Das Luftschiff "Hindenburg", das Ende Juni 1936 von New York nach Frankfurt flog, war schon fünfzig Stunden unterwegs, als der Kapitän kurz die Bugnase drückte und die Passagiere unter sich Holland sahen der Zeppelin schwebte direkt über der Residenz Doorn, dem Exil des einstigen deutschen Kaisers. "Wir flogen sehr niedrig", erinnert sich Max Schmeling in seinen Lebensnotizen, "und aus der Gondel beobachteten wir, wie Wilhelm II. im Garten stand und seinen Hut mit weitausholenden Armbewegungen zu uns heraufschwenkte." Zu ihm, um genau zu sein. Die geschilderte Begebenheit wird der Bedeutung des Boxkampfs gerecht, der sich wenige Tage zuvor in New York ereignet hatte. Der Weltmeister im Schwergewicht sei wie "der große Zeh Gottes", hat in einer späteren Zeit der Schriftsteller Norman Mailer gesagt aber schon am Abend des 19. Juni 1936 hätten die 70 000 Zuschauer im Yankee-Stadion dazu genickt. Dabei ging es gar nicht um die Weltmeisterschaft. Es ging um mehr. Nicht für Max Schmeling. Auch nicht für Joe Louis. Die wollten einfach nur boxen, und der Sieger würde dann Jim Braddock herausfordern, den Champion, von dem jeder ahnte, dass er zu schwach war für beide für Schmeling, den Ex-Weltmeister, aber erst recht für diesen Jungen, den sie den Braunen Bomber nannten. Louis war unschlagbar, jeder wusste es. "Wenn du den schaffst", sagte der Rennfahrer Bernd Rosemeyer zu Schmeling in der Berliner Roxy-Bar, dem beliebten Treff der Sportskanonen, "fahre ich mit 200 Sachen durch die Nordkurve der Avus". Ernstere Mienen machten nicht weit entfernt, in der Reichskanzlei, die braunen Machthaber: Der drohende Sieg des Braunen Bombers würde nicht die wirkungsvollste Propaganda sein für ihre These vom Herrenmenschen. Es ging, wie gesagt, um mehr. Schmeling gegen Louis, das hieß auch Weiß gegen Schwarz oder freie Welt gegen Nazis, und das Donnergrollen des nahenden Krieges klang bereits mit, als der Kampf wegen Regen zunächst einmal verschoben wurde und ein New-Yorker Blatt meldete: "Die Hinrichtung des Maximilian Siegfried Otto Adolf Schmeling findet einen Tag später statt." Joe Louis Barrow war 22. Und hungrig. Er war in ärmlichen Verhältnissen mit sieben Geschwistern aufgewachsen (fünf weitere brachte der Stiefvater mit) und hatte früh begriffen, dass er sich durchschlagen musste. Alle hatte er umgehauen, auch Primo Carnera, den italienischen Riesen, oder Max Baer, der schon starr vor Angst war, als Louis beim Wiegen plötzlich Mundharmonika spielte im Ring kippte Baer um wie ein gefällter Baum. Louis war 18:1-FavoritGegen Schmeling war Louis 18:1-Favorit. "Wollen Sie so früh Witwe werden?" Das waren die Witze, die Anny Ondra aushalten musste, Schmelings Frau, der berühmte Ufa-Star. Die zwei hatten gerade einen Film zusammen gedreht, "Knockout", und mittels Sprechgesang hatte Schmeling sogar eine Schallplatte riskiert: "Das Herz eines Boxers". Seines war groß. "Ich habe bei Joe etwas gesehen", sagte er. Doch alle lachten mitleidig. Es war wie 1928 als Schmeling in New York erstmals an Land ging, bestieg ein Schwergewichtler namens Wagner gerade das Schiff zur Heimreise, und ein Reporter schrieb: "200 Pfund Limburger Käse gehen, 180 Pfund Matjesheringe kommen." Zwar wurde er als strammer Max dann Weltmeister, 1930 gegen Jack Sharkey, aber nur durch Disqualifikation, einen Tiefschlag des Gegners, und außerdem war es lange her, und er war jetzt 30 der Braune Bomber würde ihn vernichten. Beim Mittagessen im "Plaza", wo Schmeling in der 14. Etage die Stunden vor dem Kampf verbringt, tauscht Trainer Max Machon vorsichtshalber die Teller mit ihren Fi-letsteaks aus, "falls man dem Max Abführmittel beigemischt hat". Die Anspannung wächst. Nur Schmeling bleibt ruhig, er spielt Skat. Dann fahren sie hinüber zum