Nathan Law in Rom.
Foto: Tiziana FABI/AFP

Als ich jung war, hatten meine Eltern den Wunsch, ich möge einmal ein stabiles und glückliches Leben führen. Sie stammten beide aus armen Verhältnissen in China, und auch wenn sie nach Hongkong gekommen waren – in eine weitaus wohlhabendere Gesellschaft –, blieben sie Teil der Arbeiterklasse. Ich bin mit staatlichen Subventionen und der Erwartung aufgewachsen, ein gewöhnlicher Mensch zu werden, der nur an das täglich Brot denkt. Das öffentliche Leben, das ich in den letzten sechs Jahren als Aktivist geführt habe, hätte ich mir nie träumen lassen. Und es fällt mir immer noch schwer, mich mit meiner Flucht aus Hongkong abzufinden.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Dissidententum erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ende Juni hatte ich das Gefühl, dass ich mich für immer von der Stadt verabschieden müsse, jene Stadt, die ich so liebe. Das Flugzeug hob spät in der Nacht ab, und von meinem Fensterplatz aus erhaschte ich einen letzten Blick auf die wunderschöne Skyline von Hongkong. Ich ließ meine Familie zurück, meine Freunde und auch die beiden Katzen, die ich von der Straße aufgelesen hatte. Ich musste es tun – nicht nur für meine persönliche Sicherheit, sondern auch für die Demokratie-Bewegung von Hongkong.

Seit drei Monaten leiste ich Überzeugungsarbeit

Der Gedanke, die Stadt zu verlassen, kam mir nach der Verabschiedung eines drakonischen Gesetzes, das Hongkongs Formel „Ein Land, zwei Systeme“ und die persönlichen Freiheitsrechte allmählich zerstören soll. Um die friedliche und internationale Front des jahrelangen Protests zu unterdrücken, hat die Kommunistische Partei Chinas das lokale Gesetzgebungsverfahren umgangen, um uns trotz massiver Proteste das berüchtigte Nationale Sicherheitsgesetz (NSL) aufzuzwingen. Auf der Basis des NSL wird jede Handlung und jedes Wort zur Anklage gebracht, das Peking für bedrohlich, kritisch, aufrührerisch hält. Auf Basis dieses Gesetzes können Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Das Gesetz verwandelte Hongkongs Rechtssystem in ein chinesisches Rechtssystem, in dem die Justiz weder unabhängig noch gerecht ist.

Prominente Aktivisten wie Joshua Wong, Agnes Chow und ich sind die Hauptziele dieser Reformen. Die Kommunistische Partei Chinas hat eine riesige Schmutzkampagne gegen uns gestartet, um den Weg für unsere Strafverfolgung frei zu machen. Ich musste eine schwierige Entscheidung treffen. Um mein Protestrecht für die Freiheit Hongkongs zu bewahren und zu schützen, ging ich schweren Herzens nach London. Bald darauf kam die Nachricht, dass ich auf der Fahndungsliste der Hongkonger Polizei stehe. Agnes, eine enge Freundin und Kollegin von mir, wurde festgenommen. Seit fast drei Monaten leiste ich nun auf internationaler Ebene Überzeugungsarbeit, um aus der Ferne Hilfe und Solidarität zu leisten.

Ich kann euch sagen: Das Leben weit weg von Hongkong ist nicht leicht. Um meine Freunde und meine Familie zu schützen, habe ich seit meiner Abreise keinen Kontakt mehr zu ihnen. Jede Verbindung würde sie gefährden, da die Regierung behaupten könnte, sie würden meine Protest-Aktionen mitorganisieren und sich der „Absprache mit ausländischen Sicherheitskräften“ schuldig machen, was das NSL-Gesetz unter Strafe stellt. Ein hektisches und unvorhersehbares Leben in Übersee zu führen und nicht in der Lage zu sein, mit meinen Familienangehörigen und Freunden zu sprechen, denen ich vertraue, auf die ich angewiesen bin, macht alles noch schlimmer. Angst ist jetzt ein Teil von mir und ein Teil meiner neuen Existenz.

Die Aufmerksamkeit für Hongkong muss wachsen

Meine persönliche Sicherheit macht mir ernste Sorgen. Wir alle wissen, wie weit der Arm Chinas reicht. Sie haben selbst in den demokratischen Ländern viele Agenten und Informanten, die dort die außenpolitischen Ziele der Regierung umsetzen. Ich bin nicht frei davon. Die Bedrohung durch die Kommunistische Partei Chinas ist auch in London für mich allgegenwärtig. Aber ich habe die Verantwortung, meinen Kampf fortzusetzen, für die Demokratie in Hongkong einzutreten und für die Rechte unseres Volkes zu kämpfen. Auch wenn diese Mission eine Gefahr für meine Sicherheit darstellt, tut das meiner Entschlossenheit keinen Abbruch.

