Die weit verbreitete Ignoranz hinsichtlich der Geldschöpfung erlaubt es dem System, Geld für eine winzige Minderheit zu schaffen. Arbeiter in einer Bitcoin-Fabrik.
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AthenStellen Sie sich vor, die Europäische Zentralbank würde für alle Einwohner der Eurozone ein kostenloses Bankkonto einrichten. Von heute auf morgen wäre die Institution in der Lage, die Geldmenge im öffentlichen Interesse zu regulieren. Darüber hinaus müssten die Geschäftsbanken, um erfolgreich zu bleiben, ihren Einsatz ernsthaft erhöhen.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Geld & Werte erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

In Krisenzeiten wie der gegenwärtigen Pandemie zögern Menschen ihre Käufe hinaus, in der Hoffnung auf Preisrückgänge. Die Preise sinken tendenziell und wirken sich nachteilig auf Investitionen und den Konsum aus. Dabei gibt es mindestens zwei Wege, wie die EZB den Lebensstandard jedes Europäers anheben und die Krise überwinden könnte.

Eine Möglichkeit ist die Verteilung einer direkten Gutschrift auf jedes EZB-Konto. Das ist sinnvoller, als Milliarden von Euros für Geschäftsbanken zu drucken, wie es die EZB derzeit tut – in der Annahme, dass die Banken dieses Geld an die Unternehmen weiter verleihen, damit mehr Geld investiert und die Wirtschaft angekurbelt wird.

Lesen Sie die These (Ost) zu diesem Text

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, Kontoinhabern mitzuteilen, dass ein Teil des Geldes (sagen wir mal: 5 Prozent) auf dem EZB-Konto zwangsbesteuert wird, wenn die Kontoinhaber das Geld nicht innerhalb der nächsten sechs Monate ausgegeben haben. Auf diese Weise würden Europäer gezwungen sein, ihre Privatausgaben zu steigern und den Konsum anzuregen. Damit würde die Deflation verschwinden, die Preise würden nicht mehr fallen und der Wert des Geldes würde sich stabilisieren.

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EZB-Konten für alle funktionieren aber auch in Zeiten der Inflation gut. Um die Inflation zu senken, müsste die Zentralbank lediglich in Aussicht stellen, 5 Euro je 100 Euro auf jedes Konto zu zahlen – Geld, das innerhalb der nächsten sechs Monate nicht ausgegeben werden dürfte. Sobald die Zentralbank Konten für alle eingerichtet hat, vervielfachen sich die Möglichkeiten, eine gerechtere und effizientere Gesellschaft zu schaffen.

Ein Startkapital für jedes Baby

Ich habe noch eine weitere Idee: Stellen Sie sich vor, Sie erhalten bei der Geburt eines Babys mit der Geburtsurkunde ein EZB-Sonderkonto mit einem Betrag von etwa 100.000 Euro. Diesen Betrag dürfte das Kind bei Volljährigkeit für Bildung, Unternehmensgründungen oder ein anderes kreatives Projekt ausgeben. Das wäre also ein Treuhandfonds für jedes in Europa geborene Baby. Jedes einzelne Baby würde bei der Geburt mit einem Bündel an Kapital ausgestattet werden – die gesamte Gesellschaft würde es finanzieren.

Alle Europäer wären so bei Volljährigkeit mit Kapital ausgestattet, das sie zur freien Entfaltung einsetzen könnten. Um sie davor zu bewahren, es unüberlegt auszugeben, könnte die Gesellschaft von jungen Erwachsenen verlangen, einen detaillierten Investitionsvorschlag einzureichen. Dieser Finanzierungsplan könnte von einer Gruppe zufällig ausgewählter Gleichaltriger auf die gleiche Weise beurteilt werden wie etwa Forschungsprojekte von Wissenschaftlern von ihren Kollegen. Sicherlich wird es auch in Zukunft so sein, dass einige Babys privilegierter sind als andere – wie bereits heute. Aber keines wird mehr in die schreckliche Freiheit hineingeboren, in der es „nichts zu verlieren“ hat, wie Janis Joplin einst sang.