Yan-kee-Stadion, wo der 83-jährige Tom O Rourke an die Kabinentür klopft, ein bekannte Größe des New-Yorker Boxens. "Viel Glück, Max", sagt der Alte, greift sich ans Herz und bricht zusammen. Schmeling sieht ihn sterben und wird sogleich zum Ring gerufen: "Are you ready?" In Deutschland, wo es frühmorgens ist, sitzen die Menschen am Volksempfänger. Und in der zweiten Runde stellt sich heraus, dass Schmeling bei Louis in der Tat eine Blöße entdeckt hat: Der andere lässt nach jedem Schlag mit der Linken den Arm sinken, ist für einen Moment offen für den Konter mit der Rechten und der Deutsche trifft ihn am Jochbein. In Runde vier trifft er ihn am Kinn, und die 70 000 reagieren mit einem Aufschrei: Joe Louis am Boden. Doch der Braune Bomber steht auf. Und er bleibt gefährlich. "Seine Linke tat weh", entsinnt Schmeling sich später. Er kann sich immerhin erinnern während Joe Louis von Schmelings letzter Rechten absolut nichts mehr weiß. Sie trifft ihn in Runde zwölf. Rechte Gerade an die KinnspitzeDer Amerikaner ist zermürbt, er hat zu viel eingesteckt, und dieser Hieb mit der rechten Geraden an die Kinnspitze ist das Ende. Er stürzt, kniet im Ring, hält sich an den Seilen fest, "seven-eight-nine ", zählt Ringrichter Donovan, dann bricht Louis zusammen. Es ist der Moment, in dem der Rundfunkreporter Arno Helmis seine berühmten drei Worte "Aus! Aus! Aus!" ins Mikrofon bis nach Deutschland schreit, während die US-Berichterstatter einen neuen Superlativ erfinden: "Der Kampf des Jahrhunderts." Als Schmeling nachts ins Hotel zurückfährt, durch die schwarzen Stadtviertel Bronx und Harlem, wird er Zeuge von Tumulten, die Verzweiflung macht sich Luft. Ihn selbst erwarten im "Plaza" dagegen schon 1 200 Telegramme, abgeschickt von Hans Albers bis Marlene Dietrich, die in einem Interview seinen K.-o.-Sieg vorausgesagt hat diesen Sieg, der ihn zum Idol für die Ewigkeit macht und reich. Er sichert sich noch in New York die Rechte am Kampffilm, der sich in den deutschen Kinos wochenlang als Kassenschlager erweist. Die Goebbels sche Propaganda wählt einen zündenden Titel: "Max Schmelings Sieg ein deutscher Sieg". Und der Held landet auf dem Sofa bei Hitler, zum Kaffee. Allerdings habe er, heißt es, dem Führer die Laune verdorben unlustig soll Hitler in seinem Guglhupf gestochert haben, weil Schmeling seinen jüdischen Manager Joe Jacobs partout nicht fallen lassen will. Er darf ihn behalten. Zwischen die Räder der Politik gerät Schmeling dennoch: Nicht ihn, das vermeintli-che Symbol der Nazis, lässt Amerika zum WM-Fight gegen Braddock antreten, sondern den Verlierer Louis. Der wird Weltmeister, begleicht 1938 seine offene Rechnung mit dem Herausforderer Schmeling mit einem K.o. in der ersten Runde und hält den Titel bis 1949. Zu Freunden werden die beiden bei ihrem Wiedersehen 1954 in Hamburg, wo Schmeling inzwischen ein erfolgreicher Geschäftsmann ist. Joe Louis hat weniger Glück. Er macht für ein Casino in Las Vegas den Grüßgottonkel und stirbt früh auf dem Friedhof in Arlington lässt ihm Präsident Reagan ein Heldengrab schaufeln. Max Schmeling, der andere Held, wird dagegen in Ruhe alt, noch mit 80 ist er rüstig, und mit 90 sagt er: "Ich will 100 werden." Für einen, der sich am 19. Juni 1936 Unsterblichkeit erkämpft hat, ist das ein angemessener Wunsch. In dieser Serie sind bisher Geschichten über Jim Thorpe (Teil 1), Gertrude Ederle (2), Jesse Owens/Luz Long (3) erschienen. Teil 5 am Freitag: Hans Günter Winkler und sein Pferd Halla.ULLSTEIN Der Braune Bomber am Boden Max Schmeling hat die entscheidende Lücke mit einer rechten Gerade genutzt.BERLINER VERLAG Als Max Schmeling am 6. Juli 1933 den Ufa-Star Anny Ondra heiratete, war er längst ein berühmter Mann. Der Kampf seines Lebens aber lag noch vor ihm.