Verbindungen zur Bevölkerung – das war von vornherein nicht vorgesehen: Afrikaner am Maifeiertag 1989 in Schwerin.
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ErfurtEinwanderung, so wie das heute verstanden wird, gab es in der DDR nicht. Auch ich war kein Migrant im heutigen Sinne des Wortes. Weder war ich auf der Flucht ins Ausland, noch wollte ich dauerhaft dort arbeiten. Als ich Anfang 1989 aus meiner geliebten Heimat Angola in die DDR kam, als erwachsener Mann von 28 Jahren, hatte mich die Regierung Angolas dafür ausgewählt.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Migration & Heimat erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ich hatte nach der Befreiung von der Kolonialmacht Portugal für den Aufbau des Landes gearbeitet und sollte mich nun weiterbilden, vor allem hinsichtlich einer guten Regierungsführung und öffentlichen Verwaltung im Sinne des Gemeinwohls. Der Auftrag lautete, Wissen zu erwerben und dieses dann in Angola umzusetzen. Die angolanische Regierung wollte alle gesellschaftlichen Modelle kennenlernen, schickte auch Leute nach Frankreich oder Spanien. Ich kam in die DDR, das bewunderte Bruderland. Vier Jahre sollte das dual angelegte Studium in Theorie und Praxis dauern.

Gebildete Menschen haben sich distanziert verhalten

Für mich und meine Familie war das damals eine große Freude. Ich selber konnte bei der genauen Auswahl der Ausbildung nicht mitbestimmen, die Regierung bewertete die Fähigkeiten des Einzelnen und setzte ihn entsprechend ein. Gemäß einer staatlichen Vereinbarung zwischen der DDR und Angola kamen wir, eine kleine Gruppe, in Berlin-Schönefeld an. Wir gerieten in ein streng strukturiertes Leben voller Regeln.

Zahlreiche Vorschriften schränkten die persönliche Freiheit ein. Wenn man zum Beispiel abends in die Diskothek gehen wollte, bekam man von Vertretern des Staates und des Jugendverbandes FDJ gesagt, man solle bitte keinen Kontakt zu weiblichen Personen herstellen. Solche Erfahrungen machten auch Vertragsarbeiter, die auf Grundlage staatlicher Abkommen zum Beispiel aus Mozambique, Kuba oder Vietnam in die DDR gekommen waren.

Verbindungen zur Bevölkerung – das war von vornherein nicht vorgesehen. Integration in die Gesellschaft stand nicht auf der Agenda des ostdeutschen Staates. Diese Agenda sah zwar die Unterstützung Angolas im Geist der Brüderlichkeit vor, aber Inklusion im Sinne eines normalen, kommunikativen Umgangs der Individuen – das war nicht gewollt. Es gab offizielle Feste mit Kartoffelsalat und Musikband; da kam man mit DDR-Bürgern ins Gespräch, aber diese Leute hat man dann kein zweites oder drittes Mal wiedergesehen. Auch hochgebildete Menschen, Pädagogen zum Beispiel, haben sich distanziert verhalten.

Positiv ist zu sagen, dass es auch Menschen gab, die Menschlichkeit und Wärme zeigten – aber meist lieber nicht vor aller Leute Augen. Man war vorsichtig. Es gab so wenig Ausländer in der DDR, und die waren isoliert. So fehlte den Leuten in der DDR die Erfahrung des Miteinanderlebens.

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Ich habe viel Schlimmes erlebt. Am Anfang wurde ich immerzu angestarrt. Ich bin immer wieder als Neger und Bimbo beleidigt, mit Bananenschalen beworfen worden. Ich musste Gesten sehen wie mit der Hand am Hals entlangfahren, habe Schlägereien erlebt. Misstrauen gegen Fremde war weit verbreitet.

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Brüderlichkeit hatte ich mir so nicht vorgestellt, sondern mit mehr Wärme und Geborgenheit. In Angola war ich in der Kolonialzeit multiethnisch aufgewachsen – in meiner Schulklasse gab es Portugiesen, Engländer und viele, die wir „mestiço“, Mischling, nannten. Das war meine Normalität, und so etwas kannten die Leute in der DDR nicht.

Dass viele DDR-Bürger eigene Migrationserfahrungen gemacht hatten, als sie nach dem Krieg zu Millionen ihre Heimat verlassen mussten und eine schwierige Integration in die neue Gesellschaft erlebten, erfuhr ich erst, als ich viel später im Bundesausländerrat an der Ausstellung „Flucht und Vertreibung“ mitarbeitete. Viele Leute lebten mit schrecklichen Erinnerungen, auch an Menschenfeindlichkeit im deutsch-deutschen Verhältnis. Das war eine ähnliche Ablehnung, wie ich sie erlebte. Aber welchen Sinn hat es, die erlebte Ablehnung an anderen Menschen zu wiederholen?

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Der Autor

José Paca wurde 1962 in Angola geboren. 1989 kam er zum Studium in die DDR. Er lebt heute in Erfurt und arbeitet als Ausländerbeauftragter. Seine Arbeit wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Die Wende war für mich ein großes Erlebnis, ein Musterbeispiel für die friedliche Lösung eines großen gesellschaftlichen Konfliktes. Und dann bin ich doch noch ein Einwanderer geworden, bin hiergeblieben, habe bei einer Mediengruppe gearbeitet und in der Interessenvertretung der Belegschaft. Meinen in der DDR begonnenen Sprachkurs Deutsch habe ich vervollständigt. An der Universität Jena erlangte ich die Qualifikation als Sozialpädagoge.

Erfurt ist meine zweite Heimat geworden. Ich habe meine Aufgabe gefunden, zum Beispiel im Ausländerbeirat der Stadt und im Bundesausländerrat als Vertreter der neuen Länder. Meine Arbeit wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Jetzt stecken wir mitten in einem Prozess, und ich bin ein Teil davon, trage ein bisschen bei zu den Veränderung der großartigen Gesellschaft dieses Landes – mit dem Ziel, in Frieden Multiethnizität zu schaffen.