Einige Kritiker mögen bei dem Gedanken zurückschrecken, den Behörden, einschließlich der EZB, zu viel Macht zu geben. Es könnte etwa auch der Gedanke aufkommen, dass das Geld inflationär wirken könnte. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Es gibt keinen Grund, sich vor diesen Risiken zu fürchten. Was die Inflation betrifft, habe ich bereits erklärt, wie die EZB sie zähmen kann: indem sie die effektiven Zinssätze anhebt und so die Geldmenge beherrscht. In jedem Fall würden die Treuhandfonds der EZB für Neugeborene erst spät und nur langsam ins Spiel kommen. Man vergleiche diesen Gedanken mit den Erbschaftsverfahren bei Reichen: Die Nachkommen geben das Geld in den seltensten Fällen sofort aus, sondern eher nach und nach.

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Der Autor

Yanis Varoufakis wurde 1961 in Athen geboren. Er ist ein griechischer Wirtschaftswissenschaftler und Politiker. Im Jahr 2015 war er zwischen Januar und Juli griechischer Finanzminister und suchte nach Auswegen aus der Finanzkrise.

Was die Furcht vor der Macht der Behörden zur Geldschöpfung betrifft, sollten wir nicht vergessen: Die Behörden besitzen diese Macht bereits jetzt. Tatsächlich hat die EZB seit 2015 mehr als 3,2 Billionen Euro gedruckt, nur um diese gigantischen Geldsummen irgendwelchen Finanzinstituten zukommen zu lassen. Diese Institute gaben sie wiederum an Unternehmen weiter, die es größtenteils versäumten, das Geld zu investieren oder für etwas anderes als den Rückkauf eigener Aktien auszugeben. Dennoch gebe ich zu bedenken: Wenn wir der EZB die Aufgabe übertragen, Bankkonten für jeden Erwachsenen und Treuhandfonds für jedes Baby einzurichten, dann muss das absolut transparent vonstatten gehen. Ich bin überzeugt davon: Eine Verwirklichung dieser Idee ist nicht schwer.

Etwa so: Um das Vertrauen durch Transparenz zu fördern, könnte die EZB ihr Kontenbuch (wo Konten und Treuhandfonds aller Bürger gespeichert sind) in ein digitales Kontenbuch umwandeln, etwa auf der Grundlage einer Art Blockchain, die es jedem Bürger ermöglichen würde, in Echtzeit einen Blick darauf zu werfen, wie viel Geld im System herumschwirrt. Transaktionen würden dennoch privat und anonym bleiben.

Wenn all dies erreicht ist, könnte die EZB einem weiteren nützlichen Zweck auf der Ebene der regionalen und lokalen Wirtschaft eine Hilfestellung leisten. Sie könnte ihr Fachwissen den Regionen oder lokalen Behörden in ganz Europa zur Verfügung stellen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Und wie? Indem sie regionale oder lokale Digitalwährungen schafft und einen Großteil der lokal produzierten Überschüsse in ihren Gemeinden behält. Diese Währungen würden durch regionale oder lokale Steuern gestützt. Ihr frei schwankender Wechselkurs zum Euro würde automatisch durch eine transparente Formel bestimmt, die auch die Zahlungsbilanz zwischen den Regionen berücksichtigt.

Lasen Sie uns nun über die Grenzen Europas hinausblicken. Stellen wir uns etwa vor, die EZB würde sich mit den Zentralbanken anderer großer Volkswirtschaften, zum Beispiel mit der Bank of England, der Federal Reserve Bank der USA, der Bank of Japan, Schweiz, Schweden und so weiter im Rahmen eines internationalen Abkommens à la Bretton Woods zusammenschließen. Der Zweck dieser Zusammenarbeit? Die wechselseitige Aufhebung globaler Handelsungleichgewichte und die Bekämpfung des Klimawandels. Dieses Kunststück könnte in drei Schritten vollbracht werden. Ich beschreibe ihnen jetzt, wie diese Schritte aussehen könnten.

