Stuttgart/Berlin - Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch hat beim ökumenischen Gottesdienst zur Feier der Deutschen Einheit die Kraft des Glaubens beschworen. Sie habe die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR mitgeprägt, sagte er am Donnerstag in der Stuttgarter Stiftskirche vor etwa 1000 Gästen.

„Ja, wir dürfen vertrauen, dass das Gebet wirkt.“ Der 3. Oktober mahne, „das Geschenk der Einheit nicht als etwas Selbstverständliches zu betrachten“, betonte Zollitsch laut einer vorab verbreiteten Rede. Im Publikum waren auch Gastgeber, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Joachim Gauck.

Angela Merkel beginnt am Freitag mit der Sondierung für eine neue Regierung. Am Rande der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit mahnte sie zur gemeinsamen Verantwortung. Vor der ersten Sondierungsrunde mit der SPD über die Bildung einer großen Koalition forderte sie faire und ernsthafte Gespräche: „Wir haben eine gemeinsame Verantwortung, eine stabile Regierung zu bilden“, sagte die Bundeskanzlerin.

Die Wähler hätten der CDU großes Vertrauen entgegengebracht. „Jetzt werde ich im Gegenzug natürlich dieses Vertrauen auch versuchen zu rechtfertigen durch faire Gespräche“, fuhr die CDU-Chefin fort. Sie erinnerte daran, dass Deutschland eine große Verantwortung in der Welt habe: „Europa schaut auf uns, die Welt schaut auf uns.“

Ost-Renten sollen angeglichen werden

Am Freitag treffen sich Spitzenpolitiker von Union und SPD zum ersten Sondierungsgespräch in Berlin, um Möglichkeiten einer großen Koalition auszuloten. Entscheidungen werden dabei aber noch nicht erwartet. Mit den Grünen will die Union am nächsten Donnerstag die Chancen eines Bündnisses sondieren.

Zum Tag der Deutschen Einheit sagte Merkel, dass es trotz Fortschritten beim Zusammenwachsen von Ost und West noch einiges zu tun gebe. So seien in den neuen Bundesländern die Arbeitslosigkeit höher und die Gehälter immer noch niedriger.

In der Deutschen Einheit sieht die Kanzlerin dabei auch einen Auftrag für ihre künftige Regierungsarbeit: „Wir haben viel Unterstützung erfahren, deshalb sollten wir diese Unterstützung auch zurückgeben in der Arbeit für ein einheitliches Europa, in der Arbeit für eine gerechtere Welt.“

Zum Einheitstag wurden auch Forderungen laut, knapp 24 Jahre nach dem Mauerfall die Ost-Renten an das West-Niveau anzugleichen. Spätestens mit Ablauf der Legislaturperiode 2017 dürfe es keine Unterschiede mehr bei der Rentenberechnung geben, forderte Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU).

Party am Brandenburger Tor

Die 23. Feier zum Tag der Deutschen Einheit wird in diesem Jahr in Stuttgart begangen. Insgesamt 400.000 Menschen werden zu den Feierlichkeiten unter dem Motto „Zusammen einzigartig“ und dem zweitägigen Bürgerfest in der Landeshauptstadt erwartet. An den ökumenischen Gottesdienst schließt sich ein Festakt an, bei dem Gauck und Kretschmann Reden halten.

Traditionell werden die Einheitsfeiern jedes Jahr in dem Bundesland ausgerichtet, das gerade den Vorsitz im Bundesrat innehat. Von November an übernimmt Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil von Kretschmann den Vorsitz in der Länderkammer.

Aber gefeiert wird auch in der Hauptstadt: Mit einer großen Open-Air-Party am Brandenburger Tor begeht Berlin am Donnerstag den Tag der Deutschen Einheit. Auf der 1,5 Kilometer langen Festmeile auf der Straße des 17. Juni werden Bühnenshows, Musik, Kulinarisches und Programme für Kinder geboten.

In der Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße wird die Ausstellung im Dokumentationszentrum das letzte Mal zu sehen sein. Das Haus schließt dann für den Umbau. Zudem erwarten am Einheitstag zahlreiche Landesvertretungen in der Hauptstadt Besucher. (BLZ/dpa)