Die Große Grippe von 1918/1919 raffte in einem Jahr mehr Menschen dahin als die mittelalterliche Pest in einem Jahrhundert. Sie tötete etwa zehn Prozent aller jungen Erwachsenen, mindestens 50 Millionen Menschen sollen es insgesamt weltweit gewesen sein. Zwei Drittel von ihnen starben innerhalb von 24 Wochen.Diese Influenza rollte in drei Wellen über den gesamten Globus, verschonte weder Alaska noch Neuseeland. "Die Große Grippe", so nannte der US-amerikanische Autor John M. Barry sein Buch über die tödlichste Seuche aller Zeiten. Es ist die erschreckende, packende Geschichte ihrer Ausbreitung und der verzweifelten, allzu oft behinderten Versuche, einen unbekannten Erreger aufzuhalten. Das Buch soll bald auch in deutscher Übersetzung erscheinen. Es wäre höchste Zeit dafür. Die Grippe von 1918/1919 nämlich nahm - wie sich erst Jahrzehnte später herausstellen sollte - ihren Ausgang von einem Erreger, der dem heutigen Vogelgrippenvirus verwandt ist. Noch ist diese Vogelgrippe für uns eine abstrakte, kaum vorstellbare Bedrohung. Wer eine Vorstellung bekommen will, welches Ausmaß sie annehmen könnte, der sollte Barrys Geschichte der "Großen Grippe" lesen.Sie beginnt in Haskell County, Kansas, einem heute verfallenen Wild-West-Städtchen. Farmer leben dort in engem Kontakt mit Hunden, Hühnern, Schweinen, Pferden. Hier soll nach Auffassung der meisten Medizinhistoriker Anfang 1918 das neue Virus entstanden sein. Dort jedenfalls finden sich seine ersten Spuren.Der Landarzt Loring Miner behandelt Ende Januar/Anfang Februar einen Patienten mit Grippesymptomen, deren Heftigkeit Miner überrascht. Weitere Kranke kommen hinzu - er besucht sie mit Pferd und Kutsche nach stundenlangen Fahrten auf isoliert liegenden Farmen. Der Krankheitsverlauf ist immer gewaltsam und rasend schnell, oft tödlich. Dutzende rafft es hin, die Stärksten fallen plötzlich um. Miner schöpft all seine geringen Mittel aus, sucht Rat und Hilfe, bekommt nichts. Ein medizinisches Fachblatt veröffentlicht einen Bericht.Das Lokalblatt Santa Fe Monitor informiert besorgt - auch von drei Männern: Ein junger Soldat kommt auf Heimaturlaub und erkrankt schwer, als er in sein Ausbildungslager Camp Funston zurückkommt; ein Rekrut wird eingezogen und erkrankt, kaum, dass er in Funston ist; ein Mann besucht seinen Bruder in Funston. Die Seuche hat Anschluss zur Welt gefunden. In Miners Arztsprengel verschwindet die Grippe Mitte März - so rätselhaft wie sie gekommen war.Am 4. März 1918 meldet sich in Camp Funston - dort werden 65 000 junge Männer für den Ersten Weltkrieg trainiert - ein Koch krank. Drei Wochen später registriert man 1 100 Schwerkranke, 237 bekommen Lungenentzündung, 38 sterben. Man nimmt das nicht weiter ernst, die Militärs kümmert anderes. Soldaten werden in andere Camps geschickt und an die Front nach Europa. Dort strebt der Krieg soeben einem neuen Höhepunkt zu: Am 3. März ist der Frieden von Brest-Litowsk geschlossen worden, Deutschland wirft eine Million Soldaten von der Ost- an die Westfront und leitet eine große Frühjahrsoffensive ein. Die USA, 1917 in den Krieg eingetreten, mobilisieren nun alle Kräfte.Zwei Wochen nach dem Ausbrechen der Krankheit in Funston meldet ein Camp in Georgia erste Fälle, Anfang April registriert man im französischen Brest, wo die meisten amerikanischen Truppentransporter anlegen, einen ersten ungewöhnlichen Ausbruch. Wenig später klagt der deutsche General Ludendorff, die Offensive komme wegen der vielen Grippefälle nicht voran. Öffentlich werden diese Vorkommnisse nicht - alle Seiten fürchten Wehrkraftzersetzung. Nur in Spanien, im Krieg neutral, reagiert die Presse alarmiert, die Krankheitsfälle häufen sich, auch König Alfons liegt danieder. Hier bekommt das Phänomen einen Namen: Spanische Grippe.Am 29. Mai 1918 langt die Seuche in Bombay an, dann in Schanghai, im September sind 30 Prozent der Einwohner im australischen Sidney krank. Die erste Welle ist einmal um die Welt gegangen - man wird sie später als "mild" bezeichnen. In Europa hält man im Juli/August das Ende der Plage für gekommen. Ein Trugschluss.Denn an seinem Ausgangspunkt in den USA hat sich derweil der Erreger weiter zum Bösen verändert. Seit August registrieren die Hospitäler in den Militärcamps einen explosionsartigen Anstieg schwerster Erkrankungen. Dann bricht die Katastrophe auf drei Kontinenten zugleich aus - in Boston, wo US-Soldaten Schiffe nach Europa besteigen, in Brest, wo US-Schiffe anlegen, und in Freetown/Sierra Leone, dem