Hugo von Hofmannsthals Chandos-Brief hat Geschichte gemacht. Das Schreiben des jungen Lords, der auf einmal ein seltsames Mitgefühl für Ratten entwickelt, dem Worte wie Pilze im Mund zerfallen, den der alltägliche Gang des Lebens quält, ist das Dokument der modernen Sprachkrise: "Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen." Es liegt nahe, im frühreif-genialischen Chandos das Spiegelbild des Wunderknaben Hofmannsthal zu sehen, der sein Publikum vor der Jahrhundertwende bezauberte. Die eigentliche Bedeutung des Schreibens liegt aber darin, dass es eine Epochenproblematik gültig formuliert. Der "Brief", datiert auf den 22. August 1603, erschien erstmals im Oktober 1902. Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums haben Roland Spahr, Hubert Spiegel und Oliver Vogel ein illustre Reihe von mehr als 30 Autoren gebeten, an Stelle des ursprünglichen Adressaten Francis Bacon eine Antwort an Chandos zu verfassen. Und so schreiben sie denn in Bacons oder in eigenem Namen, als Chandos Ehefrau oder in anderen Rollen, sie schreiben an den jungen Lord, an dessen Pferd, an Hofmannsthal oder an jemand ganz anderen, sie faxen und mailen, sie erzählen und dichten. Die Idee zu dieser Zusammenstellung ist schlicht brillant, denn sie lässt ein Panoptikum erwarten, das den Zustand der Moderne im Vergleich zu ihrer nun schon "klassisch" gewordenen Ausgangslage dokumentiert. "Erreicht und berührt" also der Chandos-Brief, wie es im Nachwort heißt, tatsächlich "heute noch" seine Empfänger? Lord Chandos fehlen nicht etwa jegliche Worte - dafür ist er viel zu eloquent. Er vermisst vielmehr eine Sprache, "in welcher die stummen Dingen zu mir sprechen", eine Sprache, die nicht immer schon einen Abstand von der Welt markiert, sondern umgekehrt gerade der innigen Verbundenheit alles Seins Ausdruck verleiht. Bis auf wenige Ausnahmen wie bei Heinrich Detering oder James Salter, ist diese Intention den meisten Antwortschreiben kaum eine Überlegung wehrt. Was für sie allenfalls zählt, ist das Weiterschreiben, und dafür haben sie praktische Ratschläge. Friederike Mayröcker empfiehlt schreibgestörten Kollegen, "niemandem mehr zur Verfügung" zu stehen, bis sich wieder "WORTGEWIMMEL und WORTGESTÖBER" einfindet, und Georg Klein formuliert eine "Lord-Chandos-Kur" für Männer in vier Schritten. Auch bei Klein steht am Beginn der Sprachfindung die Klausur, in der der verstummte Autor den Chandos-Brief so lange vorträgt, ja ihn sich direkt einverleibt, bis er davon überzeugt ist, "einen solchen Brief eigentlich viel besser schreiben zu können". Aber Vorsicht! Nur keinen "Anti-Chandos-Brief" verfassen! Das würde ein zu großes Zugeständnis bedeuten. Denn: "Der elitäre Sprachzweifel, dieser alberne und kokette Geck" gehört nicht mehr zu unserer Zeit, er ist "zum Dünkel einer überprivilegierten Kulturkaste verkommen". Viele finden das Schweigen durchaus unproblematisch, und dies nicht einmal aus Opposition gegen den "verkommenen Sprachlärm" (Brigitte Kronauer), sondern einfach bloß so. Unter den Briefpartnern von Chandos jedenfalls dominiert die Partei derjenigen, die eine Sprachkrise schlicht für ziemlich blöde halten. Alles was dem völlig verstörten Lord in seiner Krise zu schaffen macht, könnte schließlich auch wünschenswert sein, die Flüchtigkeit etwa (Thomas Hettche), das einfache, unprätentiöse Weiterarbeiten (Bruno Richard) oder die Zusammenhangslosigkeit (Zsuzsa Bank). Wir befinden uns irgendwo zwischen Posthistorie und Postmoderne, wir sind "überaltert", "endzeitlich verzwittert", aber ohne Trauer darüber. Nur selten spricht einer der Oberflächlichkeit aus Tiefe das Wort wie Dirk von Petersdorff, dessen Lob der Rhetorik dem Schutz des "Inneren der Dinge" dient. Auf jeden Fall ist heute alles anders. Für einige leben wir nur in einer sehr nüchternen Zeit, andere hingegen sind katastrophisch gestimmt. Mit Durs Grünbein gesagt: "Glücklicher Chandos, Ihr wisst nicht, was Euch erspart bliebe. / Welcher Vernichtungswille, wie viel organisierte Niedertracht". Was müssen sich der arme Hofmannsthal und sein Alter Ego Chandos da nicht alles anhören: Ihre Projekte sind "sterbenslangweilig" (Louis Begley), "hirnrissig" (Thomas Hürlimann), sie selber nichts weiter als "Klugscheißer" (Michael Lentz) oder "Billigmelancholiker" (Feridun Zaimoglu), ihr Pathos voll "von Eitelkeit und Selbstmitleid" (Henning Ahrens). Marleene Streeruwitz schließlich gibt dem "Brief" die volle Breitseite: "Patriarchaler Ich-Kannibalismus ist das", "unethisch", "unästhetisch", "undemokratisch sowieso". Als neues Paradigma für unsere Zeit empfiehlt sich dabei offensichtlich das Fußballspiel. Streeruwitz entwickelt unter Eindruck der Weltmeisterschaft ihre Kritik an der zweiwertigen Logik unserer Kultur, von Petersdorff rät dazu, den "Ball flach zu halten", und für Perikles Monioudis löst der Aufenthalt im Stadion ohnehin alle Probleme. Es scheint fast, als könne kaum jemand mit dem Chandos-Brief noch etwas anfangen oder den verstummenden Lord überhaupt noch ernst nehmen. So ist man Wolfgang Hilbig wirklich sehr dankbar, wenn er mit seinem ganzen schriftstellerischen Gewicht schlicht erklärt: Eine Antwort auf Chandos ist unmöglich. Zwischen dem Chandos-Brief und seinen heutigen Adressaten liegt das 20. Jahrhundert. Teilung und Zerfall bedeuten hier etwas ganz Anderes als noch vor 100 Jahren und Massenmorde ohnehin. Einen Zusammenhang, so Hilbig, habe sein Leben nie gehabt. Für ihn resultiert daraus noch die Aufforderung zum Widerstand gegen Zerfall, für die jüngeren seiner Kollegen nur eine etwas mitleidige Geste: "Aber, lieber Lord", warnt Felicitas Hoppe, "vergessen Sie, um Gottes willen, trotzdem nicht, daß man ein einmal frisch zubereitetes Pilzgericht auf keinen Fall wieder aufwärmen darf!"Lieber Lord Chandos Antworten auf einen Brief. Hrg. von Roland Spahr, Hubert Spiegel und Oliver Vogel. S. Fischer. Frankfurt/M. 2002. 256 S. 20 Euro.