„Seid bereit – immer bereit!“ Filmdreharbeiten an einer Schule in Marzahn.
Foto: imago images/Rolf Zöllner

LeipzigIch schreibe diese Zeilen am 1. September 2020, einem historisch denkwürdigen Tag. In der DDR begann über Jahrzehnte das Schul- und Ausbildungsjahr am 1. September, dem Weltfriedenstag, und bekräftigte das Ideal: Friede und Sozialismus braucht die allseitig entwickelte Persönlichkeit.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Bildung & Wissen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ausgehend von der Idee, die Schule mit dem Leben zu verbinden, Kopf, Herz und Hand zum harmonischen Zusammenwirken zu führen, wurde die zehnklassige polytechnische Oberschulbildung in allen Städten und Dörfern Realität. Nicht als Privileg, sondern als gesetzlich verankertes Recht und selbstverständliche Pflicht für alle Kinder. Diese Aufgabe wurde zu einem komplizierten Prozess. Einheitlich handelnde Pädagogenkollektive waren dazu ebenso erforderlich wie Lehrer mit Engagement, Fachkompetenz, sicherem pädagogischem und psychologischem Wissen und dem Streben nach gemeinsamen Bildungs- und Erziehungserfolgen.

Das erforderte die ständige Bereitschaft zur Weiterbildung, um Schritt zu halten mit den aktuellen Entwicklungen. Vorlesungen und Seminare wurden für die Ferienzeiten im Winter und im Sommer verpflichtend organisiert. Sie wurden gern wahrgenommen, da sie Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch mit Kollegen boten und die Zusammenarbeit mit den pädagogischen Hochschulen vertieften.

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Als Absolventin der Friedrich-Schiller-Universität (Oberstufenlehrerin für Biologie und Chemie) – vor allem ausgerüstet mit enormem theoretischem Wissen – begann ich 1958 meine Lehrertätigkeit und wurde sofort mit einer ganz anders gearteten Praxis konfrontiert: der Einführung des Faches Unterrichtstag in der Produktion (UTP). An meiner ersten Schule bedeutete dies: Einsatz in der Landwirtschaft – der Kartoffelernte, der Herstellung von Maissilage, beim Bau von Rinderoffenställen u. ä. – mit dem Ziel, Hilfe bei der Berufsorientierung zu geben und die Wertschätzung der Arbeit zu fördern.

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Später, als Direktorin einer Erweiterten Oberschule (EOS), war die Heranführung der Schüler an die Produktion, an Wissenschaft und Technik deutlich komplexer. Zusammenarbeit mit Patenbrigaden aus den Betrieben führte dazu, dass sich viele Schüler für Studienrichtungen in den Naturwissenschaften, der Technik und Ökonomie entschieden.

Hauptaufgabe war, das Lernen zu lehren

Junge Menschen heranzubilden, bedeutet zu allen Zeiten die Vermittlung eines gründlichen Wissens über Natur und Gesellschaft sowie das Vertrautmachen mit Kunst und Kultur. Die rasante technische Entwicklung führte dazu, dass besonders in der Mathematik und den Naturwissenschaften nach präzisierten Lehrplänen große Anstrengungen unternommen wurden, Gesetze, Theorien, Methoden nachhaltig zu vermitteln und die Schüler zu selbständigem Arbeiten zu befähigen. Dieser Unterricht erfuhr seine Fortsetzung in zahlreichen Arbeitsgemeinschaften.

Nicht allen Schülern fiel das Lernen leicht. Aktivitäten wie Lernpatenschaften, meist gesteuert durch die FDJ-Klassengruppe, unterstützten das Bemühen der Lehrer, jeden Schüler zu erreichen und die Chancengleichheit zu gewährleisten. Als Hauptaufgabe angesehen wurde, das Lernen zu lehren. Viele Möglichkeiten zur Förderung von Begabungen und Talenten boten die vielen Spezialklassen zum Beispiel für Chemie, Mathematik, Physik, Musik, Sprachen und Sport.

Privat
Die Autorin

Christa Tolksdorf wurde 1936 in Eisenberg/Thüringen geboren. Sie studierte Biologie, Chemie und Pädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Erst war sie Oberstufenlehrerin, dann Direktorin der EOS „Ernst Thälmann“ in Bitterfeld. Sie lebt heute in Leipzig.

Diese Angebote waren hoch geschätzt, wollte doch auch ein Schichtarbeiter im Chemiestandort Bitterfeld, dass sein Kind sich bestmöglich entwickelt und es einmal besser hat. Einschränkungen einer freien Entfaltung gab es freilich in Fächern mit einseitig marxistisch-leninistischer Ausrichtung wie Geschichte und Staatsbürgerkunde. Auch die Sprachenvermittlung war häufig zu praxisfern. In der Reifeprüfung im Fach Russisch konnten die Schüler laut Lehrplan zwar die Ereignisse der Oktoberrevolution sprachlich korrekt vortragen, aber sie hätten nicht zu fragen gewusst, wo die nächste Apotheke ist.

Die Welt zum Besseren verändern

Höhepunkt eines jeden Schuljahres war eine Fahrt zu Gedenkstätten der Arbeiterbewegung mit anschließendem, ausführlich vorbereitetem Theatererlebnis. In Erinnerung sind geblieben: die Aufführung „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ im Berliner Ensemble, „Der Drache“ im Deutschen Theater, der „Freischütz“ in Weimar, „Die Räuber“ in Magdeburg und „Faust“ in Halle. Um von diesen recht kostenintensiven Unternehmungen niemanden auszuschließen, wurden Kinder aus ärmeren Haushalten finanziell unterstützt. Für viele waren diese Theaterbesuche die ersten Begegnungen mit der sogenannten Hochkultur und Anstoß für eine weitergehende Beschäftigung mit Kunst und Kultur.

Aus sehr zahlreichen Kontakten mit ehemaligen Schülern und ihren Eltern weiß ich, dass die heute 48- bis 70-Jährigen (Abschlussprüfung zwischen 1965 und 1989) ihren Weg gefunden und das Leben gemeistert haben, einschließlich der Umbrüche in der Wendezeit. Ihre solide Ausbildung ermöglicht es ihnen, die digitale und technologische Entwicklung unseres jetzt gemeinsamen Landes mitzugestalten (auch in Parteiämtern und als Bürgermeister), letztlich die Welt zum Bessern zu verändern.