1971 erschoss ein DDR-Offizier in der Akademie der Künste einen Mauerspringer aus dem Westen. Dann wurden Beweise gefälscht, Zeugen manipuliert und der Tote fast vergessen: Das Ende des Dieter Beilig

Es geschah am 2. Oktober 1971, vormittags gegen neun Uhr fünfzehn. Es ist ein Sonnabend, zu beiden Seiten des Brandenburger Tors ist herbstlicher Wochenendtourismus im Gange. Auf der Westseite, vom sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten her kommend, läuft ein aufgeregter junger Mann an die äußere Sperrmauer heran, klettert am Platz vor dem Brandenburger Tor auf die Mauerkrone. Polizisten einer West-Berliner Funkstreife versuchen vergebens, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Es sind die Wochen nach dem Vier-Mächte-Abkommen über West-Berlin, über den deutsch-deutschen Grundlagenvertrag wird verhandelt. Nach Augenzeugenberichten habe der Mann auf der Mauer "Freiheit für Deutschland!" gerufen und "Willy ist der Größte!" Dann springt er auf Ost-Berliner Gebiet. Springer-Zeitungen ist der Vorgang einmal zwölf, einmal 15 Zeilen wert. "In offenbar angetrunkenem Zustand" sei der Mann gewesen, heißt es tags darauf in der "Morgenpost", für die "Welt" war der junge West-Berliner "offensichtlich geistig verwirrt". Vier DDR-Grenzsoldaten hätten ihn festgenommen und abgeführt.Was sich dann ereignete, war von der Aussichtsplattform auf der westlichen Seite und an der Abgrenzung vor dem Pariser Platz, wo für Ostler die Welt zu Ende sein sollte, allenfalls bruchstückhaft wahrzunehmen. Passanten könnten den Schuss gehört haben, der in den historischen Räumen der Preußischen Akademie der Künste fiel. Das Militärfahrzeug mit Rettungsfahne, das kurz darauf von dort zum Polizeikrankenhaus in der Scharnhorststraße raste, dürfte nicht zu übersehen gewesen sein.Von dieser Stunde an bleibt jener Mann verschollen. Zwei Jahrzehnte lang wird im Osten wie im Westen niemand laut nach ihm fragen. Auch nach der Wende gibt es von nirgendwoher Nachdruck, den Vorgang aufzuhellen. Zwar werden Stasi-Unterlagen gefunden, die neben der Gewalttat ein abgefeimtes Vertuschungswerk festgehalten haben, und es wird auch in dieser Sache ermittelt. Doch der Hauptbeschuldigte stirbt, 1999 lässt daraufhin die Berliner Staatsanwaltschaft die Akten schließen. So wären die Geschehnisse des 2. Oktober 1971 wohl auf weitere Jahrzehnte ins Vergessen gerückt, hätte sie nicht ein anderes, kulturhistorisches Interesse jetzt ans Licht gebracht: Für den Einzug der Akademie der Künste ins neue Glashaus am Pariser Platz 4 recherchierte die Archivarin Petra Uhlmann zur Geschichte des Ortes. Bis zum Ende des Krieges waren die Schicksale gut bekannt, aber aus der DDR-Zeit lag vieles im Dunkeln, vor allem aus den Jahren nach dem Mauerbau, seit sich die Ost-Akademie die verbliebenen Säle mit dem Grenzregiment 35 teilen musste. Bis zum Beginn der Arbeiten für Günter Behnischs Neubau, der die historischen Relikte licht umschließt, hat man sie noch sehen können, die in den kaiserlichen "Thronsaal" eingezogenen Wachstuben und Vernehmungsräume mit ihren geblümten Tapeten, die käfigartige "Grenzverletzerzelle" von der Größe einer Latrine. In der Gauck-Behörde stieß Petra Uhlmann auf schockierende Blätter, die Auskunft geben, was mit dem Mauerspringer geschah. Das handschriftliche "Festnahmeprotokoll Nr. 66" vermerkt für neun Uhr fünfzehn den "versuchten Grenzdurchbruch" einer "männl. Person . Alter 30 Jahre", der zunächst im Südflügel des Brandenburger