BERLIN, im Januar. Als Joseph Spring ans Telefon kommt, sagt er gleich, dass er keine Zeit habe für eine Unterhaltung. Es ist neun Uhr morgens daheim bei ihm im australischen Melbourne, und es ist sein 73. Geburtstag. Freundlich bittet er um Verständnis: "Meine Frau und ich haben noch einiges für die Feier vorzubereiten." Und in einer Stunde käme noch das Schweizer Fernsehen, das ihn interviewen wolle.Dann fängt Joseph Spring doch an zu erzählen, und die Zeit spielt keine Rolle mehr. Er spricht von seiner Kindheit und seiner jüdischen Familie in Berlin, damals, in den dreißiger Jahren, als er noch Joseph Sprung hieß. Von seiner Flucht vor den Nazis, seinem Exil in Belgien und Frankreich, von seiner Auslieferung durch die Schweizer Behörden an Deutschland und der grausamen Zeit in Auschwitz.Über die Grenze geschmuggeltAm heutigen Freitag wird es wieder um dieses "erste Leben" gehen, wie Joseph Spring jene Zeit nennt. In der Schweiz, wo 1943 sein Leidensweg in die deutschen Konzentrationslager begann. Das Schweizerische Bundesgericht in Lausanne wird heute abschließend über eine Entschädigungsklage Springs gegen die Eidgenossenschaft befinden. Es ist der erste Prozess dieser Art in der Schweiz. Hunderttausend Franken verlangt Spring, weil die Schweiz ihn als Juden vor 57 Jahren an die Nazis ausgeliefert hat.Sechs Jahrzehnte sind seitdem vergangen, aber seine Erinnerungen sind klar und deutlich. "Ich bin zwar bald nach Kriegsende ausgewandert, habe meinen Namen von Sprung in Spring geändert und ein neues Leben begonnen", sagt er. "Aber mein erstes Leben, das kann ich nicht vergessen."In der Brunnenstraße in Berlin-Mitte wurde Joseph Spring 1927 geboren. Nach dem Tod des Vaters 1932 zog die Familie um. "In der Annenstraße 2 haben wir gewohnt", erzählt er. "Meine Mutter hatte im Erdgeschoss ein Eisdiele, das war wie ein Paradies für uns Kinder."Dann kamen die Nationalsozialisten an die Macht. Anfang 1939 beschloss die Familie Sprung, nach Belgien zu fliehen. Dort lebten zwei Tanten, die zuerst Joseph und seinen Bruder und dann ihre Mutter mit gefälschten Papieren über die Grenze schmuggelten. Die Springs kamen in Antwerpen unter. 1940 besetzten die Deutschen Belgien, und im August 1942 wiesen die Behörden an, dass sich alle Juden auf der Kommandantur zum "freiwilligen Arbeitseinsatz" in Deutschland melden sollten. "Meine Mutter hatte aber mit Belgiern gesprochen, die ihr von Baracken erzählten, in die Juden hineingehen mussten und nicht wieder herauskamen", erzählt Spring. Sie habe deshalb entschieden, "mit uns Kindern in den Untergrund zu gehen".Die Mutter besorgte falsche Papiere für ihre Söhne. Josephs Bruder, der von einer Krankheit geschwächt war, brachte sie in einem Kloster unter; Joseph Sprung wurde als "Joseph Dubois" mit seinem Cousin Dolf Henenberg nach Montpellier in Frankreich geschickt.1943 bat ihn Dolf, seine beiden Brüder Henri und Sylver aus Belgien nach Frankreich zu holen. Joseph war damals 16 Jahre alt. Er fuhr nach Belgien, besorgte falsche Papiere und schmuggelte den 21-jährigen Henri und den 14-jährigen Sylver nach Frankreich. Doch sie waren nicht in Sicherheit. Und so beschloss Joseph, mit zwei seiner Cousins in die Schweiz zu fliehen. Dolf blieb zurück.Im November 1943 schlichen sie bei La Cure im Jura über die grüne Grenze. Sie erreichten einen einsamen Bauernhof. "Wir