2006 wechselten für fast 14 Milliarden Euro Grundstücke, Häuser und Wohnungen den Besitzer: Internationale Investoren kaufen Berlin

Das Interesse in- und ausländischer Investoren an Immobilien in Berlin hat der deutschen Hauptstadt im vergangenen Jahr einen neuen Rekord beschert. 2006 wechselten für 13,9 Milliarden Euro Grundstücke, Häuser und Wohnungen den Besitzer. Das geht aus den vorläufigen Zahlen über den Berliner Grundstücksmarkt 2006 hervor, die der Gutachterausschuss für Grundstückswerte jetzt herausgegeben hat. "Einen höheren Umsatz hatten wir noch nie seit der Wiedervereinigung", sagte Thomas Sandner, Leiter der Geschäftsstelle des Gutachterausschusses, gestern zur Berliner Zeitung. Im Jahr 2005 waren Immobilien im Wert von 8,9 Milliarden Euro verkauft worden. Im Vergleich zum Vorjahr stieg der Umsatz 2006 damit um rund 58 Prozent. Zurückzuführen ist die Zunahme vor allem auf das wachsende Interesse ausländischer Investoren, die sich mehr und mehr mit Immobilien in Berlin versorgen.Einer von ihnen ist der 46-jährige Österreicher Andreas Ruthensteiner. Mit seiner Firma Citec Immobilien in Deutschland AG, die ihm mit zwei Partnern und der Bank Austria Creditanstalt gehört, erwarb Ruthensteiner seit dem Jahr 2003 insgesamt 65 Häuser mit rund 1 900 Wohnungen. Damit gehört er heute zu den größten privaten Wohnungseigentümern in Berlin. Spezialisiert hat sich Ruthensteiner auf Altbauwohnungen in guten Lagen, weil sie sich besonders gut vermieten lassen.Billiger als London und Paris"Es gibt keinen so attraktiven Markt wie Berlin", sagt Ruthensteiner. Im internationalen Vergleich sind die Immobilienpreise hier immer noch günstig. Während in London ein Quadratmeter Wohnfläche rund 15 000 Euro koste, in Paris 10 000 bis 12 000 Euro und in Barcelona und Madrid etwa 8 000 Euro, sei er in Berlin für 1 200 Euro zu haben. Kein Wunder, dass neben den Österreichern Investoren aus den USA, aus Großbritannien, Schweden, Dänemark, den Niederlanden, aus Spanien, Luxemburg und Irland Wohnungen in Berlin kaufen. Sie alle hoffen, dass sie die niedrigen Mieten in den Berliner Wohnungen steigern und damit den Wert ihrer Immobilien weiter erhöhen können. Für den Österreicher Ruthensteiner haben sich die ersten Erwartungen schon erfüllt.Bei den Wohnungen, die er zuerst gekauft hat, sind die Preise für einen Quadratmeter Wohnraum von durchschnittlich 700 Euro auf rund 1 200 Euro geklettert. Würde er jetzt verkaufen, könnte er sich also schon über eine ansehnliche Rendite freuen. Doch Ruthensteiner will nicht verkaufen. Im Gegenteil. "Unser Hunger ist ungestillt", sagt er. "Was wir zu vernünftigen Preisen kaufen können, kaufen wir." Berlin habe schließlich gute Entwicklungschancen. Noch immer sei die Mehrzahl aller Beschäftigten aus den Bundesministerien nicht von Bonn an die Spree umgezogen. "Ich glaube, dass sie irgendwann kommen", sagt Ruthensteiner. Berlin sei zudem "eine wahnsinnig attraktive Stadt für Touristen". Dass Ruthensteiner überhaupt nach Berlin gekommen ist, verdankt er seinem Instinkt. Ein alteingesessener Berliner Immobilienexperte hatte ihn im Jahr 2003 noch gewarnt. "Ach, Sie wollen hier investieren? Lassen Sie die Finger davon." Gute Renditen seien mit Immobilien in der deutschen Hauptstadt nicht zu erzielen. Die Preise waren damals im Keller, die Branche noch vom Preisverfall in den 90er-Jahren geschockt. "Das war für uns das Signal einzusteigen", sagt Ruthen-steiner. Er verkaufte mit seinen Geschäftspartnern seine knapp 4 000 