Das deutscheste aller deutschen Symbole? Der Dackel.
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BerlinWenn man Migrant ist, ist Heimat ein komplizierter Begriff. Wurzeln, Orte, Sprache, Identität – alles existiert doppelt und dreifach, überlagert sich, widerspricht und überkreuzt sich, stellt sich infrage und macht sich manchmal sogar übereinander lustig. Das führt zu Reibungen, vor allem wenn man sich fragt, wer man eigentlich ist. Diese Verwirrung kann auch ein Vorteil sein. Denn der Migrant weiß um eine Tatsache, die jedes Bewusstsein heimlich überschattet: dass Identität porös und dehnbar ist. Der Nicht-Migrant ahnt es nur, oder viel schlimmer noch, lebt in der Illusion eines stabilen Zuhauses. Erst wenn es verschwindet, und ja, es verschwindet immer (nur so lässt sich die im Alter wachsende Nostalgie erklären), versteht er, dass Heimat ein endlicher Ort ist.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Migration & Heimat erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ich wurde 1983 in Westdeutschland geboren, in Bremerhaven, als Sohn zweier Polen. Anders als viele Schlesier, die nach 1989 mit deutschen Papieren als Aussiedler nach Deutschland kamen, besaß ich immer nur den polnischen Pass. Meine Eltern wollten, dass ich die Kultur, die Sprache, den Vornamen der Polen in mir trage – und im Grunde war diese Entscheidung ein Beweis ihres stabilen Selbstbewusstseins. Denn mich nicht Thomas, sondern Tomasz zu nennen, und das noch in Erinnerung an einen schwulen Balletttänzer, der meinen Vater, als er 1979 als Musiker ans Stadttheater Bremerhaven kam, die ersten Nächte solidarisch auf seiner Couch übernachten ließ – war eine bewusste Entscheidung, ein Statement in der damaligen Bundesrepublik. Meine Eltern wollten mit meinem Vornamen ein Zeichen setzen: „Wir stehen zu dem, was wir sind: Polen.“

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Im Laufe meines Aufwachsens hieß das, sich gegen (teilweise nicht falsche) Klischees zu verteidigen. Polen war in den 80er-Jahren ein exotisches Land, das man vor allem mit Armut, autoritärem Sozialismus, grauer Tristesse und bestenfalls mit Aufständen in Danziger Werften in Verbindung brachte. Nach 1989 drehte sich der Wind, und die chaotischen 90er-Jahre führten dazu, dass neue Polen-Bilder nach Westdeutschland schwappten. Sie waren nicht viel besser als die alten. Immer wieder wurde ich mit gehässigen Fragen konfrontiert: Warum klauen die Polen? Warum sind sie so ungebildet? Warum so katholisch? „Heute gestohlen, morgen in Polen.“ Ja, genau...

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Meine Großeltern hatten allesamt eine schwierige Jugend. Mein Großvater zum Beispiel kämpfe ab 1941 im polnischen Untergrund, organisierte in den Wäldern bei Warschau die Logistik für die Munitionsverteilung der Alliierten, erwählte nach dem Krieg aus tiefer Dankbarkeit an all die Bäume, die ihm bei deutschen Fliegerangriffen das Leben retteten, den Förster-Beruf und trichterte mir als Kind immer wieder ein, stolz zu sein auf Polens Geschichte. Dass sein Stolz eine Kehrseite hatte (später wählte er die PiS-Partei), wusste ich damals noch nicht.

Was ich aber wusste, war, dass ich meinem Großvater, der erst von Hitler bekämpft wurde und dann, weil er mit den Engländern zusammengearbeitet hatte (und wirklich nur deshalb), nach dem Krieg als Bourgeois in der Volksrepublik Polen für fünf Jahre (zwischen 1945 und 1950) in ein sibirisches Arbeitslager gesteckt wurde, wo er, um nicht am Hunger zu sterben, seinen eigenen Urin trinken musste... Was ich also wusste, war, dass ich ihm mit meiner Biografie etwas schuldig war. Mein Pochen darauf, Pole zu sein, hatte etwas mit Respekt meinem Großvater gegenüber zu tun.

