Der Name "Kudamm-Eck" will nicht mehr so recht passen zu dem neuen Glaspalast an der Kreuzung Kudamm/Joachimstaler Straße. Der ehemalige Betonklotz mit seinen Kanten ist sanften Rundungen gewichen, anstelle undurchdringlicher Fassaden sorgt Glas für Transparenz und den Blick ins Innere. "Kudamm-Rund" und - im schnoddrigen Berliner Ton - sogar "Pillendose", wurde der Neubau der Hamburger Investoren Hans und Thomas Grothe inzwischen getauft. Das Modehaus C&A ist der erste Mieter im Kudamm-Eck. C&A hatte seine einstigen Räume an der Joachimstaler Straße zugunsten des Standortes direkt an der Einkaufsmeile aufgegeben. Store Manager Sebastian Rosendahl ist mit dem neuen Platz mehr als zufrieden. "Die Zahl der Besucher stieg von 8 000 auf rund 24 000 pro Tag." Auch der Umsatz wurde verdreifacht. Einziger Wermutstropfen: Das Modehaus wollte während der Eröffnungsphase seinen Kunden einen Preisnachlass von 20 Prozent gewähren. Doch der Berliner Einzelhandelsverband erwirkte einen Unterlassungsbescheid.Als besonderes architektonisches Schmankerl erhielt die Fassade zur Joachimstaler Straße wieder eine große Videowand. Betrieben wird die Großbildfläche von dem Hamburger Unternehmen Multi International Media GmbH (MIM). Erfahrungen mit Multimedia-Dienstleistungen sammelte die MIM unter anderem mit einer mobilen Videowand am Düsseldorfer Nobelkaufhaus Sevens, die im September 2000 in Betrieb ging. Laut MIM-Geschäftsführer Sven Jauer ist die neue Berliner Wand die größte Außenvideowand Europas. Präsentiert wird dort ein 24-Stunden-Mix aus Werbung, Information und Entertainment. C&A schloss bereits einen Nutzungsvertrag. Mit mehr als 30 weiteren Interessenten laufen Verhandlungen. Die Kosten für den Werbeauftritt sind abhängig von der Zahl der täglichen Schaltungen sowie der Vertragslaufzeit. Sie werden voraussichtlich zwischen 25 Pfennig und einer Mark pro Sekunde liegen. Jauer ist sicher, dass sich die Großbildfläche zum Zuschauermagneten entwickeln wird. Unter anderem ist eine Lifeübertragung der diesjährigen Love Parade vorgesehen.Die fünf Millionen Mark teure Wand besteht aus 80 Modulen mit je einem eigenen Netzanschluss. Bei Ausfall eines Bausteines bleibt die volle Funktionsfähigkeit gewährleistet. Auch Umwelteinflüsse können den gestochen scharfen Bildern nichts anhaben. Die Module sind wasserdicht, horizontal angebrachte Stege schützen die Bilder vor Beeinträchtigung durch Sonne. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft City West, Peter Hosemann, ist zuversichtlich, dass sich das neue Kudamm-Eck "zum Highlight entwickeln wird". Abzuwarten sei jetzt, ob sich auch der zweite Mieter am Standort etablieren wird. Wie berichtet will Swissotel im August die oberen sechs Etagen beziehen. Abwartend verhält sich auch der Geschäftsführer des Nachbarn Wertheim. Obwohl die Neueröffnung auch dort die Kundenzahl in die Höhe trieb, will Volker Pesaresi den Tag nicht vor dem Abend loben. "Erst die kommenden Monate werden zeigen, ob sich Synergieeffekte ergeben."Da der Kudamm jedoch nicht einzig von Kaufhäusern lebt, sondern auch die zahlreichen Plätze Publikum locken, soll jetzt der Verein "Pro City West" gegründet werden. Wirtschaftsstadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) will damit eine Finanzlücke im Bezirkssäckel stopfen. Denn für Bänke und Pflanzen hat die Kommune kein Geld. Der Verein unter Vorsitz der ehemaligen Bezirksbürgermeister Baldur Ubbelohde (Charlottenburg) und Wolfgang Krüger (Tempelhof) will dafür in den Reihen der Hauseigentümer Sponsoren finden. Der Vorteil gegenüber der bereits bestehenden AG City, die ebenfalls mit im Boot sitzt: Spenden können von der Steuer abgesetzt werden.Flimmernde Bilder // 1976 wurde die erste bewegliche Werbefläche am Kudamm-Eck montiert. Sie arbeitete mit Fernsehtechnik, was nicht immer problemlos funktionierte. 1985 erlosch das großflächige Geflimmere.1988 entstand an Stelle der alten Werbefläche die weltgrößte Wandzeitung. Die 270 Quadratmeter großen Bilder wurden von mehr als 100 000 drehbaren Kunststoff-Würfeln erzeugt. Betreiber der computergesteuerten Wandzeitung war die Gruner & Jahr-Tochtergesellschaft Avnet Bildwand GmbH. Im Neun-Sekunden-Wechsel wurden Nachrichten, Werbung, Kunst sowie persönliche Grußbotschaften ausgestrahlt.Am 8. Juli 1990, Tag des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft, feierten Fußballfans auf dem Kudamm den Sieg über Argentinien. Eine Leuchtrakete blieb zwischen zwei Würfeln der Wand stecken. Das Feuer zerstörte die Bilderwand.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN An der Joachimstaler flimmert s großflächig: 13 Meter breit und knapp acht Meter hoch ist die neue Videowand.

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