Luxus war verpönt in der DDR, aber einen Plattenspieler musste man schon haben. Retro-Werbemotiv für ein transportables VEB-Modell, um 1984.
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ZeuthenDie Zweitrangigkeit von Geld war unser Kapital, meint Daniela Dahn rückblickend auf die DDR. Stimmt das so? Wir müssen unterscheiden zwischen dem Geld in der Wirtschaft und dem Geld im Privaten. Für die Wirtschaft trifft zweifellos zu, dass sie nicht allein und nicht vorrangig dem Erwerb und der Vermehrung von Geld diente. Die Wirtschaft hatte zum Ziel, die Bedürfnisse der Menschen bestmöglich zu befriedigen. 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema
Geld & Werte erschienen.

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Das gelang nicht immer und überall, das steht außer Zweifel. Die Ressourcen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gaben häufig nicht mehr her. Die Spaltung Deutschlands, einseitige Reparationsleistungen, lange Zeit offene Grenzen, westliches Wirtschaftsembargo, Währungsspekulationen und eine Wirtschaftsstruktur, die in hohem Maße vom Bedarf der UdSSR geprägt war, engten die Gestaltungsmöglichkeiten stark ein.

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Die Wirtschaft hatte auch andere, nicht am Geld orientierte Aufgaben. Betriebe waren für die soziale Betreuung ihrer Mitarbeiter verantwortlich: Sie errichteten und unterhielten werkseigene Wohnungen, Ferienheime, Sport- und Kulturstätten. Das kostete Ressourcen und Geld, was den Betriebsgewinn schmälerte. Er war also nicht das entscheidende Kriterium betrieblicher Tätigkeit. Das hatte soziale Vorteile, aber ökonomische Nachteile.

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Es wurde mehr verbraucht als notwendig. Doch niemand ging in Konkurs. Die benötigten finanziellen Mittel wurden dem Betrieb über den Plan bereitgestellt – als Eigenmittel des Betriebes, Staatsfonds für Großobjekte oder staatliche Kredite. Erst nach Beitritt der DDR zur BRD wurden diese Staatsmittel schlagartig und zielgerichtet in marktwirtschaftliche Kredite umgewandelt und hoch verzinst. Dadurch gingen viele Betriebe und Einrichtungen in Konkurs. Ein Volksvermögen von annähernd zwei Billionen DM wanderte in westdeutsche Privattaschen.

Auch in der Außenwirtschaft der DDR war Geld zumindest in den Beziehungen zu den sozialistischen Ländern zweitrangig. Langfristige Verträge schrieben die Warenströme fest. Das sicherte der DDR stabile Energie- und Rohstoffbezüge (Erze, Stahl, Erdöl), insbesondere aus der UdSSR. Über die Höhe der Preise gab es harte Verhandlungen, aber „hinterher“. Was gehandelt wird, war „vorher“ entschieden.

Die Preise waren moderat

Im West-Handel musste sich die DDR dem kapitalistischen Konkurrenzkampf ums Geld stellen – und wurde dabei vielfach erpresst und übervorteilt. Westdeutsche Handelsketten verdienten sich mit Konsumgütern aus der DDR – Möbel, Haushaltsgeräte, Textilien etc. – eine goldene Nase.

Im privaten Bereich war das mit der „Zweitrangigkeit“ von Geld so eine Sache. Das Bestreben, möglichst viel Geld zu erwerben, trieb auch die Bürger der DDR an. Es blieb aber begrenzt. Geld konnte nur durch Arbeit erworben werden. Arbeitslose gab es keine, Spekulanten aber auch nicht. Börsen und Aktienmärkte existierten nicht.

Die Spreizung der Einkommen war gering. Das Durchschnittseinkommen der arbeitenden Bevölkerung betrug 1320 Mark, ein Generaldirektor bekam 3800 Mark, ein Minister 4250 Mark. Es gab weder Millionäre (von einigen Handwerkern vielleicht abgesehen), erst recht keine Milliardäre. Luxusgüter für derartige Personen - Jachten, Autos, Villen, Edel-Schmuck - wurden nicht gehandelt. Waren des lebensnotwendigen Bedarfs waren jederzeit erhältlich. Der Verbrauch an Nahrungsmitteln (Fleisch, Butter, Gemüse, Kartoffeln, Getreide) lag über dem der BRD.

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Der Autor

Dr. oec. Klaus Blessing wurde 1936 geboren, studierte Betriebswirtschaft an der Universität Leipzig und wurde 1989/90 Staatssekretär im Ministerium für Metallurgie der DDR. Heute ist er Autor politischer Sachbücher.

Die Preise, Tarife und Mieten waren moderat und häufig gestützt. Dafür gab der Staat ein Viertel seiner Staatseinnahmen aus, die ihm vorrangig aus den Abführungen der Gewinne volkseigener Betriebe zuflossen. Niemand hungerte, keiner erfror, jeder konnte sich eine Wohnung „leisten“.

Die reine Geldgier war besiegt

Zwei Geldprobleme allerdings plagten die DDR: Zum einen standen den Einkommen zu wenig hochwertige Konsumgüter wie Autos, Heimelektronik oder Computer gegenüber. Reisen in die weite Welt des Kapitals waren nicht möglich. Der Anreiz, durch Arbeit viel zu verdienen, war geschmälert. Zum anderen – und entscheidenden: Die DDR-Mark war eine Binnenwährung: stabil, aber nicht konvertierbar. Sie konnte nicht gegen begehrte westliche Devisen getauscht werden. Ein solcher Schritt wäre unter den Bedingungen des Kalten Krieges für die Wirtschaft der DDR tödlich gewesen. Durch Währungsmanipulationen wäre die Mark der DDR in kurzer Zeit ins Bodenlose abgestürzt, die Wirtschaftspleite wäre unverzüglich eingetreten. Sie wurde später mit der Währungsunion nachgeholt.

So stellt sich die „Zweitrangigkeit von Geld“ als zweischneidiges Schwert dar. Die scharfe Klinge lernten die DDR-Bürger erst als Bürger der BRD kennen. Es war für viele – auch für mich – schockierend, wie in der neuen Gesellschaft buchstäblich alle menschlichen Werte dem Wert des Geldes untergeordnet werden. Da waren wir in der DDR weiter. Solidarität, kameradschaftliche Hilfe und Unterstützung, Kollektivität waren sicherlich nicht das Prägende der Gesellschaft, aber die reine Geldgier war besiegt. Insofern stimmt es: Die Zweitrangigkeit von Geld war unser (menschliches) Kapital!