KUCKUCK. Thiago Schmidel de Freitas trägt knallgelbe Fußballschuhe. Der Mittelfeldspieler will auffallen. Anscheinend um jeden Preis. Als sein Team, die Mannschaft mit dem Namen Prignitzer Kuckuck Kickers, in der Brandenburg-Liga, der höchsten Spielklasse des Landes, den FC Schwedt 02 empfängt, gehört der lang aufgeschossene Brasilianer tatsächlich zu den kreativsten Spielern auf dem Platz. 215 Zuschauer sehen zu. Sie sitzen unterhalb einer kleinen hölzernen Überdachung - Tribüne wäre übertrieben - auf ein Schriftzug prangt: "Jesus liebt Dich."Für himmlischen Beistand ist gesorgt. Die Zuschauer sind erstmal vor allem mit irdischen Dingen beschäftigt, mit Bier in Plastikbechern und mit knackigen Bockwürsten. Sie sehen, wie der elegante Thiago Schmidel de Freitas, 21, seine Mannschaft mit einem wuchtigen Kopfball in Führung bringt.Am Ende gewinnen die Gastgeber 3:1 und die Schwedter bekommen nicht nur Probleme mit den wuseligen Kuckuck-Kickers, sie verstehen auch ihre Gegenspieler auf dem Spielfeld überhaupt nicht. Auf dem Rasen des kleinen schmucken Sportplatzes, auf dem einst Pferde und Kühe grasten, wird vor allem Portugiesisch gesprochen und auch kräftig geflucht. Die Prignitzer beginnen das Duell mit acht Spielern aus Brasilien und drei Deutschen. Zwei Kicker, die ebenfalls aus dem Land des fünfmaligen Weltmeisters stammen, werden später eingewechselt. Auch sie tragen klangvolle Namen, die der Stadionsprecher leider nicht emotional genug zelebriert: Renan de Souza Mucci Daniel, dem der Treffer zum 3:1 gelingt und Rodrigo Adao de Oliveira.Der junge Mann mit den knallgelben Fußballschuhen, Thiago Schmidel de Freitas, marschiert nach dem Abpfiff stolz vom Platz. Die Zuschauer munkeln, dass Scouts vom FC Hansa Rostock ein Auge auf ihn geworfen haben. Thiago grinst, er widerspricht natürlich nicht. Er gehört zur höchstwahrscheinlich größten Kolonie brasilianischer Fußballer in einem deutschen Verein. Sein Landsmann Carlos Augustos de Oliveira, 26, war der erste Kicker aus Übersee, der vor fünf Jahren in Kuckuck im Brandenburgischen landete. Eine Verletzung stoppte später seine Karriere."Jetzt sind wir hier insgesamt 16 Brasilianer", sagt de Oliveira im besten Deutsch. Er habe früher sehr erfolgreich in der Jugend von Palmeiras São Paulo gespielt und später in der Dritten Liga Italiens, in der Serie C, behauptet der freundliche Mann jedenfalls. Er ist längst der wichtigste Ansprechpartner, Betreuer und Dolmetscher für seine meist sehr jungen Landsleute geworden.All das ist genauso ungewöhnlich wie der Schauplatz. Der Verein wird von der Konkurrenz argwöhnisch beäugt. Kuckuck ist ein einsam liegender Ortsteil des Dörfchens Sadenbeck. Das wiederum liegt ein paar Kilometer von Pritzwalk entfernt - an der Autobahn von Berlin nach Hamburg. Die Einwohnerzahl von Kuckuck schwankt zwischen 40 und 60, derzeit sollen es 46 sein, sagt die freundliche Frau, die neben dem Platz die Bockwürste verkauft. Kuckuck, das sind ein paar sauber verputzte Häuser, aber vor allem ein riesiges Autohaus mit ebenso riesiger Reklame auf dem Dach, eine große Wiese, auf der Autos zum Verkauf stehen und der Sportplatz direkt am Autohaus.Fast alles betreibt Lothar Volkmann, ein Mit-Fünfziger. Er verkauft nicht nur Autos, er ist auch der Vorsitzende der Kuckuck Kickers und seit Januar auch noch der Trainer. In der Winterpause trennte er sich von Fußballlehrer Dietmar Bletsch. Der war einst als Spieler für Stahl Brandenburg sogar in der Zweiten Bundesliga am Ball, konnte wegen eines anderen Jobs aber