WERDER/HAVEL. Eine kleine Messingplatte bringt die Vergangenheit nach Werder an der Havel zurück. Sieben Namen sollen auf dieser Messingplatte Platz finden. Es sind die Namen von sieben Werderaner Jugendlichen, die Anfang der 50er-Jahre in Moskau hingerichtet worden sind - per Genickschuss. Der Hauptausschuss der Obstblütenstadt hat in der vergangenen Woche beschlossen, jene Gedenktafel an einem Schulgebäude anzubringen.Die Stadt Werder erinnert damit an eine lose Gruppe von fast 30 Jugendlichen, die Anfang der 50er-Jahre gegen die Vormachtstellung von SED und Sowjets im neuen ostdeutschen Staat aufbegehrten. "Eine Widerstandsgruppe solchen Ausmaßes hat es damals wohl nur in Werder gegeben", sagt Michael Zabel, kenntnisreicher Mitarbeiter der Gauck-Behörde, der zugleich die Naivität der jungen Leute betont. Junge Menschen wie der Biologie-Student Joachim Trübe oder der Konditorlehrling Karlheinz Kuhfuß waren es, die endlich über ihr Leben selbst bestimmen wollten - sie endeten zwischen den Fronten des Kalten Krieges. Zunächst weigerten sich die jungen Leute an FDJ-Aufmärschen teilzunehmen, schmähten Propaganda-Parolen, bald verteilten sie Flugblätter gegen die Volkskammerwahlen. "Wir dachten damals ja zunächst, jetzt geht es los mit der Demokratie", sagt der heute 74-jährige Ronald Rothe. "Wir konnten gar nicht glauben, dass uns in der DDR schon wieder vorgeschrieben werden sollte, was wir zu denken haben." Die Werderaner Lehrlinge und Studenten wollten fünf Jahre nach Kriegsende nicht schon wieder Fahnenappelle abhalten und Treueschwüre leisten. Aus dem spontanen Widerstand gegen die Einsetzung linientreuer Lehrer entwickelte sich planvoller Widerstand. Einige junge Männer besorgten sich eine Flugblatt-Rakete - die systemkritischen Papiere flogen ein paar Hundert Meter weit in einer Kapsel, die sich dann öffnete. Geheimdienste mischen sich ein Bald schon verloren sie die Kontrolle über ihr Tun: Zwei Werderaner, die Studenten Herbert Herrmann und Werner Bork, hatten sich im Sommer 1950 aus Furcht vor Verhaftung nach West-Berlin abgesetzt. Dort kontaktierten sie die Leiter der stramm antikommunistischen Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit, die Aktionen auf dem Gebiet der DDR durchführte - einer ihrer Gründer war Rainer Hildbrandt, der heute noch immer das Mauermuseum am ehemaligen Checkpoint Charlie betreibt. In der Folge erteilten Herbert Herrmann und Werner Bork ihren Bekannten in Werder vom sicheren West-Berlin aus Aufträge. Junge Leute wie Karlheinz Kuhfuß sollten sich die Nummernschilder sowjetischer Militärfahrzeuge notieren. Die 20-jährige Ilse Graatz, die im Büro der Werderaner Marmeladenfabrik arbeitete, schrieb auf, wie viele Gläser Marmelade pro Woche in die sowjetischen Kasernen geliefert wurden. Andere lieferten Berichte über alles, was auf dem Bahnhof Werder verladen wurde. Manche, wie Johanna Kuhfuß, transportierten nur einmal einen Brief unbekannten Inhalts - aus purer Gefälligkeit. Bald waren auch der amerikanische Geheimdienst CIA und die Organisation Gehlen, Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, informiert und gaben ihre Unterstützung. Die Studenten Herrmann und Bork logierten schon wenig später in einer Wohnung am Wannsee. "Herrmann hat die Aufträge gezielt vergeben", sagt Ronald Rothe. "Er hat gespielt wie mit