Kohledepot für Schiffe, die die Route USA-Europa-Südafrika-Orient befahren.Und schließlich Philadelphia: Am 7. September 1918 treffen dort 300 Seeleute aus Boston ein. Die Stadt, jüngst auf 1,17 Millionen Einwohner angeschwollen, wird wie viele Städte der USA jener Zeit chaotisch regiert, von mafiösen Strukturen unterhöhlt. Bald gibt es die ersten Grippetoten. Die Presse verleugnet, ganz im Sinne der lokalen Gewalten, die Gefahr. Der Grund: Am 28. September soll eine Großparade zum Zeichnen von Kriegsanleihen animieren. Das patriotische Massenspektakel findet tatsächlich statt, das Virus bekommt, was es zu seiner Ausbreitung braucht: Massenansammlungen.Nach Ablauf der Inkubationsfrist von 72 Stunden sind die Krankenhäuser überfüllt, für die Aufnahme werden Bestechungsgelder erwartet. Das große Sterben beginnt: am 1. Oktober sind es 117 Tote, dann verdoppeln, verdreifachen, versiebenfachen sich die Tagesangaben. Ein Drittel der Bevölkerung liegt danieder, das Leben in der Stadt steht still. Die Behörden sagen: Keine Panik, der Höhepunkt ist überschritten. Es geht aber weiter. Die Krankenhäuser schreiben täglich ein Viertel ihrer Patienten auf die Todesliste.Schwestern und Ärzte erleben ungekannte Schrecken. Viele glauben, das könne nicht Influenza sein; sie sind verängstigt: Ihre Patienten erleiden unerträgliche Schmerzen am ganzen Körper, sie erblinden und delirieren, bluten aus Augen, Ohren, Mund, durch die Haut; ihre Körper färben sich violett bis schwarz - Cyanose, die auftritt, wenn das Blut in der Lunge kaum noch Sauerstoff erhält. Hustenkrämpfe brechen Rippen, Gasblasen, so genannte Emphyseme, die sich unter der Hautoberfläche bilden, platzen, wenn die Kranken gedreht werden. Bald gibt (Fortsetzung auf Seite 30) (Fortsetzung von Seite 29) es auch kaum noch Ärzte und Schwestern.So geschieht es allerorten, auf dem gesamten Globus - besonders schlimm in Indien, dessen Opferzahl auf 17 Millionen steigen wird, in den Bergarbeiterquartieren in Südafrika, in böhmischen Kleinstädten. Allein die Vereinigten Staaten werden zum Schluss 675 000 Tote zählen - bei knapp 110 Millionen Einwohnern. Würde man heutzutage ähnliche Sterberaten annehmen, dann wäre dort mit 1,75 Millionen Toten zu rechnen. Überall raffte das Virus gerade die Jungen, Robusten hin. Deren starkes Immunsystem reagierte mit todesmutigem Gegenschlag auf den unbekannten Eindringling - um den Preis der Vernichtung des eigenen Organismus. 20 Prozent aller Erkrankungen verlaufen mit extremer Virulenz.Im Sommer und Herbst 1919 geht eine dritte Influenza-Welle um den Globus, mit sichtlich abgemilderter Kraft. Bis 1922 werden zwar relativ starke, aber regional begrenzte Ausbrüche registriert. 1920 stellt einer der führenden Seuchenforscher, der Amerikaner William Henry Welch, fest: "Ich glaube, diese Epidemie stirbt aus und wir wissen über Kontrollmöglichkeiten soviel wie während des Ausbruchs von 1889. Das ist demütigend, aber wahr."Auf der falschen FährteTatsächlich verschwand das Virus. 1933 gelang es drei Forschern in England erstmals, überhaupt ein menschliches Grippevirus zu isolieren. Bis dahin hatte man - wenn auch mit wachsenden Zweifeln - den Pfeifferschen Bazillus verdächtigt, auch Bacillus influenzae genannt, und war jahrzehntelang der falschen Fährte gefolgt.1997 isolierte der Amerikaner Jeffrey Taubenberger aus der Leiche einer 1918 an Grippe verstorbenen Eskimo-Frau im ewigen Eis von Alaska das Virus und identifizierte den Massenmörder: A/H1N1. "Wir sahen, dass es ein Vogelvirus war, das sich dem Menschen direkt angepasst hatte", berichtet Taubenberger. Woher H1N1 kam, ist bisher unbekannt. Taubenberger vermutet: "Aus einem seltenen Vogel vielleicht. Auch Pferde wären als Quelle möglich, damals waren ja viele davon in den Städten unterwegs." Heute findet sich H1N1 in Schweinen, Varianten zirkulieren auch im Menschen. Als Taubenberger das Erbgut der aktuellen Vogelgrippe-Viren mit Proben des Jahres 1918 verglich, sah er Ähnlichkeiten: es handele sich um zwei "starke Dialekte" derselben "genetischen Sprache". Wie nah das alles ist.John M. Barry: The Great Influenza. The Epic Story of the Deadliest Plague in History. Penguin Books, 2005. 546 S., ca. 12 Euro.------------------------------"Wir sahen, dass es ein Vogelvirus war, das sich dem Menschen angepasst hatte."Jeffrey Taubenberger, Erforscher der Grippe von 1918------------------------------Foto: Großbritannien, 1920: Sprühmittel gegen die Grippe werden in Bussen eingesetzt.