BerlinDie Berliner Zeitung hat in ihrer Wochenendausgabe zum Tag der Deutschen Einheit 2020 ein Weißbuch veröffentlicht – Sonderseiten, die in Anlehnung an die Tradition deutscher Diplomatie gestaltet sind. Hier lesen Sie das Editorial zur Einführung, verfasst vom Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, und Geschäftsführer Mirko Schiefelbein. Alle Texte finden Sie unter: weissbuch.berliner-zeitung.de

30 Jahre Deutsche Einheit – eine Geschichte des erfolgreichen Zusammenwachsens, aber auch der Entfremdung, vor allem jedoch ein Appell für die Gestaltung einer europäischen Zukunft. Wir haben noch nicht gelernt, uns zuzuhören. Wir haben jedoch die Fähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, und die große Chance, unsere Zukunft in Freiheit gemeinsam zu gestalten. Doch aktuell stecken wir viel zu oft in spaltenden, irreführenden Diskussionen fest.

Dieser Text ist als Editorial im Weißbuch der Berliner Zeitung erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Vielleicht finden wir im offenen Diskurs dahin zurück, dass zur These nicht nur die Antithese, sondern zu beiden auch die Synthese gehört – die gemeinsame Vision einer für alle besseren Zukunft, die über die Gräben der Gegenwart hinausreicht. Das ist das Thema unserer Sonderausgabe zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung.

Weißbuch des Schweigens – Der Umschlag

Es gibt eine fortwährende und beredte Sprachlosigkeit zwischen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten im politischen und öffentlichen Raum Deutschlands. Dies drücken wir in Form eines weißen Umschlags aus – in Anlehnung an das bewährte diplomatische Konzept der Sammlung von Vorschlägen durch einen Umschlag, der im Falle der deutschen Diplomatie die Farbe Weiß trägt.

Wir tragen damit auch dem Zweifel Rechnung, dass die zu diesem Anlass verlautbarten Texte die Erfahrungen aller oder auch nur der vielen umfassend wiedergeben. Gleichzeitig bildet der weiße Umschlag einen Platzhalter für die ungesagten Dinge. Damit verleihen wir dem Nicht-Gehörten eine Stimme.

Weißbuch des Resümierens – Ost und West

Eine freie und plurale Gesellschaft ist nicht zuletzt durch einen Reichtum an Perspektiven gekennzeichnet. Die Stimmen zur deutschen Wiedervereinigung spiegeln diesen Reichtum nicht wider. Das Weißbuch bildet daher einen Beitrag, die bestehenden Perspektiven zu weiten, zu hinterfragen, durch neue zu ergänzen oder auch zu korrigieren. Konkret: Der Osten war nicht nur Mauer, Stasi, Stacheldraht, wie der Westen nicht nur Freiheit und Konsum war (und ist). Mit einigen Perspektiven werden Sie, liebe Leser*innen, nicht einverstanden sein. Andere werden sie vielleicht zum Nachdenken bringen, anregen, ja vielleicht sogar überraschen oder überzeugen.

Gregor Gysi beschreibt in seinem Beitrag ein in sexueller Hinsicht freies Land, das auch nach heutigen Maßstäben ein progressives Sexualrecht hatte. Der Publizist Harald Jähner dagegen berichtet über die Insel West-Berlin inmitten der DDR, die trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihres eingekesselten Zustands viel größere Freiheiten zu erlauben schien als das heutige, wiedervereinigte Berlin. Diese und die weiteren Beiträge des Ost-West-Teils erlauben Ihnen, liebe Leser*innen, Ihre Perspektiven zu hinterfragen, zu ergänzen, zu verwerfen – und aus der Geschichte zu lernen.

Weißbuch des Ausblicks – Die Zukunft

Wir leben in bewegten Zeiten. Wir haben Wege zu finden, den Herausforderungen in migrationeller, technologischer, demographischer, ökologischer und edukativer Dimension erfolgreich zu begegnen. Ein Beharren auf gegenwärtige Positionen ohne Berücksichtigung dieser einschneidenden Veränderungen unserer Zeit kann nicht im Einklang mit unseren ethischen und wirtschaftlichen Ansprüchen stehen.

Die eingeladenen Autor*innen thematisieren diese dialektischen Widersprüche und deren mögliche Auflösungen, sei es utopisch, dystopisch oder ganz persönlich und intim. Beispielhaft führt die britische Journalistin Nicole Kobie in ihrem Beitrag vor, wie das chinesische System des Social Scorings – im Übrigen gebaut nach dem Muster der deutschen Schufa – eine normative Wirkung auf gesellschaftliche Transformation entfaltet. Ai Weiwei wiederum reflektiert seine Erfahrungen als chinesisch-deutsch-britischer Dissident. Der Grünen-Politiker Erik Marquardt berichtet über Moria und zeigt uns die Grenzen unserer Freiheitswirklichkeiten am Beispiel der Flüchtlingslager auf Lesbos. Im aktuellen deutschen Sprachduktus „Realpolitik“, in zukünftiger Perspektive (also in einer Geschichte, die noch geschrieben werden muss) vielleicht eher „Freiheitsberaubung“?

Seien Sie eingeladen, Ihre Perspektiven an den Sichtweisen unserer Autor*innen zu spiegeln. Wir lassen vor allem Menschen sprechen, nicht nur bewertende Journalist*innen – und Sie als Leser*innen können die Entscheidung treffen, welche Perspektive Sie verwerfen, welche Sie teilen und welche Sie überzeugt.

Wir haben den Autor*innen Regeln vorgegeben, aber zugleich den Hinweis beigefügt, diese Regeln zu weiten, sich von allen Fesseln zu befreien und ihre Sicht auf die Welt so ehrlich, unerhört, intim und radikal wie möglich mit uns zu teilen. Jede*r der Autor*innen hat seine oder ihre eigene Antwort gefunden. Dass Beziehungen und Verhältnisse zwischen West und Ost, Gegenwart und Zukunft nicht starr sind, sondern ambivalent und widersprüchlich, dass man aber in diesen Widersprüchen immer auch Gemeinsamkeiten finden kann, können Sie als Leser*innen selbst erleben.

Wir vertrauen darauf, dass wir Sie als unsere Leser*innen gar nicht überfordern können. Wir wollen in dieser Sonderausgabe mit der Regel brechen, durch Vereinfachung und Einsortierung eine Meinung und Haltung vorzugeben, die wir angeblich miteinander teilen (müssen).

Die eine Mauer ist weg. Jetzt nehmen wir uns die nächste vor.