Der Frau stand es frei, alle Möglichkeiten zu ihrer Selbstverwirklichung auszuschöpfen: Junge Menschen bei Modeaufnahmen für die Zeitschrift Sybille um 1989.
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BerlinJahrestage wie dieser, der für Millionen Menschen einschneidende Veränderungen herbeiführte, wecken in mir Erinnerungen an das Geschehene, dessen Bedeutung ich heute mit Lebenserfahrungen aus zwei gegensätzlichen Gesellschaftssystemen – 50 Jahre DDR und 30 Jahre BRD – zu bewerten versuche.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Frauen & Gleichberechtigung erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Als den DDR-Bürgern mit dem Anschluss der DDR an die BRD deren Verfassung übergestülpt wurde, glaubten die meisten Ostdeutschen im Einheitstaumel an Freiheit und blühende Landschaften. Den wenigsten war bewusst, dass dieser Anschluss auch den Verlust bis dahin selbstverständlicher Vorteile bedeutete. Einer davon war die in der DDR-Verfassung verankerte und gesetzlich geregelte Gleichberechtigung der Frauen. Der Frau stand es frei, alle Möglichkeiten zu ihrer Selbstverwirklichung auszuschöpfen.

Lesen Sie die Gegenthese (West) zum Text

Grundlage der Frauenpolitik war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der gesetzliche Mutter- und Kinderschutz. Frauen erhielten staatliche Unterstützung in der Schwangerschaft und bei der Geburt, der Betreuung und Erziehung der Kinder. Der Schwangerschafts- und Wochenurlaub betrug 26 Wochen; jede Mutter hatte das Recht auf bezahlte Freistellung von der Arbeit bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes. Während der Schwangerschaft und Freistellung bestand betrieblicher Kündigungsschutz. Väter konnten das Babyjahr in Ausnahmefällen in Anspruch nehmen.

Lesen Sie die Synthese (Zukunft) zum Text

1989 waren in der DDR 91 Prozent der erwerbsfähigen Frauen berufstätig oder in Ausbildung. Das war Weltspitze! 85 Prozent aller im Gesundheits- und Sozialwesen Tätigen waren Frauen, darunter sehr viele Ärztinnen. Im Bildungswesen und in der Kultur betrug der Frauenanteil 73 Prozent, in der Industrie 41 Prozent. Die Hälfte der Studierenden waren Frauen.

Nun höre ich schon die Stimmen derer, die meinen, die Frauen seien nur zur Arbeit gegangen, um den Familienunterhalt aufzubessern. Ja, das war ein Beweggrund. Doch eigenes Geld zu verdienen machte die Frauen selbstbewusst. Finanzielle Unabhängigkeit ist eine wichtige Voraussetzung der Emanzipation – und die DDR-Frau war emanzipiert!

Die überwiegende Mehrheit ging gern zur Arbeit. Im Kreise der Arbeitskollegen fühlten sich die Frauen wohl. Sie konnten etwas leisten, sich beweisen, wurden gebraucht und anerkannt.

In der Politik aber gab es nur wenige Frauen

Die Betriebe förderten die Qualifizierung der Frauen besonders – auch die der älteren Mitarbeiterinnen ohne Berufsabschluss, aber mit langer Erfahrung. Diese konnten an einer Abendschule den Facharbeiter-Abschluss erwerben. Für den Besuch dieser Schule wurden sie bei vollem Lohnausgleich von der Arbeit freigestellt. Allzu gern erinnere ich mich an eine 50-jährige Mitarbeiterin meines Betriebes Berlin-Kosmetik, die auf diese Weise ihren Facharbeiterabschluss erlangte. Diese Frau war so glücklich und stolz, dass es mich noch heute tief berührt.

Unbestritten leisteten die meisten Frauen in Haushalt und Familie den größeren Anteil und erlebten das oft als Doppelbelastung. Staatliche Maßnahmen sollten das abfedern. In Kinderkrippen und Kindergärten, Schule, Hort und Ferienlager wurde für die Betreuung gesorgt. Pro Monat gab es für Frauen einen bezahlten Haushaltstag, den seit 1970 auch alleinstehende Männer erhielten. Wenn möglich wurde die Arbeitszeit individuell geregelt.

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Die Autorin

Christa Bertag wurde 1942 geboren und arbeitete später als Diplom-Chemikerin. Von 1985 bis 1990 war sie Generaldirektorin des VEB Kosmetik Kombinat Berlin.

Trotz alledem endete die Gleichstellung vor den Türen höchster Leitungspositionen. 1989 gab es nur eine Ministerin (Margot Honecker), nur drei Industriekombinate wurden durch Generaldirektorinnen geleitet (eine davon war ich). In der politikbestimmenden Partei SED gab es weder im Politbüro noch unter den Ersten Bezirkssekretären eine stimmberechtigte Frau. Das zeigt: Gleichstellung muss in jeder Gesellschaft errungen werden, nicht im Kampf zwischen den Geschlechtern, sondern durch Überwindung gesellschaftlich manifestierter Vorurteile.

Packen wir es an!

Für meine eigene Entwicklung als Frau und Mutter war die Frauenpolitik der DDR ein großes Glück und Privileg zugleich. Ich konnte die Vorzüge beanspruchen und gleichzeitig eine neue Gesellschaftsordnung mitgestalten. Diese Aufbruchstimmung, das Gefühl des Gebrauchtwerdens von der Gesellschaft, das friedliche kollegiale Ringen mit dem Anspruch, etwas völlig Neues zu schaffen – das bleibt den meisten Bundesbürgern heute verwehrt.

Der zukünftigen Generation möchte ich mit auf den Weg geben: „Nur wenn wir wissen, woher wir kommen, wissen wir, wohin wir gehen.“ Deshalb schaut Euch genau an, wie wir versuchten, die Verhältnisse für die Frauen zu gestalten. Nicht alles gelang, immer wieder wurde auch korrigiert. Doch in vielen Bereichen waren wir auf dem richtigen Wege – allein, wenn man schaut, wie viele Frauenrechte der DDR auch zugunsten der westdeutschen Frauen in die heutige BRD übernommen wurden. Immerhin ein zukunftsfähiger Anfang!

Jede Frau kann das werden, was sie möchte, wenn sie die Fähigkeiten besitzt und die gesellschaftlichen Umstände es erlauben. Fähigkeiten kann man erwerben, und die Umstände sollte man ändern. Also packen wir es an!