Tors "flüchtig durchsucht" worden sei und dann zum "Führungspunkt" im Akademiegebäude gebracht werden sollte. Kurz vor dem Haus habe die Person sich losgerissen, sei in Richtung Otto-Grotewohl-Straße (jetzt Wilhelmstraße) gelaufen, vor der Hinterlandmauer wiederum festgenommen und schließlich im Grenztruppenstützpunkt "gründlich durchsucht" worden. "Waffen und Werkzeuge wurde nicht gefunden andere persönlichen Gegenstände wurden abgenommen", steht da so zu lesen (spätere Protokolle listen die Ausstattung eines Stadtspaziergängers auf: Personalausweis, Zigaretten, wenig Bargeld, Armbanduhr, Sonnenbrille, Kamm). Von diesem ersten Bericht gibt es sicher nicht zufällig nur ein erstes Blatt, das mitten im Satz endet: "Anschließend wurde die Person in einen Nachbarraum ."Eben dort geschah das Ungeheuerliche; eine anonym hinterlassene, aber offenkundig hoch angebundene "Ergänzung zur vorliegenden Tagesmeldung / Lage an der Staatsgrenze zu Westberlin" vom 2. 10. 71 dokumentiert es: Der junge Mann, ausgewiesen als der am 5. September 1941 geborene Dieter Beilig aus Berlin-Kreuzberg, "bat um ein Glas Wasser, die Bitte wurde ihm verwehrt. Unmittelbar danach sprang B. vom Stuhl auf, riß das Fenster auf und wollte erneut fliehen." Aus zwei Meter Entfernung gab einer der beiden bewaffneten Bewacher, "Zugführer Ltn. Triebel, GR-35, . auf den B. einen Schuß aus der MPi im Hüftanschlag ab. B. fiel vom Fensterbrett, das er bereits bestiegen hatte . Der Schuß hatte B. von hinten unterhalb des linken Schulterblatts getroffen. Schußaustritt, vordere Seite, oberhalb der Herzgegend. Das Projektil schlug in die Fenstervermauerung des GÜST-Stützpunktes ein" (GÜST: Grenzübergangsstelle). Der aufgebrachte, wehrlose "Grenzprovokateur" hätte - für jeden kriminalistischen Laien ersichtlich - auch ohne Waffengewalt überwältigt und zur Ruhe gebracht werden können. Er starb noch auf dem Transport ins Polizeikrankenhaus. Wer war Dieter Beilig? Den DDR-Sicherheitsorganen war der Hilfsarbeiter, aufgewachsen bei einer von ihm sehr geliebten, alleinerziehenden Mutter, kein Unbekannter. Seit 1961 war er beständig mit Protestaktionen gegen den Bau der Berliner Mauer hervorgetreten. Eines der wenigen Fotodokumente von ihm zeigt, wie er im Grenzbrachfeld an der Spitze eines kleinen Demonstrationszuges gegen die Schüsse an der Mauer protestiert, auf der Schulter ein großes, selbst gezimmertes Kreuz mit der Aufschrift "Wir klagen an". Dieter Beilig gründete die Peter-Fechter-Memorial-Bewegung, trat auf Kundgebungen gegen die DDR-Politik auf. Stasi-Protokolle sagen ihm für die frühen sechziger Jahre auch tätliche Angriffe wie Steinwürfe und versuchte Sprengstoffanschläge nach, wofür er im April 1964 vom West-Berliner Jugendschöffengericht zu drei Wochen Jugendarrest verurteilt worden sei. Im Dezember 1964 hatte Dieter Beilig schon einmal in einer Protestaktion an der Heinrich-Heine-Straße die Mauer überstiegen, war festgenommen, wegen "staats-feindlicher Hetze und Terror" durch das Ost-Berliner Stadtgericht zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Zwei Jahre später wurde die Strafe in eine vierjährige Haft auf Bewährung umgewandelt und Beilig, vermittelt über den DDR-Rechtsanwalt Vogel, vom Westen freigekauft.Die Tötung, die den Akademie-Ort belastet, war nicht das Ende des makabren Geschehens um Dieter Beilig. Da davon ausgegangen werden musste, dass die Vorgänge zu beiden Seiten der Mauer von Passanten wahrgenommen und auch gefilmt