Wohnungen in Wien und investierte in Berlin. Bevor er sich für das Investment hier entschied, habe er mit seinen Partnern die Daten von rund zehn europäischen Großstädten verglichen, darunter Amsterdam, Barcelona und Valencia. "In allen Kategorien hat Berlin gewonnen." Die Mieten seien hier so niedrig, dass bei den Altbauwohnungen die Preise nur noch weiter steigen können. Solange die Preise für den Erwerb von Altbauwohnungen unter den Preisen für einen Neubau lägen, könne der Käufer kaum etwas falsch machen, sagt Ruthensteiner. Ein Neubau kostet heute pro Quadratmeter Wohnfläche etwa 2 500 bis 3 000 Euro.Mieterverein warntAm liebsten erwirbt Ruthensteiner die Wohnungen im unsaniertem Zustand, dann modernisiert er sie und kann sie anschließend teurer weitervermieten. In vielen Stadtteilen hat die Citec Wohnungen gekauft: In Friedenau, in Charlottenburg-Wilmersdorf, in Prenzlauer Berg und Friedrichshain sowie in Neukölln und Schöneberg. Die Wohnungen in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain machen ihm "am meisten Freude", sagt Ruthensteiner. Denn hier lassen sich die höchsten Preise bei einer Neuvermietung erzielen: bis zu neun Euro pro Quadratmeter Wohnfläche monatlich. Ziel der Citec sei es, die Quadratmeter-Mieten seiner Wohnungen von derzeit durchschnittlich 4,80 Euro innerhalb von fünf bis sieben Jahren zu verdoppeln, sagt Ruthensteiner. Das soll über die normalen Anhebungen nach dem Mietspiegel, über Modernisierungsumlagen und höhere Preise bei Neuvermietungen geschehen. Den Quadratmeter-Wert seiner Immobilien will er dadurch von jetzt 1 200 Euro auf 2 400 Euro steigern.Ob diese Planung aufgeht, ist offen. Der Vorsitzende des Rings Deutscher Makler (RDM) in Berlin, Thomas Wernicke, sagt, er rechne zwar ebenfalls mit steigenden Mieten in Berlin. Aber nur um zwei bis drei Prozent jährlich - "viel mehr Spielraum sehe ich nicht". Er habe den Eindruck, dass sich viele ausländische Investoren nicht im Klaren über das deutsche Mietrecht seien, so Wernicke.Daran werden sie ganz sicher vom Berliner Mieterverein (BMV) erinnert. BMV-Hauptgeschäftsführer Hartmann Vetter kündigte gestern an: "Wir werden alles tun, um unsinnige Modernisierungen und überzogene Mieterhöhungen zu verhindern."------------------------------Mehr Umsatz im WestenIm Jahr 2006 wurden in Berlin nach den vorläufigen Zahlen des Gutachterausschusses für Grundstückswerte für 13,9 Milliarden Euro Grundstücke, Häuser und Wohnungen verkauft. Das ist neuer Rekord. Im Jahr 2005 hatten lediglich Immobilien im Wert von 8,8 Milliarden Euro den Besitzer gewechselt.Die Zahl der Käufe erhöhte sich von 23 828 im Jahr 2005 auf 26 513 im Jahr 2006. Die verkaufte Grundstücksfläche erhöhte sich von 1 524,9 Hektar im Jahr 2005 auf 1 769,0 Hektar im vergangenen Jahr.Bei Wohn- und Geschäftshäusern hat sich der Umsatz von 3,7 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 6,9 Milliarden Euro im Jahr 2006 erhöht, Das entspricht einem Zuwachs von 85 Prozent. Der höchste Anteil hierbei entfiel auf Immobilien im Westteil, wo im Jahr 2006 für 3,46 Milliarden Euro solche Immobilien verkauft wurden. Im Ostteil wurden für 1,62 Milliarden Euro Wohn- und Geschäftshäuser verkauft.Für 1,83 Milliarden Euro gab es Paketverkäufe, bei denen dann mit einer Urkunde mehrere Immobilien an verschiedenen Orten an einen Erwerber verkauft werden.------------------------------Foto: Der Österreicher Andreas Ruthensteiner hat seine Häuser in Wien verkauft und mit dem Geld Berliner Immobilien erworben.