Nathan Law bei einer Demonstration am 1. September 2020 in Berlin
Foto: AFP/Tobias Schwarz

Das Aushängeschild der Protestbewegung in Hongkong zu sein, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich stelle mich Medien und Politikern, ohne dabei viel Unterstützung zu bekommen. Aber es ist die Pflicht einer Person des öffentlichen Lebens, die es geschafft hat zu fliehen und frei sprechen kann. Die meisten Aktivisten in Hongkong haben Angst davor. Sie haben Angst davor, verhaftet oder sogar ins Gefängnis gesteckt zu werden. Im Vergleich zu den Opfern, die sie bringen müssen, stehe ich unter keinem so großen Druck. Deshalb habe ich mir an dem Tag, an dem ich Hongkong verlassen habe, allen versprochen, dass ich niemals aufgeben werde, für Demokratie und Freiheit zu kämpfen, solange politische Aktivisten von der Obrigkeit bedroht werden.

Dafür zu sorgen, dass die Aufmerksamkeit für die Freiheit von Hongkong nicht nachlässt, ist für diesen Kampf entscheidend. Seit ich in London bin, treffe ich mich mit Politikern, um ihnen die Botschaft der Hongkonger direkt zu überbringen. Ich will ihnen klar machen, dass die Akteure dort Menschen sind, die für ihre Freiheit ihr Leben riskieren. Wenn sie in der Zeitung etwas über Hongkong lesen oder etwas im Fernsehen sehen, haben viele Menschen das Gefühl, die Ereignisse betreffen sie nicht. Dass die Gewalt und die Proteste, so bedauerlich sie sein mögen, weit weg passieren und irgendwelche abstrakten Leute auf der anderen Seite der Welt betreffen. Wenn es eine persönliche Verbindung, einen individuellen Bezug zu diesen Schreckenstaten gibt, ändert sich das vielleicht.

Durch mich bekommen die Sorgen und Kämpfe der Demokratiebewegung in Hongkong plötzlich ein menschliches Gesicht. Daher ist die Organisation von Gesprächen und Treffen und der Aufbau von Beziehungen ein zentraler Bestandteil meiner alltäglichen Tätigkeit. Ich organisiere Treffen mit Regierungsbeamten, Parlamentariern und politischen Entscheidungsträgern, um die Aufmerksamkeit für Hongkong in der politischen Arena zu erhöhen und eine spürbare Veränderung des politischen Klimas in Hongkong und in der Politik Chinas zu bewirken.

Ich hoffe, die Skyline Hongkongs wiederzusehen

Diese Arbeit ist anspruchsvoll, doch ich bin meistens allein und muss die Lobbyarbeit strategisch eigenhändig gestalten. Das erfordert lange Stunden des Analysierens, Vorbereitens und Nachdenkens über die geopolitische Realität. In letzter Zeit war ich zum Beispiel damit beschäftigt, herauszufinden, wie die Europäische Union funktioniert. Ideologische Unterschiede zu überbrücken, Konsens zu erzeugen über politische Differenzen hinweg  und dadurch das Anliegen der Freiheit Hongkongs zu fördern, ist heikel und anspruchsvoll. Das Leben im Exil ist also nicht nur Angst und Bedrohung, sondern auch eine Lernerfahrung.  

Foto: AP/Markus Schreiber
Der Autor

Nathan Law Kwun-chung wurde am 13. Juli 1993 in Shenzhen, in der Provinz Guangdongc (Volksrepublik China) geboren. Er ist ein chinesischer Politiker aus der Sonderverwaltungszone Hongkong. Im Juni 2020 musste er wegen politischer Repression seine Wahlheimat verlassen und nach London fliehen.

Auch wenn ich mich in einem Zustand der Instabilität befinde, habe ich die Hoffnung nie aufgegeben. Ich denke immer an die Not der Hongkonger, insbesondere an diejenigen, die verhaftet, strafrechtlich verfolgt, gefoltert und eingesperrt werden. Ich hoffe, jeder, der nach Demokratie und Freiheit strebt, wird diesen Weg mit mir und mit uns gehen und unsere Freiheitsbewegung unterstützen, bis der Morgen anbricht und das  Sonnenlicht die schweren dunklen Wolken über uns allen durchbricht.

Vor allem hoffe ich, dass ich in meinem Leben die wunderschöne Skyline über dem Victoria Harbour und die lächelnden Gesichter der Hongkonger Menschen wiedersehen kann. Das fehlt mir am meisten. Ich habe mir diesen Moment eingeprägt, als ich im Flugzeug saß und vom Himmel aus zum letzten Mal einen Blick auf das nächtliche Hongkong werfen konnte. Es war wunderschön.

Der Text wurde von Susanne Lenz aus dem Englischen übertragen.