Ein Wunder der an Wundern nicht eben armen Kino- beziehungsweise Filmgeschichte ereignet sich derzeit. Nach Einführung des Tons und der Farbe ist jetzt die dritte Dimension "erobert". James Camerons "Avatar", der als der kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten gefeiert wird, brachte den Durchbruch: 3-D gilt als Hoffnung des Kinos. Doch ist diese berechtigt? Was ist wirklich neu an der dritten Dimension? Und was bedeutet sie für das Filmerleben?Genau genommen handelt es sich bei dem, was derzeit als 3-D-Kino bezeichnet wird, um eine stereoskopische Projektion im Kinoraum. Denn wir sehen keine dreidimensionalen Objekte - dann wäre Kino ja deckungsgleich mit Disneyland. Letztendlich geht es um eine, verglichen mit 2-D, veränderte Form der Erzeugung von Illusionen. Vom immersiven Erleben ist da gern die Rede: Gemeint ist damit, dass wir uns ganzheitlicher als bisher in die Filmbilder versenken. Die Tiefe eines an sich flachen Bildraums soll "unmittelbarer" erfühlt werden. Es soll wirken, als ob die dahinschwebenden Blüten nicht nur auf dem Körper des Avatars landen, sondern quasi auch auf unserem. Solche sensualistisch sanften Szenen sind das eigentlich Neue in Bezug auf 3-D. Denn bisher wollte man hier vor allem mit Angst und Sex Kasse machen. Dabei mussten es nicht unbedingt Pfeile, Messer und Monsterhände oder gewaltige Brüste und Zungen sein, die den Zuschauer attackieren. Es reichten auch die dürren Äste eines Baums, die sich uns vermeintlich in die Augen bohren.Eine derartige mentale Informationsverarbeitung wünschte sich Oliver Wendell Holmes bereits 1859. Schon damals wollte man erreichen, dass mit Hilfe einer verbesserten Maschine des Sichtbarmachens ein Bildererlebnis zum Realerlebnis wird. Was also jetzt als "Zukunft des Kinos" verkauft wird, war in der Vergangenheit bereits da. Holmes, seines Zeichens Mediziner, verfolgte mit der Technik der Stereoskopie ein kühnes, psychologisches Ziel: Sie sollte Menschen in eine Art Trance versetzen, sie glauben lassen, dass es möglich sei, den eigenen Körper zu verlassen oder mindestens soweit zu vergessen, um ungeahnte Erfahrungen zu machen - ohne Drogen.Als eigentlicher Erfinder des Stereoskops gilt jedoch der englische Physiker Charles Wheatstone. Ihm gelangen 1833 Messungen der Binokularität des Auges und der Nachweis, dass jedes Auge ein jeweils eigenes Bild aufnimmt. Dieses wird im Sehzentrum des Gehirns zusammengesetzt und zu einer räumlichen Erfahrung "verrechnet". Wheatstone war von der Idee beseelt, allein die Stereoskopie könne alle Mängel der Malerei überwinden, indem ihr erstmalig die Illusion einer vollständigen Entsprechung zwischen dem Gegenstand und seinem Bild gelänge.Auch als die Bilder "laufen lernten", hörten die Versuche nicht auf, diese räumlich aufzuladen. Abel Gance, einer der Urväter der Kinematografie, experimentierte 1927 mit 3-D, und Sergei Eisenstein träumte in seinem letzten Text (1949) von einem "plastischen Kino" jenseits "blasser Schatten". Letztendlich waren es dann vor allem Porno- und Horrorfilme, die die Tiefen des Raums cineastisch besetzt hielten. Daran änderte auch die große Kinokrise in den 1950er-Jahren nichts, als Hollywood verstärkt auf der Suche nach neuen Sensationen war.Die alles entscheidende Wende in der Bildnahme wie auch in der Bildbearbeitung kam mit der Digitalisierung. Dreidimensionale Objekte konnten von nun an mit Computerprogrammen erstellt werden. So überrascht es nicht, dass vor allem der CGI-Animationsfilm sich mit 3-D aufzuwerten versucht. Demnächst kommen "Forever Shrek" sowie "Toy Story 3" in einer 3-D-Fassung in die deutschen Kinos. Sind jedoch nicht nur Schauspielerstimmen an der Filmproduktion beteiligt, ergeben sich zahlreiche Probleme. Die Darsteller müssen nicht nur in sterilen Aufnahmestudios agieren, ihre Körper sind auch mit viel Technik vollgepackt, Sensoren und Kameras, die die Bewegungen und Mimik auf Computer übertragen. Was etwa zu Schwierigkeiten bei Kuss-Szenen führt.Mit 3-D verkompliziert sich aber nicht nur die Art der Bildnahme, sondern auch die Bildsprache. Es gelten neue Regeln für die Platzierung der Figuren, für die Beziehung der Objekte untereinander. Schnittlängen und Blicklenkungen verändern sich und damit die Art des Erzählens. Deswegen kritisieren 3-D-Profis Filme, die in 2-D gedreht und nachträglich auf 3-D konvertiert werden. Genau darauf scheint Hollywood aber zu setzen. Ein Beispiel ist Tim Burtons "Alice im Wunderland": Die Szenen wurden klassisch aufgenommen und in der Postproduktion Bild für Bild aufgedoppelt und stereoskopisch verschoben. Zwar ist auch hier die Flora zauberhaft, aber keine Sekunde lang fühlen wir den Impuls, eine dieser Pflanzen zu berühren. Doch Cameron hat mit "Avatar" nicht nur überzeugende 3-D Bilder geschaffen, sondern vor allem ein höchst geschicktes Konstruktionsprinzip seiner Geschichte: Er lässt den Zuschauer erleben, wie der Held seinen menschlichen Körper verlässt und Gefallen am Avatar, am Ersatz- oder Zweitkörper findet. Der ist unversehrt, groß, schön und: Er erlebt alles zum ersten Mal. Ein Traum!Letztlich sagt uns das 3-D-Kino: "Ihr seid die ganze Zeit betrogen worden! Flache Bilder sind nur Fenster zur Welt. Jetzt kommt ihr endlich in diese Welt herein!" Aber auch das ist eine Täuschung, nur auf höherem technischen Niveau. Bilder zu dechiffrieren und zu werten, ist eine psychologische Leistung - und folgt kulturellen Konventionen. Wie diese sich im Zeichen des Digitalen und der Dreidimensionalität verändern, ist das eigentlich Spannende. Es bleibt abzuwarten, wie lange Hollywood durchkommt mit seinem Trick, 2-D als 3-D zu verkaufen. Künftig wird der Erfolg des "plastischen Kinos" davon abhängen, mit welcher Finesse die 3-D-Macher ihr neues, altes Medium weiterentwickeln.------------------------------Schnittlängen und Blicklenkungen verändern sich durch 3-D und damit die Art des Erzählens.Foto: Kommt hierzulande am 29. Juli als Familienspaß in 3-D in die Kinos: "Toy Story 3".