SYDNEY, 29. September. "Da unten steht sie, ich kann sie sehen", brüllte Alain Blondel in sein Mobiltelefon. Das kleine Ding piepte fast im Dauerton. Blondel nahm die Glückwünsche von Freunden und die absurdesten Interviewbegehren entgegen. "Nein, nein, kommen Sie morgen nicht, es gibt nichts Exklusives, das hat keinen Zweck." Blondel telefonierte, gab Auskünfte, schüttelte tausend Hände und hatte dabei doch nur eine Frau im Blick: Etwa dreißig Meter Luftlinie entfernt, im Zielbereich des Stadium Australia, stand seine Partnerin, die er am liebsten sofort in die Arme geschlossen hätte. Heike Drechsler, die Olympiasiegerin im Weitsprung, gab gerade ihr erstes Fernsehinterview. "Das ist ein Wunder", stammelte Blondel, "das ist ein Wunder der Natur."Jüngste Weltmeisterin35 Jahre alt ist Heike Drechsler.Bereits 1983 war sie Weltmeisterin, mit siebzehn Jahren, bis heute die jüngste aller Zeiten. 1984 boykottierte der Ostblock die Spiele von Los Angeles und Drechsler durfte nur bei den so genannten "Wettkämpfen der Freundschaft" siegen. 1988 gewann sie drei Medaillen im Sprint und ihrer Paradedisziplin, aber eben nicht Gold. 1992 schaffte sie endlich den ersehnten Olympiasieg. 1993 wieder die Weltmeisterschaft, in Stuttgart, vor einem grandiosen Publikum, das ihr erstmals das Gefühl gab, in einer neuen Heim at angekommen zu sein. 1996 verhinderte eine Verletzung ihren Olympiastart. In zwei Jahrzehnten Hochleistungssport hat Heike Drechsler hunderte Wettkämpfe gewonnen, Dutzende Medaillen, darunter Gold bei vier Europameisterschaften in Folge. Sie stellte Weltrekorde auf. Sie versuchte sich als Siebenkämpferin. Sie erlitt Verletzungen jeder Art: Körperliche. Seelische. Sie trennte sich von ihrem Mann, der sie über eine Boulevardzeitung mit einer Schmutzkampagne überzog und ihr das Sorgerecht für den Sohn Toni entziehen wollte. Sie musste sich mit Doping- und Stasigeschichten herumärgern. Ihr wurde vorgeworfen, dass sie sich als junges Mädchen in die Volkskammer delegieren ließ. Was Heike Drechsler bislang erlebt hat und durchmachen musste, reicht eigentlich für zwei Leben. Viele Menschen wären daran zerbrochen. Drechsler aber hat den Franzosen Blondel kennen gelernt. Sie zog zu ihm nach Karlsruhe, verließ erstmals ihre thüringische Heimat, kapselte sich ab, öffnete sich, begann gewissermaßen ein neues Leben. Gewann an Persönlichkeit, was auch diese eine Episode vom Freitagabend symbolisiert: Heike Drechsler, die oft genug verängstigt und verkrampft ihre Pressekonferenzen bestritten hatte, antwortete locker auf Englisch. Sie übersetzte sogar die deutschen Fragen und Antworten für englischsprachige Journalisten.Heike Drechsler ist eine Legende. Sie war schon 1986 Weltsportlerin des Jahres. Sie wurde zwölf Jahre später von der Fachzeitschrift "US Track and Field" zur besten Weitspringerin des Jahrhunderts gewählt. Doch es konnte kaum schöneres Lob geben als das jener Frauen, die sie im Stadium Australia bezwang. "Ich freue mich für sie", sagte die Zweite, die Italienerin Fiona May, "und ich weiß, dass ich in einem sauberen Wettkampf unterlegen bin." Sogar Marion Jones, die Dritte, deren Traum von fünf Goldmedaillen Heike Drechsler zerstörte, wollte der Niederlage etwas Positives abgewinnen: "Ich kann meinen Kindern später mal erzählen, dass ich in Sydney gegen eine der besten Weitspringerinnen der Sportgeschichte verlieren durfte." Heike Drechsler hat Freitagnacht oft gesagt, dass sie noch gar nicht begreife, was geschehen sei. Vor einem Jahr hatte sie kurz vor der Weltmeisterschaft in Sevilla, erneut schwer verletzt, noch die Heimreise antreten müssen. "Sie ist ganz alleine zum Flughafen gefahren", sagt Blondel, "niemand vom deutschen Verband hat sich um sie gekümmert. Das hat ihr so weh getan, dass sie aufhören wollte." Nach vier Wochen hat sie es sich dann anders überlegt: "Ich sah meine Spikes und sagte: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein." Sie