Schachfiguren." Doch auch die DDR-Staatssicherheit war über das Geschehen bestens informiert. Ein "Geheimer Mitarbeiter" mit dem Tarnnamen "Sommer" hatte Herrmann die ganze Zeit fest im Blick. Dieser "Sommer" verfasste zahlreiche Berichte über Herrmanns Aktivitäten und machte die Staatssicherheit schließlich glauben, dass Herbert Herrmann bereit sei, insgeheim für Ost-Berlin zu arbeiten. Doch nachdem sich auch sein Bruder Paul nach West-Berlin abgesetzt hatte, suchte Herbert Herrmann keinen Kontakt zur Stasi mehr. Allerdings hatte sein Bruder Paul in den Stasi-Verhören die Werderaner Gruppe bereits schwer belastet. Daraufhin schlug die Staatssicherheit im Juni 1951 zu: 24 junge Menschen aus Werder und Umgebung wurden in das Stasi-Gefängnis in der Potsdamer Bauhofstraße gebracht - jeder erhielt zwei Scheiben aufgeweichtes Brot am Tag und mittags eine Wassersuppe. Wer per Klopfzeichen Kontakt suchte zu den Mithäftlingen, kam in die Arrestzelle. "Geständnisse" wurden durch brutale Schläge erzwungen. Im Spätsommer 1951 wurden die Inhaftierten aufgeteilt. Zwölf von ihnen blieben bei der Staatssicherheit in Haft, die anderen wurden der Sowjetischen Kontrollkommission übergeben, kamen in das NKWD-Gefängnis an der Potsdamer Lindenstraße. Offenbar wurde völlig willkürlich entschieden, wer den Sowjets übergeben wird und wer vor ein DDR-Gericht sollte.Todesurteil wegen SpionageIm Januar 1952 verurteilten die Richter des Sowjetischen Militärtribunals sieben der jungen Leute wegen Militärspionage zum Tode, darunter die Geschwister Kuhfuß und Joachim Trübe. Der Hitzkopf Trübe, der zunächst zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden war, hatte die Richter als "Schweine" beschimpft. Diese reagierten empört und verhängten nun auch gegen ihn die Todesstrafe. Die sieben Todgeweihten wurden mit dem Zug nach Moskau gebracht und in der Lubjanka erschossen - mit einem Kugelfang im Genick. Weitere junge Werderaner wurden zur Lagerhaft in Sibirien verurteilt.Im März 1952 fällte auch das Landgericht Potsdam unter Herrmann Wolhgethan seine Urteile. Sieben junge Menschen erhielten mehrjährige Haftstrafen. Unter ihnen Ronald Rothe. Er wurde zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt, musste zwei Jahre lang harte Arbeit im Kalkbergwerk Rüdersdorf verrichten, dann entließ man ihn. Rothes einziges Vergehen war, dass er die Gruppe nicht denunziert hatte. In Werder durfte jahrzehntelang nicht über diese Geschehnisse gesprochen werden. Aus Gram erhängte sich der Vater der hingerichteten Geschwister Kuhfuß, die Mutter versank in Depressionen."Die Stasi kam im Morgengrauen" // Buch: Die Autorin Anja Spiegel hat sich in ihrem Buch "Die Stasi kam im Morgengrauen" intensiv mit der Werderaner Gruppe beschäftigt. Das Buch ist im Tourismusbüro von Werder/Havel am Alten Rathaus erhältlich. Anja Spiegel hat für ihr Buch zahlreiche Zeitzeugen befragt und etliche Stasi-Akten ausgewertet.Protest: Auch in anderen Ortschaften der DDR regte sich Anfang der 50er-Jahre Protest gegen das stalinistisch geprägte System. Zu nennen sind hier die Aktionen von Oberschülern im thüringischen Altenburg und im sächsischen Werdau.PRIVAT(3) Joachim Trübe beim Segeln auf der Havel. Auch er starb im April 1952.Johanna Kuhfuß, 1928 geboren, hingerichtet im April 1952.Karlheinz Kuhfuß, 1930 geboren, hingerichtet im April 1952.