Unter außerordentlich starken Sicherheitsvorkehrungen wurde gestern abend die Neue Synagoge als Centrum Judaicum, als geistiges und wissenschaftliches Zentrum der Jüdischen Gemeinde, eingeweiht. Der Regierende Bürgermeister sprach sich für eine Jüdische Universität in Berlin aus.Hermann Simon, der Direktor des Centrums Judaicum, erinnerte sich, wie er - damals noch ein Knabe - vor dreißig Jahren in der Ost-Berliner Synagoge Rykestraße hebräisch aus der Tora las: "An jenem Tag / erstelle ich Dawids zerfallene Hütte wieder, / ich verzäune ihre Risse, / ihre Trümmer stelle ich wieder her, / ich baue sie wie in den Tagen der Vorzeit " Damals, erzählte er, habe er nicht geahnt, wie bedeutungsvoll diese Sätze sein würden.Zwischen weiß blühenden Kastanien und hoch wachsenden Pappeln versammelten sich rund 3 000 Gäste im Hof der Neuen Synagoge, dort, wo einst der Gebetraum, das Haupthaus der im Jahre 1866 eingeweihten Synagoge stand. Die hochragende, von großen Glasfenstern unterbrochene Rückwand der Neuen Synagoge trägt, wie Jerzy Kanal, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, formulierte, "deutliche Spuren einer schmerzhaften Bruchstelle, eines gewaltsamen Einschnitts, Spuren der Zerstörung und der beabsichtigten totalen Vernichtung".Juden aus der ganzen Welt waren gekommen. Eine New Yorker Delegation der Vereinigung jüdischer Polizisten in den USA, eingeladen von ihren Berliner Kollegen, marschierte im Gleichschritt ein. Dreitausend gehören allein in New York zu ihnen. Auf Einladung des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen waren 400 Berliner Juden aus der ganzen Welt für eine Woche nach Berlin gekommen. Wie in New York Viele sahen die Haupstadt zum ersten Mal wieder, so Silvia Greenberg, die als zehnjähriges Mädchen Berlin im August 1939 verlassen mußte. Sie war im jüdischen Krankenhaus an der Oranienstraße zur Welt gekommen und will heute ihr Elternhaus fotografieren. "Ich bin", sagte sie, "mit schwerem Herzen gekommen." Aber sie freute sich über die herzliche Aufnahme in der Stadt. "Ich bin mir sicher, daß sich Deutschland gewandelt hat", erklärte sie."Das ist wie in New York", meinte Frau Greenberg locker zu den mit schwarzen Gesichtsmasken versehenen Scharfschützen der Polizei auf dem Dach des angrenzenden Hauses, deren Gewehre und Funkantennnen in den Himmel ragten. Und sind nicht tatsächlich die laut und anhaltend piepsenden Sicherheitsschleusen, die penible Untersuchung von Taschen und Mänteln, zu einer Alltagserscheinung geworden? Jetzt also auch im Vorraum der Synagoge. Einige Gäste sprachen während der Untersuchung ihrer Regenschirme durch die Sicherheits-Beamten über den Brandanschlag auf die Lübecker Synagoge. Zwei Nackte versuchten später, unter einer schwarzen Piraten-Fahne vom Dach eines Nachbarhauses mit Trillerpfeifen die Einweihung zu stören. Sie forderten auf einem Transparent ein Bleiberecht für alle Flüchtlinge.Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach und Bundesaußenminister Klaus Kinkel zählten zu den offiziellen Gästen. Eberhard Diepgen nannte die Unvollständigkeit der nur zu einem Drittel wieder errichteten Synagoge ein Symbol: "Die Mauern, die im Bauschutt geborgenen Glasspitter, die gefundenen Kleinode der jüdischen Religion sind stumme Zeugen von Verfolgung, Zerstörung, Krieg und Tod." Die Barbarei der Nazis sei deutsche "Vernichtung und Selbstvernichtung zugleich" gewesen. Der Bürgermeister sprach sich für die Errichtung einer Jüdischen Hochschule in Berlin aus, um an die geistigen Traditionen der Stadt anzuknüpfen. Ende der Aufklärung Jerzy Kanal erinnerte an die Worte des letzten Rabbiners der Berliner Vorkriegs-Gemeinde, der das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte und vor fünfzig Jahren erklärte: "Unser Glaube war es, daß deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Das war eine Illusion. Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für allemal vorbei." Der Gang der Geschichte und die Errichtung dieses Zentrum widerlegten die damalige Auffassung, meinte Kanal und fuhr fort: "Zumindest teilweise". Schließlich war diese Synagoge, so Josef Burg, Vorsitzender der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in der großen Zeit der Aufklärung errichtet worden. Damals, fuhr er fort, habe niemand geahnt, daß "der Sonnenschein der Gleichheit und Brüderlichkeit im dunklen Rauch der Verbrennungsöfen zu Ende gehen würde".Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, sagte: "Es wird in erster Linie an den nichtjüdischen Menschen liegen, ob jüdisches Leben wieder möglich sein wird, wie es einmal war und wie es untergegangen ist." +++