1926 flogen Roald Amundsen und Umberto Nobile über den Nordpol und wurden zu Erzfeinden: Tote Helden sind wahre Helden

Ein großer Fiat auf einer Landstraße vor den Toren Roms im September 1925. Auf dem Beifahrersitz ein herrisch wirkender Mann aus Norwegen, Roald Amundsen, der Bezwinger des Südpols. Am Steuer des Fiats sitzt Umberto Nobile, der Mann, den Benito Mussolini dazu auserkoren hatte, Italien einen Platz in der Polargeschichte zu sichern.Es war die erste Begegnung zweier grundverschiedener Menschen, die nur eins gemeinsam hatten - beide wollten mit dem Luftschiff "Norge" zusammen den Nordpol überfliegen. Für Amundsen war Nobile eigentlich ein lästiger Konkurrent. Doch der bankrotte norwegische Polarfahrer mußte versprechen, Nobile mit an Bord zu nehmen, um die Italiener zur Finanzierung der Expedition "Norge" zu bewegen. Amundsen war auch auf den Millionär Lincoln Ellsworth angewiesen, den Amerikaner, der sich für 100 000 Dollar in das Unternehmen "Norge" eingekauft hatte. Doch Ellsworth war Amundsen gleich. Ihn störten die Italiener, die weitaus mehr für die Expedition bezahlten und sogar einen Anspruch auf deren Leitung erhoben.Amundsen hatte sich das alles anders gedacht. Er wollte sich mit dieser Expedition einen letzten großen Wunsch erfüllen: zwischen dem Nordpol und Alaska bisher unbekanntes Land zu finden - "Roald Amundsen-Land" würde es dann heißen.Als Amundsen aus Nobiles Fiat ausstieg, stand seine Meinung über den italienischen General längst fest. "Sein ganzes Auftreten während der Fahrt zeigte seine gewaltige Nervosität, sein exzentrisches Naturell und Mangel an ruhigem Urteilsvermögen." Der Plan, zusammen mit Ellsworth und Nobile den Nordpol zu überqueren, war von Anfang an von Intrigen, taktischen Plänkeleien und nationalen Interessen geprägt.In einer neuen Biographie über Amundsen zeichnet der norwegische Schriftsteller Tor Bomann-Larsen das Bild eines egozentrischen, gefühllosen und unberechenbaren Naturforschers, der reichlich Probleme mit seiner Umwelt und dem Geld hatte. Im ewigen Eis Bomann-Larsen beschreibt Amundsen in der Zeit des "Norge"-Fluges im Mai 1926 als einen Mann, der sich "mehr und mehr nur noch an die wandte, die zur Unterwerfung bereit waren".Erst am Abreisetag, dem 11. Mai 1926, wurde entschieden, wer an Bord der "Norge" klettern durfte: sechs Italiener, ein schwedischer Meteorologe, der amerikanische Millionär und neben Roald Amundsen sieben andere Norweger, die zu den treuen Gefolgsleuten des Chefs gehörten. Der russische Radiotelegraphist Olonkin, der sein Leben in den Dienst der norwegischen Polarforschung stellte und sieben Jahre an Bord der "Maud" im ewigen Eis eingefroren war, wurde noch kurz vor der Reise gegen einen Norweger ausgetauscht. So sicherte sich Amundsen eine norwegische Mehrheit an Bord. Daß er dem treuen Russen damit das Genick brach, spielte eine untergeordnete Rolle.Als die "Norge" schließlich um 9.55 Uhr in Kings Bay, Spitzbergen, aufsteigt, nimmt Roald Amundsen in einem Korbstuhl an einem Seitenfenster Platz, er blickt über die endlose Weite, wartet, macht sich Notizen. Am folgenden Tag, dem 12. Mai, schreibt er in sein Tagebuch: "2.20 Uhr am Vormittag sind wir am Nordpol. Werfen unsere Flaggen hinunter. Die norwegische weht wunderschön. Der Stock bohrte sich ohne Probleme in den Schnee. Wir waren 200 m hoch. - 11 C."Zuletzt wirft Oberst Nobile die italienische Flagge. Sie ist größer als die anderen, und ihr folgen diverse Wimpel. In seinen Erinnerungen spart Amundsen nicht mit Spott. Das Luftschiff habe sich in der Regie von Oberst Nobile in einen "Zirkuswagen am Himmel" verwandelt, schreibt er. Und wenn man Amundsens Erinnerungen glaubt, brach dieser selbst ob der symbolträchtigen Zeremonie der Italiener in schallendes Gelächter aus.Doch es kam noch schlimmer. Die Forscher hatten den Nordpol überflogen und auf dem Weg nach Alaska passierte