Big Data und nicht mehr Bücher werden künftig Wissen und Bildung vermitteln.
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BerlinWir leben in einer Welt, in der Dinge, die leicht zu unterrichten und zu testen sind, auch leicht digitalisiert und automatisiert werden können. Die Welt belohnt uns nicht mehr allein für das, was wir wissen – Google weiß ja schon alles –, sondern für das, was wir mit dem, was wir wissen, tun können. In der Zukunft geht es darum, die künstliche Intelligenz von Computern mit den kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten und Werten von Menschen zu verknüpfen.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Bildung & Wissen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Erfolg in der Bildung heißt heute nicht nur die Vermittlung von Sprache, Mathematik oder Geschichte, sondern ebenso das Stiften von Identität, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit. Es geht darum, den Wissensdurst zu wecken, den Intellekt für Neues aufzuschließen, die Herzen zu öffnen. Um Mut geht es und die Fähigkeit, unsere kognitiven, sozialen und emotionalen Ressourcen zu mobilisieren. Das werden auch unsere besten Waffen gegen die größten Bedrohungen unserer Zeit sein: Ignoranz – der verschlossene Verstand, Hass – das verschlossene Herz, und Angst – der Feind von Handlungsfähigkeit.

Lesen Sie die These (Ost) zu diesem Text

Heutzutage sortieren uns Algorithmen hinter sozialen Medien in Gruppen von Gleichgesinnten. Sie schaffen virtuelle Blasen, die unsere eigenen Ansichten verstärken, uns aber von divergierenden Perspektiven isolieren. Sie homogenisieren Meinungen und polarisieren unsere Gesellschaften. Deshalb müssen die Schulen von morgen Schülern helfen, selbstständig zu denken und sich mit Empathie anderen zuzuwenden. Sie müssen ihnen helfen, einen starken Sinn für Wahrhaftigkeit zu entwickeln, Sensibilität für fremde Erwartungen und ein Verständnis für die Grenzen individuellen und kollektiven Handelns.

Lesen Sie die Anti-These (West) zu diesem Text

Menschen werden ein tiefgehendes Verständnis dafür benötigen, wie andere denken und wie sie in verschiedenen Kulturen und Traditionen leben. Welche Aufgaben Maschinen von Menschen bei der Arbeit auch immer übernehmen mögen, die Anforderungen an unsere Fähigkeiten, einen sinnvollen Beitrag zum sozialen und bürgerlichen Leben zu leisten, werden weiter steigen.

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Der Autor

Andreas Schleicher wurde 1964 in Hamburg geboren. Er ist ein deutscher Statistiker und Bildungsforscher und arbeitet bei der OECD als Direktor für Bildung. Bekannt wurde er als Internationaler Koordinator der PISA-Studien.

In einer Welt wachsender Komplexität wächst auch die Notwendigkeit, unterschiedliche Perspektiven und Interessen miteinander in Einklang zu bringen – in einem lokalen Umfeld, aber mit oft globalen Auswirkungen. Oft ist es schwer, das richtige Gleichgewicht zwischen konkurrierenden Forderungen zu finden, zum Beispiel Gerechtigkeit und Freiheit, Autonomie und Gemeinschaft, Innovation und Kontinuität, Effizienz und demokratischen Prozess zu vereinbaren. Dazu müssen wir in einer stärker integrierenden Weise denken.

Kreativität bei der Lösung von Problemen erfordert von uns, die Folgen unseres Handelns mit moralischer und intellektueller Reife zu bedenken, so dass wir unser Handeln im Lichte von Erfahrungen, von persönlichen und gesellschaftlichen Zielen reflektieren können. Bei der Wahrnehmung und Bewertung dessen, was in einer bestimmten Situation gut oder schlecht ist, geht es um Ethik.

Bildung muss wirklich Priorität haben

Das führt uns zu der schwierigsten Frage in der Bildung: die nach der Wertorientierung von Bildungsprozessen. Werte waren schon immer von zentraler Bedeutung für die Bildung, aber jetzt müssen wir von situationsbedingten Wertesystemen – das heißt: „Ich tue, was immer eine Situation mir erlaubt“ – zu nachhaltigen Wertesystemen vordringen, die Vertrauen und soziale Bindungen stärken. Wo Bildung den Menschen kein solides Fundament bietet, werden viele versuchen, Mauern zu errichten, egal, wie selbstzerstörerisch das ist.

Die Quintessenz ist, dass wir, wenn wir der technologischen Entwicklung voraus sein wollen, die Qualitäten finden und verfeinern müssen, die einzigartig für uns Menschen sind, und die die Fähigkeiten, die wir in unseren Computern geschaffen haben, ergänzen und nicht mit ihnen konkurrieren. Schulen müssen Menschen erster Klasse entwickeln, keine Roboter zweiter Klasse.