hat die Entscheidung getroffen, weiterzumachen. Blondel half ihr dabei. "Unser Ziel war zunächst, sie einfach nur gesund nach Sydney zu bringen", erklärte der Franzose. Als die Olympiaqualifikation geschafft war und sich Drechsler im August Zentimeter um Zentimeter steigerte, ahnte Blondel, dass es wieder um Medaillen geht: "Sie ist eine Ausnahmeathletin, sie ist ein Wettkampftyp, ich wusste, dass Heike sieben Meter springen kann." 6,99 Meter haben gereicht. Es hatte eine gewisse Logik, dass Heike Drechsler dieses Finale gewann. Denn es herrschten komplizierteste Bedingungen mit ständig wechselnden Winden. Auch Drechsler hatte Probleme, im ersten Versuch schaffte sie nur 6,48 Meter, im zweiten übertrat sie und musste im dritten Durchgang um den Einzug ins Finale der besten acht Springerinnen bangen. "Sie musste auch nervlich an die Grenzen gehen", sagte Blondel, "ich war mir aber immer sicher, dass sie es schaffen kann." Bei 6,99 Meter landete Drechsler im dritten Versuch. Saisonbestleistung im wichtigsten Wettbewerb. Dann musste sie warten und zittern: "Ich habe mit öfter in den Hintern gezwickt, weil die anderen mir im Nacken waren", sagte Drechsler: "Marion hat doch schon zwei, soll sie mir die eine Goldmedaille gönnen." Marion Jones, die Olympiasiegerin über 100 und 200 Meter, offenbarte alte Probleme: Sie traf gleich viermal den Absprungbalken nicht. Auch nicht im letzten Versuch, der weit über sieben Meter gewesen wäre.Abschiedstournee"Marion hat noch Zeit, um an ihrem Anlauf zu arbeiten", sagte Drechsler, "sie wird es lernen und vielleicht in vier Jahren gewinnen." 2004 in Athen wird Drechsler nicht mehr dabei sein. Im nächsten Jahr gibt sie ihre Abschiedstournee und will noch für eine Saison ihren Sport genießen. Blondel wird dann nicht mehr ihr Trainer sein. Das Paar hatte den Stress und die ständigen Reibereien vom Trainingsplatz mit in die Familie genommen. "Jetzt will ich endlich wieder das Gefühl genießen, dass Heike meine Frau ist, und nicht meine Athletin", sagte Blondel. Für diese Form ihrer Partnerschaft hätte es kein schöneres Ende geben können.Die wahre Königin der Leichtathletik // "Mein Traum ist gestorben, aber ich lebe noch. Das Positive ist, dass ich meinen Enkelkindern in 30 Jahren erzählen kann, ich bin gegen die Beste angetreten und habe gegen die Beste verloren. " Marion Jones, die sich nun mit maximal vier Goldmedaillen bescheiden muss "Ich freue mich ganz toll darüber. Ich hätte nicht gedacht, dass sie das schafft, denn sie hat ja in den vergangenen Jahren eine Durststrecke gehabt und ganz schön viel durchgemacht. " Franka Dietzsch, Diskus-Weltmeisterin "Es können alle von Marion Jones reden, wie sie wollen. Die größte Athletin dieser Spiele ist Heike Drechsler. " Frank Hensel, DLV-Generalsekretär "Das ist die Sensation für mich. Heike Drechsler ist die wahre Königin der Leichtathletik, trotz Marion Jones. Wer nach so vielen Tiefs wieder auf den Punkt springen kann, vor dem ziehe ich meinen Hut. " Rüdiger Nickel, DLV-Leistungssportchef "Wir sind stolz. Das war eine überragende Leistung. " Wolfgang Schulte, Oberbürgermeister Ludwigshafen "Wir sind alle ganz begeistert und glücklich, dass unsere ehemalige Schülerin Heike Drechsler so einen grandiosen Olympiasieg landen konnte. Wir haben ihr auch gleich ein Glückwunschfax nach Sydney geschickt. " Lutz Rösner, Direktor des Jenaer Sportgymnasiums "Wir sind überwältigt. Das ist für uns der größte Tag unserer über 50-jährigen Vereinsgeschichte, denn noch nie hat ein ABC-Athlet eine olympische Medaille gewonnen. " Jürgen Heinrich, Vorsitzender des ABC Ludwigshafen BAUMANN Fliegt und fliegt und fliegt: Heike Drechsler hat diese Art der Fortbewegung zur Perfektion entwickelt.REUTERS/RUBEN SPRICH Olympiasiegerinnen unter sich: Sprinterin Jones (r. ), Springerin Drechsler."Es ist überwältigend. Ich fühle mich wie 24. " Heike Drechsler, 35, nach dem Sieg