wurden, waren in den Tagen danach mehrere Hauptabteilungen des MfS damit befasst, die Tötung zu verschleiern und ihr eine Abwehrlegende unterzulegen. Hauptanliegen der Operation war es, "Indizien" dafür zu schaffen, "daß Beilig einen der Angehörigen der Grenztruppen entwaffnen wollte, wodurch die Anwendung der Schußwaffe notwendig war". Die Abteilung IX der Berliner MfS-Verwaltung, die diese Version ausgab, war durch einen übergeordneten "Anruf von Genossen Major Wolf HA IX/9 am 4.10.71, 12 Uhr" angehalten, einen "sauberen Festnahmebericht" vorzubereiten, "worin der Widerstand des B. enthalten ist". Es wurde Klaranweisung gegeben, was das heißt: "Ein Teil der MPi, die B. nach seiner Festnahme ergreifen wollte, mit den Fingerspuren von ihm versehen. Die Waffe anschließend wieder zusammenbauen und begutachten lassen, um die Beweisführung . zu sichern." Man drückt dem toten Beilig die MPi-Teile in die Hand, und Leutnant Berndt von der Technischen Untersuchungsstelle des MfS bescheinigt als Sachverständiger für Daktyloskopie: "Bei den auf der Maschinenpistole ,K Nr. C 6265 festgestellten Papillarleistungen 1, 2 und 3 handelt es sich um Abbildungen, die durch einen gemeinsamen Greifakt entstanden sind. Die Lage der Spuren . lassen die Schlußfolgerung zu, daß mit der rechten Hand von obenher über den Gehäusedeckel die Maschinenpistole angefaßt wurde." Die Abwehrabteilung VII hat dann dafür zu sorgen, "daß beigefügtes Gutachten . beim Kriminalistischen Institut des MDI (Ministerium des Innern) umgearbeitet wird, so daß es den Charakter eines offiziellen Dokuments . trägt". Zwei Ärzte, eine Schwester und zwei Sekretärinnen im Polizeikrankenhaus, die von der Einlieferung Beiligs wussten, werden der Abschirmung durch die HA VII anvertraut. Der Manipulierungsaufwand ist riesig. Die HA I hat den Kommandeur auszuwählen, der dann "diese Dokumente unterschreibt und siegelt". Die HA XX forscht den West-Berliner Bildjournalisten nach, deren Visitenkarten sich in Beiligs Tasche fanden. Verschiedene weitere "Entwürfe" und "Anlagen" zum Vorgang Beilig (mit vielen Pünktchen und nachträglichen handschriftlichen Einfügungen) schaffen das Bild eines Hetzparolen schreienden, fremdgesteuerten Provokateurs, der auch gesagt haben soll: "Wie konnte ich bloß so blöde sein, das ein zweites mal zu machen. Ich möchte blos wissen, warum sie mich dazu auserkoren haben." Der mit den Akten vertraute Berliner Oberstaatsanwalt Debes äußerte in einem Fernsehinterview, dass der Aufwand der Beweismittelmanipulierung vor allem der auf Entspannung gerichteten politischen Lage geschuldet gewesen sei: "Die DDR wollte sich kein internationales Aufsehen leisten."Auf der langen Liste der Mauertoten im Salzgitter-Report kommt der Name Dieter Beilig lange nicht vor. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August vermerkte nur, dass er von DDR-Grenzern auf der Flucht erschossen worden sein soll, sein Tod verschleiert worden und seine Leiche verschwunden sei. In Stasi-Akten ist von Einäscherung die Rede. Es gibt kein Grab, keinen Hinweis auf die sterblichen Überreste. Ein verspätetes Opfer des Kalten Krieges. Ein sinnloser Tod.Zu diesem Thema heute 19.20 Uhr ein Beitrag in "Kulturzeit" auf 3sat."Ein Teil der MPi , die B. nach seiner Festnahme ergreifen wollte, mit den Fingerspuren von ihm versehen. . . " MfS-Anweisung nach einem Todesschuss.3SAT Dieter Beilig (mit Holzkreuz) bei einer Demonstration.ULLSTEIN/GRABOWSKY Dieter Beilig, erschossen 1971.