KÖNIGS WUSTERHAUSEN. Zwei Brandenburger Städte sammeln jetzt bei ihren Bürgern Geld für Zwangsarbeiter aus der Zeit des Nationalsozialismus: Brandenburg/Havel und Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald). Das hat Seltenheitswert: "In ganz Deutschland haben sich bislang nur sechs Gemeinden an der NS-Zwangsarbeiterstiftung beteiligt", sagte Peter Tücksen, Referatsleiter im Bundesfinanzministerium. Zuvor fand eine Spenden-Initiative der PDS in Falkensee (Havelland) keine Mehrheit im Stadtparlament. In Potsdam laufen derzeit noch Gespräche über eine Beteiligung der Stadt an Entschädigungszahlungen.16 000 Mark aufs KontoDie Stadtverordneten von Königs Wusterhausen riefen vor kurzem die Einwohner der Stadt auf, Geld für den zentralen Entschädigungsfonds zu spenden. Bereits Ende Januar - noch bevor der Stiftungsvertrag unterschrieben war - hatte das Stadtparlament eine Willenserklärung verabschiedet, sich an dem Fonds zu beteiligen.Spenden aus Brandenburg/Havel sollen dagegen nicht an die zentrale Bundesstiftung überwiesen werden. Seit Januar dieses Jahres haben 152 Einwohner bereits 16 000 Mark eingezahlt. "Wir suchen selbst ehemalige Zwangsarbeiter in Polen und der Ukraine, die bei uns arbeiten mussten", sagte der Initiator der Sammlung, der CDU-Stadtverordnete Friedrich von Kekulé. Denen wolle man als Zeichen der Versöhnung helfen. In Brandenburg/Havel waren 1944 etwa 15 000 Zwangsarbeiter beschäftigt. Außerdem begann hier das Euthanasie-Programm der Nazis: Im Jahr 1940 wurden 9 700 psychisch Kranke und körperlich Behinderte vergast.Zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern hatte sich die Bundesrepublik im Juli endgültig verpflichtet, der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zehn Milliarden Mark zur Verfügung zu stellen. Ursprünglich war geplant, dass sich Wirtschaft, Bund, Länder und Kommunen die Summe teilen. Dann übernahm der Bund den Anteil der öffentlichen Hand von fünf Milliarden Mark. Die gleiche Summe versucht die deutsche Wirtschaft gerade zusammenzubekommen. "Dort sind aber erst 3,2 Milliarden Mark gesammelt worden", sagte Peter Tücksen vom Finanzministerium. Städte und Gemeinden seien nicht verpflichtet, sich an der Stiftung zu beteiligen: "Aber als so genannte Dritte können sie freiwillig Geld spenden", sagte er. Das Geld könne entweder dem Anteil der Wirtschaft oder dem des Bundes gutgeschrieben werden. "Aber wir empfehlen Gemeinden, es als Zustiftung auf die zehn Milliarden Mark draufzulegen."Außenlager von SachsenhausenDies ist auch die Position von Königs Wusterhausen. "Das Geld, das wir sammeln, soll weder auf den Bundes-, noch auf den Industrieanteil angerechnet werden", sagte Bürgermeister Jochen Wagner (SPD). Die Stadt wolle mit den Spenden ihre moralische Verantwortung wahrnehmen und ein Beispiel geben. In der Region Königs Wusterhausen hat es in der NS-Zeit 14 Zwangs- und KriegsgefangenenLager und ab 1944 ein Außenlager des KZ Sachsenhausen gegeben.Der Brandenburger Städte- und Gemeindebund kann sich mit dem Geldsammeln der Städte nicht anfreunden: "Wir empfehlen, von solchen Einzelaktionen abzusehen", sagte Bund-Chef Karl-Ludwig Böttcher. Erst einmal sei die Wirtschaft gefordert. "Die war der Hauptprofiteur der Ausbeutung, und von ihr fehlen noch fast zwei Milliarden Mark." Der Städtebund habe immer vor "Schnellschüssen" gewarnt, mit denen sich Städte aus moralischen Gründen schon vor der Stiftungsgründung verpflichteten, Geld für den Fonds zu sammeln. Die Entschädigung solle zentral erfolgen. "Das sollte nicht unterlaufen werden", sagte Böttcher. Besser sei es, an das Schicksal der Zwangsarbeiter vor Ort zu erinnern.Entschädigung // Stiftung: Bund und Wirtschaft wollen je fünf Milliarden Mark für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern bereitstellen. Am Anteil der Wirtschaft fehlen noch 1,8 Millarden.Brandenburg: 34 Firmen im Land beteiligen sich bis jetzt an der Stiftung. Das sind die wenigsten bundesweit.Freiwillige Spenden: 800 000 Mark erhielt die Stiftung zusätzlich: vor allem von Bürgern, die einem Aufruf von Günter Grass folgten, jeder Deutsche solle 20 Mark spenden. Zudem von sechs Kommunen.