farben sind rot und weiß wie die japanische Flagge - zieht Handschuhe an und legt sich hin. Dann kurbelt er los.



Berliner Zeitung, 24.09.2011