17. Juni 1953: „Lasst Euch nicht einschüchtern!“

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, begeht in diesen Wochen den 30. Jahrestag seines Rauswurfs aus der DDR, seinen 60. Geburtstag – und den 60. Jahrestag des 17. Juni. Die Übergänge zwischen seinem persönlichen Leben und der Zeitgeschichte waren immer fließend.

Herr Jahn, wir erinnern uns in diesen Tagen an den 17. Juni 1953. Was wissen wir 60 Jahre nach dem Ereignis, was wir 50 Jahre nach dem Ereignis noch nicht wussten?

Es gibt immer einzelne neue Erkenntnisse, zum Beispiel über die Schicksale mutiger Akteure von damals. Entscheidend ist, dass wir seit dem 50. Jahrestag ein Bewusstsein dafür haben, dass es um einen Volksaufstand ging. Diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt. Wir müssen der nächsten Generation nun vermitteln, was dieser 17. Juni bedeutet.

Wolf Biermann sprach 1976 bei einem Konzert in Köln, das der Ausbürgerung vorausging, der Tag sei „schon ein demokratischer Arbeiteraufstand und noch eine faschistische Erhebung“ gewesen.

Das war falsch. In dem Punkt waren viele der SED-Propaganda erlegen. Auch ich. Als ich 1983 im Westen ankam, bin ich von der damaligen grünen Bundestagsfraktion anlässlich des 17. Juni zu einer Gegenveranstaltung zur offiziellen Feierstunde eingeladen worden. Dort habe ich unter dem Beifall von Petra Kelly, Joschka Fischer und Otto Schily genau die Sätze Biermanns wiederholt. Die Fraktion der Grünen hat applaudiert.

Ost und West im Irrtum vereint.

Ja, ich bedauere das heute sehr. Aber darum geht es ja: Sich einzugestehen, dass man von der SED-Propaganda beeinflusst war. In Wahrheit sind die Protestierenden 1953 für Freiheit und Selbstbestimmung eingetreten.

Was hat Sie vom Irrtum befreit?

Die kontinuierliche Beschäftigung mit dem 17. Juni. Das war ein langer Prozess. Der Westen hat diesen 17. Juni als freien Frühsommertag genutzt. Die Reden von der deutschen Einheit waren mir damals noch fremd. Für mich hat sich das erst entwickelt. Auch in den 90er Jahren ist die Würdigung des 17. Juni viel zu wenig erfolgt. Er wurde als Feiertag abgeschafft. Stattdessen wurde der 3. Oktober zum Feiertag erkoren, ein Tag, an dem ein Vertrag in Kraft getreten ist, und kein Tag, an dem die Menschen auf die Straße gegangen sind. So ist der 17. Juni noch weiter in Vergessenheit geraten. Es war ein Fehler, den 17. Juni als gesetzlichen Feiertag abzuschaffen.

Wollen Sie ihn wieder einführen?

Es kann nicht schaden, noch einmal darüber nachzudenken, ob man den 17. Juni als gesetzlichen Feiertag nicht wieder beleben kann. Ich fände einen Feiertag besser, der daran erinnert: Freiheit und Selbstbestimmung sind nicht selbstverständlich. Es sind die Bürger, die die Gesellschaft verändern.

Sie wurden vor 30 Jahren außer Landes geschafft, weil Sie protestiert haben. Wogegen würden Sie heute protestieren?

Gegen die Verletzung von Menschenrechten. Besonders dann, wenn der Fehler im System liegt und Menschenrechte von Staats wegen verletzt werden.

Nun werden Sie bald so alt sein wie der 17. Juni 1953, nämlich 60. Was bedeutet Ihnen das?

Wenn man das Geburtsjahr 1953 mit sich herum trägt, hat man immer einen Bezug zu dem, was damals war. Schon früh wiesen meine Eltern darauf hin, dass es besser sei, sich nicht aufzulehnen. In der unabhängigen Friedensbewegung, haben uns Kirchenleute zur Mäßigung aufgerufen und gesagt: „1953 steckt uns noch in den Knochen. Rennt nicht mit dem Kopf gegen die Wand.“ Der 17. Juni hat einen langen Schatten geworfen. Vieles, was an Angst und Anpassung da war, hat hier seine Wurzeln.

Was raten Sie den etwas Jüngeren?

Wagt den Widerspruch! Und lasst Euch nicht einschüchtern!

Das Gespräch führte Markus Decker.