Berlin - Der 17. Oktober 1989 beginnt im Großen Haus am Werderschen Markt wie viele Dienstage zuvor. Im kleinen Sitzungssaal im zweiten Stock des riesigen Gebäudes mit dem Symbol der verschränkten Hände an der Frontseite haben sich zu zehn Uhr 24 Mitglieder und Kandidaten des Politbüros der SED versammelt. Verteidigungsminister Heinz Keßler ist entschuldigt, nur Erich Honecker fehlt noch. Das ist ungewöhnlich, denn Pünktlichkeit gehört zu jenen preußisch-kommunistischen Tugenden, die Honecker pflegt.

Erst zehn Minuten nach zehn betritt der SED-Generalsekretär den Raum. Er scheint aufgeräumter Stimmung. „Entschuldigt, Genossen“, sagt er, „Hans Modrow hat gerade angerufen. Er will auf mich zukommen. Wir wollen miteinander reden.“ Egon Krenz wird noch mulmiger zumute, als ihm ohnehin schon ist. Modrow, der SED-Bezirkschef von Dresden, ist einer der wenigen, die wissen, was in den nächsten Minuten hier geschehen soll. Hat er Honecker etwas verraten? Doch der lässt sich nichts dergleichen anmerken. Er eröffnet die Sitzung und fragt, ob es noch Vorschläge zur Tagesordnung gibt.

Ein kleines bisschen Selbstkritik

Da meldet sich Willi Stoph, der Ministerpräsident der DDR, zu Wort. Er stellt mit ruhigen Worten den Antrag, Erich Honecker von seinem Amt an der Spitze der SED zu entbinden: „Erich, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“ Niemand weiß, was in Honecker, 77 Jahre alt und an Krebs erkrankt, jetzt vor sich geht.

Erinnert er sich daran, dass er mit ähnlichen Worten fast 20 Jahre zuvor den damaligen greisen Parteichef Walter Ulbricht zum Rückzug aufgefordert hat? Hat er etwas geahnt? Oder ist sein Realitätsverlust wirklich so groß? Als in den Wochen zuvor, vor und während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, die Republik bereits in Aufruhr war, Zehntausende Bürger das Land verließen und die Opposition gegen das SED-Regime immer mutiger wurde, hat er von all dem nichts wissen wollen.

In seiner Rede am 7. Oktober im Palast der Republik ist er mit keinem Wort auf die Probleme, die Wut, die Enttäuschung im Land eingegangen, während vor den Türen Volkspolizisten Demonstranten mit Schlagstöcken in die Seitenstraßen trieben und festnahmen.

Honecker bewahrt Haltung und sagt: „Gut, beginnen wir mit der Aussprache.“ Wie selbstverständlich leitet er die Sitzung, erteilt das Wort an die Genossen. Mit den meisten von ihnen hat er Jahrzehnte zusammengearbeitet, für den prekären Zustand der DDR sind sie nicht weniger verantwortlich als er. Doch nicht einer steht mehr zu ihm. Egon Krenz, sein politischer Ziehsohn und inoffizieller Kronprinz, wie Honecker es einst von Ulbricht war, hat ganze Arbeit geleistet.

Gegen den Willen Honeckers

Krenz ist mit 52 Jahren das jüngste und womöglich hellsichtigste Mitglied der engeren SED-Führung. Er sieht, auf welch abschüssiger Bahn die SED und die von ihr geschaffene DDR sich befinden. Er will diesen Prozess stoppen. Krenz sieht sich als zweiter Mann hinter Honecker in der Verantwortung, freilich dürfte er auch an sein eigenes Fortkommen als künftiger Staats- und Parteichef denken. Ihm ist nach den Unruhen um den 7. Oktober mit dem demonstrativ distanzierten Auftreten des sowjetischen Parteichefs und Reformers Michail Gorbatschow klar, dass er handeln muss, auch gegen den Willen Honeckers.

Am 8. Oktober hat Krenz eine fünfseitige Erklärung vorgelegt, mit der das Politbüro Selbstkritik üben und Dialogbereitschaft mit den kritischen Bürgern bekunden soll. Honecker lehnt die Befassung mit dem Dokument zunächst ab.

Am 9. Oktober demonstrieren Zehntausende in Leipzig für Demokratie und Reisefreiheit, doch die von vielen befürchtete gewaltsame Reaktion der Sicherheitsbehörden bleibt aus. Krenz, im Politbüro für Sicherheitsfragen zuständig, nimmt später für sich in Anspruch, für diese Zurückhaltung gesorgt zu haben.

In einer zweitägigen Krisensitzung des Politbüros wird Krenz' Papier schließlich doch diskutiert, mit Änderungen beschlossen und am 12. Oktober im Parteiorgan Neues Deutschland veröffentlicht. Gleichzeitig kommt es auf einer Tagung mit den Bezirkschefs der SED erstmals zu offenen Auseinandersetzungen mit Honecker. Vor allem Modrow kritisiert die Uneinsichtigkeit des Staats- und Parteichefs, der alle Probleme als vom Westen produziert abtut.