nichts mehr. Im ewigen Eis nur weiße, kalte Einöde. In Amundsens Buch "Der erste Flug über das Polarmeer" werden der Strecke zwischen dem Nordpol und Alaska eineinhalb Seiten gewidmet. Kein neues Land, keine Notlandung, keine neuen Heldentaten - die ganze Expedition umsonst. Der Navigator Riiser-Larsen telegrafiert nach Oslo: "Sämtliche Freude über die Durchführung der Expedition für alle zerstört, und keiner wünscht sich etwas anderes, als nach Hause zu schleichen und möglichst alles zu vergessen." Während weltweit die Presse jubelt, Mussolini Interviews gibt und die italienisch-norwegische Freundschaft beschworen wird, ist es mit der Brüderlichkeit an Alaskas Küste längst vorbei. Uniformierter Oberst Im amerikanischen Seattle begrüßt eine jubelnde Menge die Mannschaft der "Norge". Dem uniformierten Oberst Nobile wird von einem kleinen Mädchen ein Begrüßungsstrauß überreicht - und der einfach gekleidete Entdecker Amundsen dabei glatt übersehen. "Nichts anderes als Betrug", schrieb Amundsen später dazu, denn Uniform zu tragen, war eigentlich nicht vorgesehen. Erst beim Empfang in Bergen am 12. Juli und drei Tage später in Oslo können sich die norwegischen Helden gebührend - und von italienischen Elementen ungestört - feiern lassen. Amundsen wurde Zeit seines Lebens nicht damit fertig, daß sich an der Zeremonie am Nordpol drei gleichberechtigte Führer beteiligten. "Dieser besoldete Luftschifführer auf einem norwegischen Schiff, das einem Amerikaner und mir selbst gehörte, darf nicht den Ruhm an sich reißen, der ihm nicht gebührt," heißt es in Amundsens Erinnerungen. Nobile aber hatte Geschmack gefunden an Polarmeerexpeditionen. Von Spitzbergen aus startete er mit dem Luftschiff "Italia" drei weitere Expeditionen. Bei der letzten überfliegt er am 24. Mai 1928 den Nordpol. Dann bricht die Radioverbindung ab, und in den nächsten Tagen blühen die Spekulationen über das Verschwinden des Luftschiffs.Mussolini, der Nobile davor gewarnt hatte, das Schicksal ein weiteres Mal herauszufordern, will keine Rettungsaktion unter norwegischer Regie unterstützen. Nur das Scheitern der Expedition und der Tod des Generals können die Ehre Italiens retten - so jedenfalls sah es Mussolini und so war die brutale Logik der Zeit zwischen den Weltkriegen. Kampf um die Rettung Der wichtigste Zuschauer dieses Dramas sitzt in Oslo. Amundsen weiß, daß toten Helden die Unsterblichkeit sicher ist. Schon seinem Gegenspieler am Südpol, Kapitän Robert Falcon Scott, war es 1912 beim Wettlauf zum Pol so ergangen. Nicht Amundsen, sondern Scott, der nie zurückkam, galt danach als unsterblich. Und jetzt Nobile, der Mann, den er haßte? Amundsen mußte ihn retten, damit nun nicht auch noch der Italiener an seiner Stelle unsterblich würde.Doch Hjalmar Riiser-Larsen, einer seiner Getreuen vergangener Jahre, organisiert ohne Amundsen eine Rettungsaktion. Der tief verbitterte Polarheld fühlt sich betrogen, hintergangen, sieht in Riiser-Larsen einen Verräter, Konkurrenten und Feind. Findet Amundsen keinen anderen Sponsor, gewinnt Riiser-Larsen den Kampf um die Rettung Nobiles.Dann bekommt Amundsen Hilfe aus Frankreich. In Form eines Flugbootes mit dem Namen "Latham 47". Am 17. Juni klettert Amundsen in Bergen an Bord, am 18. Juni, 4 Uhr nachmittags steigt das Flugzeug in Troms zum letzten Mal auf. An Bord vier Franzosen und zwei Norweger. Auf dem hinteren Sitz Amundsen - die Hände im Schoß, resigniert und teilnahmslos. Um 18.45 Uhr wird die letzte Radiomeldung von der "Latham 47" aufgefangen, am 31. August das erste Wrackteil gefunden.Irgendwo zwischen Troms und der Bäreninsel war der große Entdecker und Polarforscher Roald Amundsen abgestürzt. Indem er seinen Erzfeind zu retten versuchte, wurde Amundsen zum Märtyrer und selbstlosen Helden der Polargeschichte. Nobile erging es schlechter. Er wurde von einem schwedischen Flieger von einer Eisscholle gerettet. +++