fragten den Bauern nach einem Telefon, weil wir einen Bekannten in Freiburg anrufen wollten", sagt Joseph Spring. "Der Mann versprach, uns zu einem Telefon zu bringen. Tatsächlich aber schaffte er uns zur Grenzpolizei." Die Beamten nahmen die Personalien der Flüchtlinge auf und schickten sie zurück nach Frankreich. Beim nächsten Mal, drohten sie den Dreien, werde man sie an die Deutschen ausliefern.Ein paar Nächte später versuchten Joseph und seine Cousins ein zweites Mal, in die Schweiz zu fliehen. Bei La Cure schloss sich ihnen noch ein Franzose an, Pierre Rollin. Diesmal schien die Sache gut zu gehen, das Quartett gelangte mehrere Kilometer hinter die Grenze. Dann wurden sie doch von der Polizei gestellt. Die Beamten nahmen sie mit auf die Wache, riefen den deutschen Grenzposten an und kündigten die Übergabe der Flüchtlinge an. Seit 1942 waren Menschen wie Spring laut Schweizer Gesetz keine Flüchtlinge mehr, sondern "illegal anwesende Ausländer". "Als wir den Deutschen übergeben wurden, fragten die nach unseren Personalien", sagt Joseph Spring. "Ich habe natürlich nicht unsere richtigen Namen genannt, aber die lachten uns nur aus. Die Deutschen wussten genau, dass wir Juden waren und wie wir hießen. Die Schweizer hatten es ihnen gesagt." Ihr französischer Begleiter Pierre Rollin, der kein Jude war, wurde von ihnen getrennt. Anders als die drei jüdischen Jungen kam er nicht ins Konzentrationslager.Pierre Rollin ist 1962 in Nancy gestorben. Damit steht für Joseph Spring fest, dass es ihm und seinen Cousins besser ergangen wäre, hätten die Deutschen nichts von ihrer jüdischen Herkunft gewusst. "Das ist für mich das Verbrechen, das die Schweizer begangen haben: Die Leute nicht nur auszuliefern, sondern auch noch dafür zu sorgen, dass sie vergast werden."Die Deutschen verschleppten ihn und seine Cousins zunächst nach Drancy, in ein Sammellager. "Das war eine alte Schule, umgeben von einem Stacheldrahtzaun. Hunderte, Tausende waren dort zusammengepfercht. Alles Juden. Wir mussten auf dem Boden schlafen. Die Wände waren voll gekritzelt mit Namen von Familien, die dort seit 1942 auf dem Weg ins KZ durchgeschleust worden waren. Ich heiße so und so, ich war hier, vergiss mich nicht, stand da. So viele Namen auf den Wänden. Das Bild werde ich nicht mehr los."Mitte Dezember 1943 wurden die drei mit tausenden Leidensgenossen in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert. An der Rampe trennten sich ihre Wege. Die Aufseher schrien, wer sich krank fühle, werde mit Lastern ins Lager gebracht. "Ich misstraute ihnen, warum sollten die Deutschen plötzlich so nett zu uns sein", sagt Joseph Spring. "Henri aber fühlte sich krank und wollte fahren. Und sein kleiner Bruder, Sylver, wollte sich nicht von ihm trennen. Ich habe versucht, die beiden zurückzuhalten, aber sie wollten nicht."Spring schweigt. Man hört ihn schlucken. Es ist sein Geburtstag und er spricht mit einem gesichtslosen Zuhörer in Deutschland. "Sylver hatte unser Brot, er brach mir ein Stück ab und warf es mir herüber. Es fiel runter, schlitterte auf dem Eis der Rampe. Es war das letzte Mal, dass ich die beiden sah. Sie wurden am selben Tag vergast."Joseph Spring hat Auschwitz überlebt. Die Zwangsarbeit in der IG-Farben-Fabrik, den Hunger, den Fußmarsch nach Gleiwitz, den Transport ins Lager Dora in Thüringen, die Arbeit im Bergwerk, den Todesmarsch Richtung Magdeburg. Ende April 1945 konnte er fliehen. Er schlug sich zu den Amerikanern durch, kam in ein Lazarett in Thüringen. Drei Tage später sprang er auf einen Zug, der nach Belgien fuhr. In Brüssel fand er seine Mutter und seinen Bruder, die dort den Krieg überlebt hatten. Bis Oktober 1946 blieben die Drei in Belgien, dann holte sie eine Verwandte nach Australien. Joseph Spring wurde Goldschmied. 