Bei den wirklich Großen des Sports ist auch die letzte Schlagzeile noch einmal aus den ganz großen Buchstaben. So war es auch an jenem traurigen Tag im Mai 1979, als "Bild" balkendick meldete: "Gemein: Halla zu Seife verarbeitet!" Es war ein Aufschrei der Wut und Empörung. Allerdings muss zur Ehrenrettung der Darmstadter Tierkörperverwertungsanstalt "A. Fischer und Söhne" rückwirkend gesagt werden, dass sie keine würdelosen Leichenschänder und ehrlosen Lumpen waren, sondern nur ihre Pflicht taten: Die Gesetze sind, was Tierkadaver betrifft, nun einmal streng, und so, wie vor Gott alle Menschen gleich sind, sind es vor A. Fischer und Söhne die Pferde. Jedenfalls war die Bestürzung ob des Todesfalls groß: Wäre Halla kein Pferd, sondern ein Mensch gewesen, die Nation hätte getrauert wie damals, als Sepp Herberger starb. Halla und Herberger waren Helden derselben Epoche: Zwei Jahre nach dem Wunder von Bern stiegen die Deutschen schon wieder auf ihre Stühle und erfreuten sich am fröhlichen Wiehern einer Wunderstute. Aufschrei beim Steilsprung17. Juni 1956. Schlusstag der olympischen Reiterspiele in Stockholm. Als krönender Höhepunkt steht das Jagdspringen im Programm, kombiniert mit dem Preis der Nationen, und im Parcours befindet sich Hans Günter Winkler auf Halla. Als vorletztes Hindernis des ersten Umlaufs stellt sich den beiden eine Strohwand entgegen, 1,60 Meter hoch und mitten im Steilsprung schreit Winkler auf, als habe er ein Messer im Bauch. Von einem Mittelding aus schwerer Zerrung und Sehnenriss in der Leiste ist später die Rede, jedenfalls verliert er den Bügel, und Halla reißt zwar das letzte Gatter nieder, trägt den Reiter aber ins Ziel. "Ich war", beschreibt der sein Leiden, "fast ohnmächtig vor Schmerzen." Hans Günter Winkler, kurz: "HGW", ist 29 Jahre alt und zu der Zeit bereits im Begriff, auf Halla der erfolgreichste Springreiter der Welt zu werden. 1954 (in Madrid) und 1955 (in Aachen) sind die beiden Weltmeister geworden, 1957 holen sie den EM-Titel, am Ende werden sie zusammen 128 Siege errungen haben, darunter fünf Deutsche Meistertitel und von seinen fünf Goldmedaillen bei sechs Olympischen Spielen gewinnt Winkler drei mit seiner Wunderstute. "Ich habe", weiß er, "nie eine größere Persönlichkeit auf vier Beinen gekannt."Seine eigenen zwei Beine kann er an jenem 17. Juni 1956 vergessen. Er ist krankenhausreif. Ausgeschlossen, dass er im zweiten Umlauf noch einmal springt. Doch dann sieht Winkler seine Teamkameraden, Fritz Thiedemann und die anderen, und weil auch deren Olympiagold in der Mannschaftswertung auf dem Spiel steht, nicht nur sein Einzelsieg, beißt er auf die Zähne. Sie setzen ihn probehalber aufs Pferd als er die Beine spreizt, durchzuckt ihn ein höllischer Schmerz, er ist wie gelähmt. "Es muss gehen", sagt Winkler. Sie geben ihm ein Mittel, Morphium wohl, damit er durchhält und die Qualen übersteht. Aber kann ein Ross ohne Reiter gewinnen, ohne dessen Hilfe über die Hindernisse? Alle Hoffnungen gelten Halla, geboren 1945 eines Tages wird sich herausstellen, dass auch die Ausnahmegeschöpfe Beckenbauer und Gerd Müller diesem offenkundig besonderen Jahrgang entstammen. "Halla", so Hans Günter Winkler, "wusste sofort, dass mit ihrem Reiter etwas nicht stimmte. Sie war einmalig." Ausritt mit General EisenhowerSo wie er. Nach dem Krieg ist er Reitlehrer bei den US-Streitkräften in Frankfurt, begleitet General Eisenhower, den späteren Präsidenten, zu seinen Ausritten durch den Taunus und dann, 1951, sieht er diese Stute und stellt sie sich in den Stall, obwohl sie als turnieruntauglich gilt. Sie stammt von einem auf sportlicher Ebene nicht im gering-sten auffällig gewordenen Traberhengst namens "Oberst" ab, und ihre Mutter ist die nicht minder unbekannte "Helena", eine französische Beutestute, von der die Ge-schichtsforschung behauptet, die sei im Schlachtenlärm des Kriegs in wilder Panik in die deutschen Stellungen übergelaufen, um schließlich im Stall des Darmstadter Land-wirts Gustav Vierling zu landen. Dort kommt es zu jenen zwischenpferdlichen Beziehungen, die zur Zeugung des Wundertiers führen.Ihr größtes Wunder vollbringt Halla in Stockholm. Winkler leidet, mit verzerrtem Gesicht hängt er über dem Pferd. Er kann es nur an die Hindernisse heranführen springen muss es von selbst. Der Reiter ist kaum im Stande, sich im Sattel zu halten, bei der dreifachen Kombination hört das ganze Stadion seine Schmerzensschreie. Doch die Stute erledigt die Sache allein, sie geht ohne Schenkeldruck, und das fehlerlos. Gold für Winkler und Halla, Gold für die deutsche Equipe es ist der einzige Nullfehler-Ritt dieser Olympischen Reiterspiele. Eine Schraube locker"Meine Halla", hat Winkler sein Paradepferd später launig und voller Respekt und Bewunderung charakterisiert, "war eine Mischung aus Genie und irrer Ziege. Sie hatte eine Schraube locker wie ich." Auch diese Wunderstute war halt nur ein Mensch. Acht Fohlen hat sie alles in allem geworfen, doch weil der Pferdeapfel jedes Mal weit vom Stamm fiel, war kein weiterer Olympiaheld darunter. Halla blieb einmalig. Die Nachricht von ihrem Tod kommt sogar in der Tagesschau. Dass sie dann dieses auf den ersten Blick etwas unwürdige Ende in der Abdeckerei nimmt und im Geschäftsbuch von A. Fischer und Söhne unter "Nr. 491, 7.30 Uhr, Pferd" nicht mehr als Wunderstute, sondern als Nummer unter vielen abgehakt wird, nimmt ihr nichts von ihrem bleibenden Ruhm. Noch heute halten in Warendorf Busse mit Touristen, die sich vor dem Halla-Denkmal des Deutschen Olympiakomitees für Reiter fotografieren, und die Dominikanische Republik hat eine Sonderbriefmarke herausgebracht, auf der Halla und HGW so strahlend abgedruckt sind wie auf den Autogrammkarten, die Winkler noch manchmal verteilt wobei die Unterschrift von Halla allerdings fehlt. Schreiben konnte die Wunderstute nicht auch noch. Gewundert hätte sich nach dem Ritt von Stockholm allerdings keiner. In dieser Serie sind bisher Geschichten über Jim Thorpe (Teil 1), Gertrude Ederle (2), Jesse Owens/Luz Long (3) und Max Schmeling (4) erschienen. Teil 6 am Montag: Pele.