Und es war auch Trotz: Ich wollte, dass die Westdeutschen wissen, dass es sie gibt, uns Polen. Und dass wir uns nicht schlechter fühlen müssen als die erfolgreichen Deutschen. Dass wir wenigstens diese Geschichte haben. Dass alle Polen wissen, was ihre Großeltern im Zweiten Weltkrieg gemacht haben. Dass man darüber sprechen kann. (Fragen Sie mal im Bekanntenkreis herum: Bis heute erstaunt mich, wie viele meiner deutschen Altersgenossen um die 35 nicht wissen, wie ihre Großeltern den Zweiten Weltkrieg verbracht haben – etwa 80 Prozent.) Dass Westdeutschland nicht die größte Nation dieser Erde ist.

Einen Minderwertigkeitskomplexe hatte ich, wie viele Migranten, trotzdem. Er führte bei mir dazu, dass ich dieses Gefühl der Schlechtigkeit mit Erfolg, hohen Bildungsabschlüssen und emsiger Arbeit abzuschütteln versuchte. Das Verhältnis zu Deutschland wurde nicht weniger kompliziert. Ich wollte die Deutschen mit meinem Polentum provozieren und doch von ihnen geliebt werden. Ich glaube, diese „mixed feelings“ habe ich mit vielen Menschen geteilt, die als Migrantenkinder in Deutschland aufgewachsen sind: Türken, Bosnier, Jugos, Araber, Russen.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich als Kind immer Sympathien und eine heimliche Nähe zu Migranten spürte. Selbst in der Grundschule gab es „die Deutschen“ und „die Ausländer“. Man fühlte sich als Migrantenkind eben nicht ganz deutsch, aber auch nicht ganz anders, irgendwie dazwischen. Bis heute frage ich mich, wenn ich Migrationsdebatten verfolge, ob ich Pole war oder auch ein Stückweit zum Polen gemacht wurde. Selbst wenn ich in Westdeutschland Deutscher hätte werden wollen, also so richtig, hätte es mir mein Vorname nicht erlaubt. Damals, als ich aufwuchs, wurde ich immer wieder staunend auf meine Namen, die SZs und CZs am Ende, angesprochen, was mich aber nie wirklich störte. Heute fragt man nach den Herkünften von Namen nicht mehr so unverblümt, was ich fast ein bisschen schade finde. 

Mittlerweile habe ich mich mit meiner Identität abgefunden. Ein bisschen jedenfalls. Dafür gibt es Gründe, die einer längeren Erzählung bedürften. Aber nur so viel: Auf der Suche nach einer Synthese ging ich nach New York (Melting Pot!) und begann dort ausgerechnet Deutschland zu vermissen. Ganz konkret: West-Deutschland, seine Symbole, seine Klänge, seinen piefigen Geruch. Bei meinen Heimatbesuchen war ich – wie jeder Mensch – in Wahrheit auf der Suche nach meiner Kindheit.

Ich tat kuriose Dinge: Ich ging frühstücken ins Karstadt-Restaurant, trank diesen plörrigen Tchibo-Kaffee, besuchte den westdeutschen Industriebäcker, schaute bei C&A vorbei und genoss nachts das fahle Licht auf der westdeutschen Autobahn samt ihrer schnöden bundesrepublikanischen Monotonie, die mich mit ihren geschwungenen Beton-Überführungen an die solide Zeit Helmut Kohls erinnerte. Ich muss schmunzeln. Einmal ertappte ich mich dabei, wie ich zu einem Freund nach meiner Zeit in New York – wie ein alter Mann nicht Hipster- sondern Tchibo-Kaffee trinkend – sagte: „Deutschland ist ... leider geil.“ Ich biss mir sofort auf die Zunge, erschrak vor meiner eigenen Unbedarftheit und dachte: „Vielleicht bin ich nach all den Jahren doch noch Deutscher geworden?“ Ganz sicher bin ich mir nicht. Aber so ist das eben, das Leben als Migrant.

Tomasz Kurianowicz wurde 1983 in Bremerhaven geboren. Er studierte in Berlin und New York und ist heute Redakteur im Feuilleton der Berliner Zeitung.