Salli Sallmann
Foto:  Sabine Gudath

Endlich näherten wir uns dem Grenzübergang Invalidenstraße in Berlin-Mitte. Und jetzt sah ich bereits die Mauer, da war sie ja. Ich hatte unterschrieben, dass ich lieber in den Westen wollte, als für ein paar Gedichte wegen staatsfeindlicher Hetze zu einigen Jahren verknackt zu werden. Es war im Frühherbst 1977. Der DDR-Rechtsanwalt Vogel, der mich aus dem Stasiknast Hohenschönhausen zwecks Ausbürgerung in den Westen fuhr, bog mit seinem weißen Mercedes auf die Diplomatenspur ein und gab Gas, die Beschleunigung drückte mich in die roten Lederpolster auf dem Rücksitz, die DDR-Posten nahmen mit ihren Kalaschnikows Haltung an und salutierten, der Schlagbaum war längst oben, ohne Stopp ging es durch, schnell, schnell, plötzlich keine Trabis mehr und keine Schlaglöcher, ich sah im Augenwinkel den weißen Strich quer über die Fahrbahn, dann ein Grenzhäuschen, eher bescheiden, davor ein einzelner Soldat mit weißem Helm und der Aufschrift „MP“, fremde Maschinenpistole um den Hals, keine Kalaschnikow mehr, las „Allied Checkpoint“, und sah auf der anderen Straßenseite eine riesige bunte Reklametafel, vielleicht 3 x 4 Meter, darauf zwei Bonbons, mit dem neuen Befehl: „Nimm 2!“

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Dissidententum erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

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