meist erst am Abend trainieren. Die Brasilianer wollten aber lieber schon tagsüber spielen, was in Kuckuck natürlich möglich ist. "Wir trainieren zweimal am Tag", sagt Carlos de Oliveira, der entscheidend daran beteiligt ist, dass immer wieder neue Landsleute nach Kuckuck kommen. Seine Beziehungen zu Palmeiras sollen Gold wert sein. "Außerdem", verrät er, habe Bletsch die jungen Brasilianer zu wenig gelobt und sie oft zu defensiv eingestellt. "Die brauchen alle ihre Freiheiten auf dem Platz, dann sind sie auch gut", behauptet de Oliveira, "das haben wir auch dem Lothar gesagt."Der Lothar, also Autohändler Volkmann, sorgt dafür, dass die talentierten Samba-Kicker in einem schlichten Internat am Ort freie Kost und Logis genießen. Sie spielen für ein Taschengeld und bekommen Prämien. Ein nicht genannter Immobilienmakler unterstützt das Unternehmen "Brasil" mit einer Summe, die sechsstellig sein soll. Aber über Geld reden sie nicht so gern rund um das Autohaus.Der ein wenig unheimlich anmutende Aufstieg der Kuckuck Kickers begann im Jahr 2000. Erst vor neun Jahren wurde der Verein gegründet. Von Volkmann, ein paar Getreuen und der Pastorin Astrid Eichler, die damals die evangelische Kirchengemeinde in Buchholz betreute. Die Pastorin war auch die erste Präsidentin des Vereins, der sich fortan christlich orientierte. "Jesus lebt" steht auf den Eintrittskarten und den Fanschals. Vier Euro kostet der Besuch des Spiels gegen Schwedt. "Ich bin überzeugt, dass man mit Jesus wirklich Erfolg haben kann", sagt der fußballverrückte Allesmacher Volkmann, "aber bei uns wird keiner gezwungen, den christlichen Glauben anzunehmen."Vielleicht doch mit etwas himmlischem Beistand nahm die rasante Entwicklung der Mannschaft ihren Lauf. Fünf Mal wurde seit 2000 ein Aufstieg gefeiert. In der zweiten Kreisklasse begann das kleine Wunder, vielleicht endet es irgendwann sogar mal in der Oberliga. "Das ist mein Traum", sagt Lothar Volkmann, "aber nicht unbedingt mein Ziel. Wir wollen ganz einfach guten Fußball spielen."Viele der jungen Brasilianer, die sich in Kuckuck sehr heimisch fühlen, kamen über den Verein "Athleten für Christus", der in der Nähe von Stuttgart beheimatet ist, ins Brandenburgische. Der seit 1998 eingetragene Verein führt internationale Fußballcamps mit Jugendlichen durch und betreibt eine sogenannte "Sport-Bibel-Schule"."Der Neid ist schon manchmal recht groß, weil wir sehr gute Bedingungen für unsere Spieler geschaffen haben", sagt Vereinschef Volkmann, "wir werden halt oft als Retortenklub angesehen." Der Brandenburgische Fußballverband betrachtet die Kickers als normalen Verein, wenn auch als einen sehr exotischen. Gegen die Regeln verstoßen sie bislang jedenfalls nicht.Als die Seleçao aus Kuckuck im letzten Heimspiel das Team aus Schwedt bezwingt, ziehen die 215 Zuschauer zufrieden nach Hause. Thiago Schmidel de Freitas stapft vom Rasen. Seine knallgelben Fußballschuhe sind dreckverschmiert. Auf dem Weg unter die nahe Dusche im Autohaus bekommt er ein paar freundliche Klapse auf die Schulter. Dreißig Minuten später ist in Kuckuck niemand mehr zu sehen. Auf der hölzernen Anzeigetafel steht es längst wieder 0:0.------------------------------"Ich bin überzeugt, dass man mit Jesus wirklich Erfolg haben kann." Lothar Volkmann------------------------------Foto (2): Freunde des Fußballs: Im Örtchen Kuckuck betrachtet man die Spiele in der Brandenburg-Liga mit himmlischem Beistand. Auf dem Platz halten vor allem Brasilianer ihre Beine hin - gesprochen wird dort portugiesisch.