Die lila Latzhose setzte die Drohung, der patriarchalen Gesellschaft den sexualisierten Frauenkörper zu entziehen, ins konkrete Bild.
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Mein erstes Wort soll „Peng“ gewesen sein – der Einfluss des großen Bruders, der mich früh zum Cowboy-Spielen brauchte. Weder mein Spielzeug noch mein Kinderzimmer waren rosa. Und in der Schule bemitleidete ich die Jungs ein bisschen, weil die meisten nicht so schnell lernen konnten wie ich. Wer als Mädchen in den 70er-Jahren in einem leidlich bildungsbürgerlichen Haushalt in der alten BRD aufwuchs, hatte nicht das Gefühl, wegen seines Geschlechts benachteiligt zu sein. Die Grundstimmung war linksliberal, im Regal standen Bücher zur antiautoritären Erziehung, und dass Jungs und Mädchen gleichberechtigt sind, wurde einem in der „Sendung mit der Maus“ vermittelt.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Frauen & Gleichberechtigung erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Feminismus dagegen schien etwas, das man eigentlich nicht brauchte. Erstens: irgendwie zu radikal. Und zweitens: Wie sehen die denn aus? Feministinnen tragen lila Latzhosen, so hieß es, und sind unsexy. Das Haus der Geschichte in Bonn hat eine in ihrer Sammlung, erschöpfend verschlagwortet mit: „Frau, Frauenbewegung, Feminismus, Emanzipation, Gleichberechtigung, Mode, Protest, Bundesrepublik Deutschland“. Die Latzhose fungierte als Erkennungszeichen der Frauenbewegung der 70er Jahre – es war die zweite Welle des Feminismus, von der die heutigen Bewegungen heute noch zehren.

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Es hatte ein bisschen gedauert, bis den Frauen auffiel, dass die 68er-Revolutionäre zwar die Freiheit für die Unterdrückten dieser Erde forderten, den Frauen in ihrem Umfeld aber gern das Wort abschnitten und sie zum Kochen abkommandierten. Doch irgendwann war klar, dass sich die Anliegen der Frauen – das Recht auf Abtreibung, Aufklärung und sexuelle Selbstbestimmung, die Gleichberechtigung in der Arbeit und zu Hause – nicht mit der Weltrevolution von selbst lösen würden.

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Überall wurden Frauenzentren gegründet, es gab Gruppen zu Selbstaufklärung, und Alice Schwarzer veröffentlichte ihr Buch „Der kleine Unterschied“. Erscheinen 1975, bestand es aus Interviews, in denen Frauen von ihrem Alltag erzählen, von ihren Ehen, in denen oft die Männer arbeiten und den Frauen das Haushaltsgeld zuteilen, und immer wieder vom Sex mit diesen Männern, den sie als unbefriedigend empfinden, als Belastung und manchmal auch als Belästigung. Es war das Prinzip, das gut 40 Jahre später unter dem Hashtag #MeToo bekannt wurde: den Erzählungen von Frauen Raum geben.

Damals wurde plötzlich brutal sichtbar, wie sehr die Frau noch als Eigentum des Mannes galt. Sie hatte ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen und nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes des Jahres 1966 sogar auch, ohne „Gleichgültigkeit und Widerwillen zur Schau zu tragen“. Nicht nörgeln bitte, Ladies. Es sollte noch bis 1997 dauern, bis Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde.

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Die Autorin

Elke Buhr wurde 1971 in Bochum geboren. Sie ist Chefredakteurin der Kunstzeitschrift Monopol und lebt in Berlin.

Der Feminismus der zweiten Welle versuchte, Zeichen zu setzen gegen das Klischee von der Frau als Sexualobjekt. Es ging um Repräsentation des Körpers, um Repräsentation in der Sprache – dass die tageszeitung (taz) in den 80er-Jahren das Binnen-I einführte, empfand man als ungeheuer radikal.

Wie nötig die Bundesrepublik den kämpferischen Feminismus der zweiten Welle hatte, sieht man heute, wenn man in eine beliebige Fernsehsendung von damals hineinschaut. Im „Internationalen Frühschoppen“ sprach Werner Höfer mit „sechs Journalisten aus fünf Ländern“, Schürzen tragende Frauen servierten Wein, und selbst wenn mal eine Frau mitdiskutierte, sprach der Moderator die Runde jovial mit „Meine Herren“ an.

Eine Frau schenkt den Herren in der Fernsehsendung „Internationales Frühschoppen“ Wein ein (Foto aus dem Jahr 1980).
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Schönheit und Feminismus – ein Widerspruch?

Als junge Studentin fiel mir das immer noch nicht auf – ich kannte es nicht anders. Doch langsam bekam mein Selbstbild als gleichberechtigtes Wesen in einer gerechten Welt schmerzhafte Risse. Da tauchten diese immer männlichen Platzhirsche in den Seminaren auf, die so viel Redeanteil für sich verbuchten und prompt die ganze Aufmerksamkeit der männlichen Professoren einkassierten. Als Volontärin beim Radio wurde mir erklärt, dass weibliche Stimmen zu hoch klängen, das nehme keiner ernst. Ich begann, Judith Butler zu lesen und die seltsame Scheu vor der Vokabel Feminismus zu verlieren.

Und natürlich könnte man die Geschichte des BRD-Feminismus auch anhand von Jobs und Geld erzählen – wie beschämend langsam Frauen in die sogenannten Männerberufe eindrangen, wie krass bis heute der Gender-Pay-Gap ist. Doch auf der Ebene der Symbole führte der bundesrepublikanische Feminismus auch einen anderen Kampf: den um den Körper, um den Sex. Die lila Latzhose setzte die Drohung, der patriarchalen Gesellschaft den sexualisierten Frauenkörper zu entziehen, ins Bild. Und die ängstliche Reaktion darauf war die Überzeugung, dass sexuelle Attraktivität und Feminismus sich ausschlössen.

Der sogenannte Feminismus der dritten Welle, der im Schlepptau der punkigen Riot Grrrls nach Deutschland schwappte, verwendete dann absurd viel Energie darauf, zu vermitteln, dass der Kampf um Frauenrechte und Lippenstift nun doch kompatibel seien. Die Debatte ist nicht zu Ende. Selbst im Instagram-Feminismus von heute steht der weibliche Körper immer noch im Zentrum, mal mit Achselhaar, mal ohne. Weil Frauen in dieser Gesellschaft eben immer noch in lächerlichem Maße über ihr Aussehen definiert werden. Es ist ein schwacher Trost, dass mittlerweile auch Männer das Gefühl kennen, anhand ihrer Körpermaße beurteilt zu werden. Nur dass Männer ihre Bäuche immer noch leichter mit Geld und Macht ausbalancieren können.

Mitte der Neunziger habe ich übrigens doch noch einen Menschen kennengelernt, der eine lila Latzhose trug. Es war in Bologna. Er war Student der Statistik und hatte das Jahr zuvor als Erasmus-Stipendiat in einer Göttinger Frauen- und Lesben-WG verbracht. Die Latzhose stand ihm exzellent und wir wurden gute Freunde.