Der blaue Himmel über der Ruhr“ war zwar nicht das primäre Ziel der ersten Grünen – aber durchaus eines ihrer Anliegen. Hier wird 1985 in Essen Smogalarm ausgerufen.
Foto: imago images/teamwork

Es mag einen wundern: Aber mit Natur, Umwelt und Ökologie im engsten Sinne hat sich die 1980 gegründete Partei der Grünen in den 40 Jahren ihrer Existenz bisher nie zentral beschäftigt. Sicher, ihre Pioniere im Westen waren unter anderem in Naturschutzverbänden aktiv, und die Farbe Grün erhob Naturverbundenheit zum Marken-Zeichen. Den Marken-Kern bildeten indes Friedensbewegte und Atom-Gegner, Feministinnen und Häuserkämpfer – die gemeinsame Aversion gegen AKWs und Pershings schmiedete abgeklärte Linksradikale und konservative Naturschützer zusammen.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Umwelt & Nachhaltigkeit erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

So konnte der abtrünnige CDU-Mann Herbert Gruhl mit dem K-Gruppenhäuptling Jürgen Trittin, der völkische Ökobauer Baldur Springmann mit APO-Ikone Rudi Dutschke, Streetfighter Joschka Fischer mit der Radikalpazifistin Petra Kelly, der Anthroposoph Joseph Beuys mit den RAF-Anwälten Otto Schily und Christian Ströbele und der „rote Dany“ mit dem konservativen Revolutionär August Haußleiter eine „sonstige politische Vereinigung“ zimmern, die zur wichtigsten Parteigründung nach 1945 seit der CDU wurde und sich vier Jahrzehnte später anschickt, diese im Kanzleramt zu beerben.

Dass der wilde Laden, dessen Parteitage stets Psychodramen waren, zusammenhielt, lag daran, dass die Extreme hinausgedrängt wurden und, wichtiger noch, an den Zeitläufen. Die 70er-Jahre waren eine Zeit weltgesellschaftlicher Krisen und Zäsuren, die das überkommene Drei-Parteien-System nicht mehr in einen repräsentativen Rahmen fassen konnte. Das industrielle Wachstumsmodell hatte in West und Ost ausgedient, symptomatisch waren die „Ölkrisen“ und das Fahrverbot auf Autobahnen.

Doch weniger der „blaue Himmel über der Ruhr“ war das Ziel der ersten Grünen als die Belagerung ländlicher AKW-Standorte (Whyl, Grohne, Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf) und die Gründung von Landkommunen, in denen man „anders lebte“. Leidtragender war die Sozialdemokratie Helmut Schmidts, deren Schwund weder durch Berufsverbote noch durch Umarmung mit der „Dachlatte“ (Holger Börner) aufzuhalten war. Die Bonner Republik wurde zwar immer sozialdemokratischer, aber die SPD zerfiel am Ende gar in vier Teile: Realo-Grüne, PDS-Linke, Merkel-Union und AfD.

Davon ahnten die frühen Grünen in ihren narzisstischen Flügelkämpfen wenig. Auch ihre bürgerlichen Teile dachten „antiinstitutionell“, misstrauten dem Staatsapparat, verachteten das Parteienkartell und verstießen gegen jedes politische Protokoll.

Lesen Sie die Gegenthese (Ost) zum Text

Angetrieben wurden sie durch einen fundamentalen Wertewandel in den westlichen Industriegesellschaften (Club of Rome: „Die Grenzen des Wachstums“, 1972) und vom Menetekel des Weltuntergangs, den der rasch verstoßene Herbert Gruhl („Ein Planet wird geplündert“, 1975) oder auch Katastrophen-Fernsehen (Wolfgang Menge, „Smog“, 1973) an die Wand malten. (Der gefährliche Klimawandel erreichte die Grünen erst später.)

Lesen Sie die Synthese (Zukunft) zum Text

Die vordringliche Mission der West-Grünen war die Erbschaft der neuen sozialen Bewegungen, die Bundesrepublik weniger autoritär und gerechter zu gestalten, Frauen (nicht allein per Quote) zu ermächtigen sowie die Selbstaufklärung über die NS-Zeit.

Etwas wuchs zusammen

Auch ein „objektives“ Ergebnis brachte der Aufstieg der Grünen im Westen. Die Friedens- und Ökologiebewegungen beider deutscher Staaten haben eher unbewusst (und im Westen contre coeur) die Wiedervereinigung antizipiert – und sind an ihr auf beiden Seiten erst einmal gescheitert. Das Hauptübel sahen die West-Grünen in den gen Osten gerichteten Pershing-Raketen, nicht in den SS 20 auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Die meisten Friedensbewegten in Mutlangen und im Bonner Hofgarten waren nicht nur gegen Ronald Reagan, sondern gegen die Nato im Besonderen und Amerika im Allgemeinen. Und bei Ost-Begegnungen war das Rest-Verständnis für den Realsozialismus höchst irritierend.

Doch da auch die Friedensbewegung im Osten von Blockfreiheit träumte und Deutschland als Ganzes atomwaffenfrei sehen wollte, wuchs hier zusammen, was weltpolitisch auch nach 1990 unmöglich blieb: ein neutrales Gesamtdeutschland in der Mitte des Europäischen Hauses. Und da die Ökopaxe auf beiden Seiten mit der wirklichen Vereinigung nicht zurechtkamen, wurden sie nach dem Fall der Mauer erst einmal marginalisiert.

Foto: imago images/teutopress
Der Autor

Claus Leggewie wurde 1950 in Wanne-Eickel geboren. Er ist ein deutscher Politikwissenschaftler und war von 2007 bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen.

Ironischerweise hielt das Bündnis 90 die West-Grünen am Leben, auf dass sie als normale Parlamentspartei das „rot-grüne Projekt“ beginnen und später unter einer ostdeutschen Kanzlerin nach der kulturellen Hegemonie greifen konnten. Auch das konnte nur gelingen, weil die Ökologie hinterrücks zum alles bestimmenden Thema anwuchs, und das kann nur bleiben, wenn eine tiefgreifende ökologische Transformation folgt. Dann wären die Grünen, wie es der kecke Slogan der Frühzeit vorwegnahm, wirklich nicht links und nicht rechts, sondern vorn gewesen.