38 Jahre lang arbeitete er in seiner Werkstatt für die besten Schmuckgeschäfte Melbournes.Der erste BerichtVor drei Jahren las Joseph Spring im Internet von dem Juden Eli Carmel, der die Stadt Basel verklagt hatte, weil ihn dortige Beamte während der Nazizeit an Deutschland ausgeliefert hatten. Es kam zu keinem Prozess, weil Carmel eine freiwillige Zahlung der Stadt Basel bekam. Die Verantwortlichen wollten sie aber ausdrücklich nicht als Schuldanerkenntnis verstanden wissen."Aber es geht hier doch vor allem um Schuld, nicht um Geld", sagt Joseph Spring. "Die Schweizer Behörden wussten, was die Deutschen mit Juden anstellen. Seit dem Sommer 1942 wussten sie das, als dem Bundesrat ein erster authentischer Bericht über die Judenverfolgung in Deutschland zuging. Dennoch haben sie die Juden davongejagt. Wie können sie heute sagen, sie haben sich nicht schuldig gemacht?"Springs Rechtsanwalt beantragte 1998 beim Bundesrat die Entschädigung für seinen Mandanten. Der Bundesrat lehnte das Begehren ab. Darauf reichte der Anwalt beim Bundesgericht eine Klage auf Staatshaftung ein.Das Berner Finanzministerium wies die Klage zurück. Es bezweifelte Springs Schilderung. "Die Überstellung des Klägers an die Deutschen ist gemäß Aussagen von Zeitzeugen zweifelhaft", schrieb das Ministerium im Oktober 1998. Später kam heraus, dass diese Aussagen wider besseren Wissens erfolgten. Dem Ministerium lagen im Oktober 1998 Unterlagen aus dem Bundesarchiv vor, die die Auslieferung von Joseph Spring und seinen Begleitern an die deutschen Grenzorgane in La Cure eindeutig belegen.Bis zu 30 000 Juden so schreibt die Bergier-Kommission in ihrem kürzlich vorgelegten Bericht über die Tätigkeit der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges sind an Schweizer Grenzen zurückgewiesen oder an Deutschland ausgeliefert worden. Nur wenige haben das überlebt. Für den Schweizer Bundesrat gibt es dennoch keinen Anlass zur Reue. Einem anderen Juden, dessen Eltern 1942 von der Schweiz an Deutschland ausgeliefert wurden und im KZ umkamen, verweigerte der Bundesrat 1998 eine Entschädigung mit folgender Begründung: "Die Schweizer Bundesbehörden haben sich im Gegensatz zum Naziregime weder eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit noch eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht."Das Gegenteil will Spring heute vom Bundesgericht in Lausanne bestätigt bekommen. Sollten ihm die obersten Richter Recht geben, wären die 100 000 Franken nur eine symbolische Strafe. Viel schwerer wöge, was die Richter dem Schweizer Staat in ihrer Urteilsbegründung attestieren müssten: Beihilfe zum Völkermord. Das ist der einzig mögliche Straftatbestand im Fall Spring."Ich hoffe, sie entscheiden für mich", sagt Joseph Spring am Telefon. "Es wäre mir für den Rest meines Lebens wohler." Dann verabschiedet er sich und legt auf.WOZ-ARCHIV/MERET WANDELER "Es geht hier um Schuld, nicht um Geld" Joseph Spring.