Zunächst einigen sich die Zentralbanken auf die Schaffung einer digitalen Rechnungseinheit. Nennen wir sie etwa Kosmos oder Ks, in welcher der gesamte, internationale Handel und grenzüberschreitende Geldtransfer abgerechnet wird (mit einem frei schwankenden Wechselkurs zwischen nationalen Währungen und Ks).

Zweitens einigen sie sich darauf, zwei symmetrische Abgaben von den Netto-Exporteuren von Waren und Geld zu erheben (eine Handelsungleichgewichtsabgabe und eine Ausgleichsabgabe – siehe unten), die zur Stabilisierung des Welthandels und der globalen Geldströme beitragen könnten. Drittens finanzieren die Einnahmen aus diesen Abgaben Klimaschutzprojekte, besonders in Regionen des globalen Südens.

Wenn beispielsweise der Handel zwischen den USA und Deutschland stark unausgewogen ist, werden sowohl Deutschland als auch die Vereinigten Staaten mit der sogenannten Handelsungleichgewichtsabgabe belastet. Im Verhältnis zum Handelsüberschuss Deutschlands mit den USA wird dann eine bestimmte Anzahl von Ks von der Deutschen Bundesbank einbehalten. Und eine weitere Anzahl wird den USA im Verhältnis zum amerikanischen Handelsdefizit mit Deutschland vorenthalten. Durch die symmetrische Besteuerung von Handelsdefiziten und Überschüssen tragen starke Marktanreize gerade dazu bei, globale Ungleichgewichte im Handel abzubauen.

Die zweite hier vorgeschlagene Abgabe wird auf spekulative Kapitalströme in – und aus – entwickelten Wirtschaftssystemen erhoben. Es geht also um die Besteuerung von Kapitalbewegungen, die große Finanzblasen aufblähen, die die wirtschaftliche Aktivität verzerren, bevor sie wiederum mit schrecklichen Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft zusteuern. Diese Abgabe stünde proportional zur Beschleunigung der Kapitalströme in oder aus jedem Land.

Die Gelder, die aus diesen beiden Abgaben eingenommen werden, können dann in Projekte zur Eindämmung des Klimawandels, insbesondere im globalen Süden, investiert werden. Die Welt wird sich auf starke Anreize geeinigt haben, um Ungleichgewichte im Handels- und Geldtransfer zu begrenzen, indem Strafen erhoben werden, die einerseits die Leistungs- und Zahlungsbilanzkonten der großen Volkswirtschaften ausgleichen. Und die andererseits zur Finanzierung grüner Investitionen, erneuerbarer Energienetze, Verkehrssysteme und ökologischer Landwirtschaft in den Teilen des Planeten beitragen, wo sie am meisten benötigt werden.

Wenn diese Erfolge derart leicht zu erreichen sind, was hält uns dann auf? Ganz einfach. Diese Innovationen würden die Möglichkeit der Finanzinstitute zerstören, sich die gigantischen Zinsen, die sie derzeit aus unseren Gesellschaften herauspressen, einzuverleiben. Wie immer ist unser Problem ein politisches, kein technisches.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten Menschen unter der Illusion leiden, dass die Banken ihnen bereits gespartes Geld leihen. Das tun sie jedoch nicht. Banken – private wie zentrale – zaubern Geld aus dem Nichts. Der große amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith bemerkte einmal, dass „der Prozess, durch den Geld geschaffen wird, so einfach ist, dass sich der Kopf dagegen wehrt“.

Die weit verbreitete Ignoranz hinsichtlich der Geldschöpfung erlaubt es dem gegenwärtigen System, Geld für eine winzige Minderheit zu schaffen. Und dies ist eine politische Entscheidung, nicht etwas, das von Gesetzen der Wirtschaft diktiert wird. Jetzt geht es darum, einen Kreislauf zu erfinden, der den vielen dient – und nicht nur den wenigen.