In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern stark zurückgegangen", konstatierte Franz Kafka 1924 in seinem Psychogramm eines Hungerkünstlers. Es ist die Geschichte eines Schauhungerers, der mit dem schwindenden Publikumsinteresse am Schauhungern selbst schwindet, bis sein schmächtiger Leichnam achtlos beiseite geräumt wird; und der zugleich am Grundkonflikt des Hungerkünstlers zugrundegeht. Denn "niemand konnte ja wissen, ob ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein."Peter Payer hat das vergessene Metier der Hungerkünstler in einer gut lesbaren, knappen Monografie anschaulich gemacht. Er beschreibt - vor allem bezogen auf Wien - das wechselnde Interesse der Publikums, die Motive der Künstler, die Inszenierung des Schauhungerns: Sie nehmen vor aller Augen ein letztes Mahl ein, lassen sich "einmauern" in Glaskästen - etwa in den Kaffehäusern des Praters, so dass auf der einen Seite der Scheibe gehungert, auf der anderen geschlemmt wird -, lassen Körpergewicht und verbliebene Muskelkraft messen, und feiern mit dem Publikum das erste Essen nach zwanzig, dreißig, ja mehr als vierzig Tagen. Als Kafka schrieb, war die große Zeit des Schauhungerns, das sich ursprünglich mit wissenschaftlichen Zielen legitimierte, schon vorbei - mit Künstlern wie dem legendären Giovanni Succi, der 1896 in Wien auftrat und sich dreißig Tage von 16 150 Gramm Krondorfer Mineralwasser ernährte. Succi, der noch nicht gegen Eintrittsgeld auftrat und im Hotel Royal unter ärztlicher Kontrolle ein Zimmer bewohnte, wurde dortselbst allerdings am 25. Tage beim Verzehr eines Beefsteaks überrascht. Eine neue Welle von Schauhungern gab es auch in der Zwischenkriegszeit noch, im Jahre 1926. Den Hungerkünstler Jolly sahen in Berlin 350 000 Besucher. Im Vergleich zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war das Schauhungern vom wissenschaftlichen Experiment vollends zum Volksspektakel geworden (und mithin auch lustbarkeitssteuerpflichtig); die Türen wurden nicht mehr versperrt, sondern mit Papier versiegelt, um den Künstlern den Abbruch ihrer Rekordversuche zu erleichtern; und Radio und Zigaretten hatten Einzug gehalten in die Glaskästen. 100 000 Zigaretten sollen die Künstler Harry und Fastello in 45 Tagen geraucht haben. Die Zweifel des Publikums an der Echtheit des Hungerns erwiesen sich als berechtigt (Jolly hatte Schokolade durch die Lichtleitung seines Käfigs erhalten, stellte die Staatsanwaltschaft fest); aber das war nicht der einzige Grund für das Abebben des Schauhungerns. Es galt zunehmend als unsittlich, und das Publikum verlangte anschaulichere Formen der Körperbeherrschung durch Willenskraft. Aber noch 1950 hungerte der Hungerkünstler Heros 53 Tage - im Frankfurter Zoo. (che.)Peter Payer: Hungerkünstler. Eine verschwundene Attraktion. Sonderzahl, Wien 2002. 116 S.>