Deutschland, Düsseldorf: Schüler, Eltern und Lehrer, von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW unterstützt, demonstrierten am 07.10.1972 in Düsseldorf für kleine Klassen.
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Der im Mai 2008 vorgestellte Sozialbericht der Europäischen Union enthielt für alle, die sich nach drei PISA-Wellen von der erschreckenden Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems hatten überzeugen lassen, eine überraschende Nachricht: Ausgerechnet in der alten Bundesrepublik der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts sollen Kinder aus bildungsfernen Schichten einmal die europaweit besten Chancen auf Abitur und Studium gehabt haben.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Bildung & Wissen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Das hatte eine 2005 durchgeführte Befragung von Erwachsenen im Alter zwischen 35 und 64 Jahren ergeben. Besser als in Frankreich, in den Niederlanden, in Schweden oder gar in Finnland. Man hatte es als Kind aus einer Arbeiterfamilie natürlich schwerer als ein Abkömmling einer Arztfamilie, aber die Wahrscheinlichkeit, es trotzdem zu schaffen, war höher als überall sonst.

Besonders schlecht sah es mit der Bildungsgerechtigkeit übrigens in den damals noch kommunistisch regierten Ländern wie Tschechien, Polen oder Ungarn aus. Auch in der DDR war es nicht anders. Dort hatte man als Akademikerkind eine rund zehnmal höhere Chance, einen Hochschulabschluss zu erreichen als ein Kind von nicht studierten Eltern. In der Bundesrepublik brachte einem dieses Privileg, aus einer Familie von Akademiekern zu stammen, verglichen mit einem Arbeiterkind lediglich eine doppelt so günstige Aussicht, selbst wieder einen akademischen Abschluss zu erwerben.

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In diesen Zahlenspielen reflektiert sich die bundesrepublikanische Erfahrung einer ganzen Generation von Bildungsaufsteigern, die aus kleinen Verhältnissen weit nach oben gekommen sind. Gerhard Schröder, Horst Seehofer, Renate Künast, Elke Heidenreich oder der Siemens-Chef Joe Kaeser stehen für eine Fahrstuhlkohorte mit unwahrscheinlichen, aber eben nicht unmöglichen Bildungsbiographien. Sie kommen aus der Welt der „zweiten Bildungswege“, der Gesamthochschulen, der Gymnasien mit neuen, wenig elitär klingenden Schwerpunkten wie Neue Sprachen, Sozialwissenschaften oder Sport, der reformierten Oberstufe oder der Schulen für Erwachsenenbildung. Sie haben oft ganz eigene Wege durch diese erweiterten Bildungsangebote eingeschlagen, um die notwendigen Zertifikate für den sozialen Aufstieg zu erwerben.

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Eine besondere Bedeutung kam dabei den nirgends sonst in Europa bekannten Fachhochschulen zu. Die haben enorm zur Hebung der verborgenen Intelligenzreserven beigetragen, weil sie den Aufstiegsbestrebten Qualifikationen unterhalb der humanistischen Generalabschlüsse oder der naturwissenschaftlich-technischen Diplome ermöglichten. Die Fachhochschulen für Verwaltung, soziale Dienste oder technische Berufe entwickelten sich mit der Nachfrage auf den entsprechenden Arbeitsmärkten in der zumeist mittelständischen Industrie oder im expandierenden Wohlfahrtsstaat.

Für die Absolventen erlaubte der Fachhochschulabschluss bald Einstiege auf der mittleren Ebene der Betriebe und schloss Aufstiege auf höheren Ebenen nicht aus. Es lohnte sich also zu studieren, auch wenn es nicht auf Anhieb zur RWTH Aachen oder zur Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg reichte. Wer sich mit den beschränkten Verhältnissen im Lipperland, in Hohenlohe oder im Ruhrgebiet nicht abfinden wollte, konnte so seinem Schicksal in auslaufenden Handarbeitskarrieren oder als mitverdienende Hausfrau und Mutter entfliehen.

Private oder lieber öffentliche Schule?

Die Geschichten vom schrittweisen sozialen Aufstieg über die letzten drei Generationen der Familie gehören zum Inventar der westdeutschen Nachkriegserzählung. Opa und Oma waren noch auf einer Volksschule, der Vater war schon Fachhochschulingenieur und die Mutter war mit mittlerer Reife im mittleren Dienst beim Finanzamt, und die Tochter hat es schließlich zur Rechtsanwältin und der Sohn zum Facharzt für Gefäßchirurgie gebracht. Man sitzt jetzt bei einem 70. Geburtstag zusammen und die Älteren fragen sich mit einer gewissen Skepsis, ob es mit den jetzigen Enkeln, die in London Videokunst und in München Biologie studieren, wohl so weitergehen wird.

Alle fühlen sich unwohl, wenn die Rede auf den Zustand des hiesigen Bildungssystems kommt. Lohnt sich das viele Geld, das nicht wenige Bekannte in die Ausbildung ihrer Kinder in privaten Schulen und Universitäten stecken? Die klassenmäßige Schließung des Bildungssystems gefällt niemandem, aber man will natürlich das Beste für die eigenen Kinder und Enkel. Niemand kann die Frage, die im Raum steht, beantworten.

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Der Autor

Heinz Bude wurde 1954 in Wuppertal geboren. Er ist Professor für Makrosoziologie in Kassel und lebt in Berlin.

Wie kommt es, dass das Bildungssystem, von dem die meisten Älteren in der Runde trotz manch unangenehmer Erfahrungen profitiert haben, mit einem Mal zu den ungerechtesten und undurchlässigsten im gesamten OECD-Raum gehört? Das dreigliedrige Schulsystem war seinerzeit noch ausgeprägter als heute. Das Lehrpersonal hat vermutlich allen Kevins und Chantals zum Trotz nicht mehr Vorurteile als früher, und die Bildungsausgaben sind auch nicht drastisch gesunken. Was also ist geschehen?

Zwei Entwicklungen in den deutschen Bildungsverhältnissen sind heute offensichtlich: Auf der einen Seite eine Dramatisierung der Lage an den Rändern, wo sich Bildungsghettos vornehmlich in großstädtischen Quartieren mit, wie es in der Amtssprache heißt, besonderem Entwicklungsbedarf entwickelt haben.

Und auf der anderen Seite die Ausbreitung von sozialem Abschottungsverhalten in der Mitte der Gesellschaft, das vor allem in der Verteidigung von Bildungsreservaten für die Nachkommen von Besserverdienenden und Höhergebildeten zum Ausdruck kommt. So scheint das gesamtdeutsche Bildungssystem einer Zerreißprobe ausgesetzt zu sein, die das Prinzip der öffentlichen Bildung überhaupt in Frage zu stellen droht.