Nur wie schaffen wir das alles? Politiker behaupten gerne, Bildung habe oberste Priorität. Ob sie diesem Anspruch in der Praxis gerecht werden, lässt sich anhand einiger einfacher Fragen klären. Zum Beispiel: Welchen Status hat der Lehrerberuf? Würden Sie es wünschen, dass Ihr Kind den Lehrerberuf ergreift? Ist das Abschneiden in der Bundesliga oder bei PISA wichtiger? In China investieren Eltern und Staat die letzten Mittel in die Zukunft ihres Landes, das heißt in die Bildung ihrer Kinder. In Europa haben wir das Geld unserer Kinder bereits für unseren eigenen Konsum ausgegeben und sind deshalb hoch verschuldet. Das müssen wir ändern.

Warum ist in Deutschland selbst W-LAN ein Problem?

In vielen Bildungssystemen werden Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Bedürfnissen in einheitlicher Weise unterrichtet. Zukünftige Schulsysteme begegnen den vielfältigen Schülerbedürfnissen in der Regel mit differenzierten pädagogischen Ansätzen – ohne Abstriche zu machen bei den Leistungserwartungen. Dort ist man sich bewusst, dass Schülerinnen und Schüler aus gewöhnlichen Familien außergewöhnliche Talente haben können, die es zu finden und fördern gilt.

Und nirgendwo ist ein Schulsystem besser als seine Lehrkräfte. Zukünftige Schulsysteme wählen und bilden ihre Lehrkräfte sorgfältig aus, und sie sind von administrativer Kontrolle und Rechenschaftslegung zu professionellen Formen der Arbeitsorganisation übergegangen. Sie ermutigen ihre Lehrkräfte dazu, innovativ zu sein, ihre eigenen Fähigkeiten und die ihrer Kollegen weiter zu entwickeln und an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen, die ihre Unterrichtspraxis verbessern.

In leistungsstarken Schulsystemen geht es weniger darum, den Blick innerhalb der Verwaltung des Schulsystems nach oben zu richten. Vielmehr geht es darum, nach außen zu schauen, auf die Kollegen und Schulen nebenan, um eine Kultur der Zusammenarbeit und starke Innovationsnetzwerke zu schaffen. Außerdem werden neue Technologien wirksam eingesetzt, um Lernen zu individualisieren und zeitgemäße Lernumgebungen zu schaffen. Es ist schwer zu vermitteln, dass man in Deutschland erst das Grundgesetz ändern muss, um Schulen mit W-LAN auszustatten.

Hierarchisches Denken hat ausgedient

Zukünftige Schulsysteme bieten allen Schülerinnen und Schülern eine qualitativ hochwertige Bildung, sodass jeder Schüler exzellenten Unterricht genießt. Hierfür gewinnen sie die besten Schulleiter für die schwierigsten Schulen und die talentiertesten Lehrkräfte für die Schüler mit den größten Herausforderungen.

Heute dominiert oft das Trennende – Lehrer und Lehrinhalte werden auf Fächer aufgeteilt, die Lernenden nach ihren künftigen Berufsaussichten getrennt. In den Schulen bleiben die Schüler unter sich und der Rest der Welt außen vor. Es mangelt an Zusammenarbeit mit den Familien. Und Partnerschaften mit anderen Schulen werden oft mit Vorbehalten gesehen. In Zukunft muss der Unterricht stärker projektorientiert sein und Erfahrungen vermitteln, die Lernenden das fächerübergreifende Denken erleichtern.

Die Gegenwart ist hierarchisch geprägt, die Zukunft ist partnerschaftlich organisiert: Lehrer und Schüler werden gleichermaßen als Wissensquelle anerkannt. Moderne Lernumgebungen schaffen Synergien und öffnen neue Wege, um berufliches, soziales und kulturelles Kapital zu stärken. Isolation begrenzt das Entfaltungspotenzial von Menschen erheblich. Deshalb muss der Blick mehr nach außen gerichtet werden: auf die Kollegen, Schulen und das Leben.

Wir müssen das Mögliche realisieren

Heute sind Schulen technische Inseln. Der Einsatz von Technologien beschränkt sich häufig auf das Konservieren bekannter Praxis. In Zukunft müssen die Schulen das Potenzial neuer Technologien kreativ nutzen, um das Lernen von überkommenen Konventionen zu befreien und die Lernenden auf dynamische Weise zu verbinden.

Schließlich bleibt der Blick nach außen wichtig. Bildungssysteme, die sich durch alternative Denkweisen bedroht fühlen, werden keinen Bestand haben; die Zukunft ist mit denen, die offen für die Welt sind und bereit, von und mit den leistungsfähigsten Bildungssystemen der Welt zu lernen. Die Herausforderungen sind gewaltig, aber wir haben die Fähigkeit zu gestalten. Die Aufgabe ist nicht, das Unmögliche möglich zu machen, sondern das Mögliche zu realisieren.