Bilder, die die Politik nicht ignorieren kann: Ein Plakat fliegt durch den Wind bei einer Protestaktion von Fridays for Future vor dem Reichstag im April diesen Jahres.
Foto: Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinViele von euch haben bestimmt schon mal von uns gehört. Wir sind die jungen Menschen, die seit Sommer 2018 nichts Besseres zu tun haben, als sich für ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft einzusetzen. Wir sind diese junge Generation, die nicht mehr tatenlos zugucken will, wie die Klimakrise voranschreitet, ohne dass die Welt etwas unternimmt. 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Umwelt & Nachhaltigkeit erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Wir sind diese Bewegung, die die Dreistigkeit hat, Regierungen weltweit aufzufordern, ihren Job zu machen – die will, dass die Welt die Klimakrise anerkennt und entsprechend handelt. Ich bin Teil dieser Bewegung. Ich bin Pia Haase, 20 Jahre alt und seit Frühling 2019 in der Berliner Ortsgruppe von Fridays for Future aktiv.

Die Generation, die jetzt seit knapp zwei Jahren für Klimagerechtigkeit auf die Straße geht, ist mit der Klimakrise aufgewachsen. Ich habe von der Erderhitzung in der Schule erfahren und erwartet, dass die Politik die nötigen Gegenmaßnahmen trifft. Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir aber die Diskrepanz zwischen der Wichtigkeit des Themas und dem Handeln der Politik. Die logische Konsequenz war, mit einer bewussten Grenzüberschreitung für die nötige Aufmerksamkeit zu sorgen. Warum zur Schule gehen oder einen Bachelor machen, wenn währenddessen die Chance vertan wird, die schlimmsten Folgen des Klimawandels einzudämmen?

Lesen Sie hier die These (Ost) zum Text

Ich bin Teil der ersten Generation in Deutschland, die mit den Folgen des Klimawandels direkt und brutal konfrontiert sein wird. Wenn davon die Rede ist, dass sich die Durchschnittstemperatur in Deutschland ohne Kurswechsel in der Klimapolitik bis Ende des Jahrhunderts um 3 bis 4 Grad Celsius erhitzen und der Meeresspiegel drastisch ansteigen wird, dann ist das für meine Generation – die Generation Z – keine abstrakte Vorstellung aus einem Weltuntergangsfilm. Es ist ein realistisches Szenario. Viele Politiker*innen, die heute „Klimapolitik“ betreiben, interessiert das nicht, weil sie die Konsequenzen nicht direkt fürchten müssen.

Lesen Sie hier die Anti-These (West) zum Text

Die Klimakrise hat schon heute Auswirkungen auf Deutschland. Und dennoch: Hier werden die schlimmsten Folgen die Zukunft betreffen, nicht die Gegenwart. In vielen Ländern des globalen Südens, wie etwa Uganda, ist das allerdings anders. Dort ist die Klimakrise jetzt schon angekommen. Dort geht eine junge Generation auf die Straße, die heute, jetzt, in diesem Moment, massiv mit den Folgen der Klimakrise zu kämpfen hat – wie etwa mit Dürren, einem Anstieg der Durchschnittstemperatur oder Extremwetterereignissen.

Diese Ungleichheit, mit der die Menschen von der Klimakrise betroffen sind, ist Teil der ungerechten Welt, in der wir leben. Die Länder des globalen Nordens sind die Hauptverursacher der Klimakrise und dennoch nicht die Hauptgeschädigten. Die Länder, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, sind die Länder des globalen Südens. Ausgerechnet diese Länder leiden aber heute schon unter den Folgen. Das liegt an unterschiedlichen klimatischen Bedingungen, aber auch an unterschiedlichen Ressourcen- und Machtverteilungen auf der Welt.

Um ein Beispiel zu nennen: Die Küstenregionen Mosambiks sind genauso wie die Deutschlands vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Deutschland und seinen Bundesländern stehen aber viel größere finanzielle und politische Mittel zur Verfügung als Mosambik, um sich dem Klimawandel anzupassen. Wenn wir Klimagerechtigkeit fordern, weisen wir von Fridays for Future darauf hin, dass die Klimakrise keine reine Umweltkastrophe ist, sondern vor allem eine globale soziale Krise. Marginalisierte und strukturell benachteiligte Menschen leiden am stärksten unter ihr.

Um die schlimmsten Folgen der Klimakrise abzuwenden und sich mit jenen Menschen zu solidarisieren, die der Klimakrise am schutzlosesten gegenüberstehen, ist die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze unabdingbar. Auch wenn das Ziel, die Erderhitzung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, abstrakt klingt, sind es die Maßnahmen überhaupt nicht. Die Wissenschaft rechnet es vor: Maßnahmen zur CO2-Reduktion führen zu einer massiven Verbesserung unserer Lebensqualität, auch in Deutschland, auch in Berlin.

Foto: privat
Die Autorin 

Pia Haase wurde am 16. Juni 2000 in Berlin geboren. Sie studiert an der Universität der Künste und engagiert sich in der Ortsgruppe von Fridays for Future in Berlin.

Apropos Berlin: Um die Klimabilanz meiner Heimatstadt zu verbessern, braucht es eine ehrliche und schnelle Mobilitätswende. Das heißt: einen flächendeckenden öffentlichen Personennahverkehr, der für alle zugänglich ist. Außerdem brauchen wir eine gute und sichere Fahrradinfrastruktur, sodass niemand mehr auf das Auto angewiesen sein muss. Wenn Städte für Menschen und nicht für Autos gestaltet wären, bedeutete dies einen enormen Gewinn an Lebensraum, eine Steigerung der Luftqualität und der allgemeinen Gesundheit. Der Ausbau von Grünflächen, die CO2 kompensieren, würde unserer Stadt viele Erholungsräume schenken.

Die Klimakrise ist ein globales Problem, das global und gemeinsam gelöst werden muss, aber mit lokalen und kommunalen Maßnahmen. Von Weiterbildungen über Klimaschutzmaßnahmen im Nachbarschaftshaus über Urban Gardening bis hin zu autofreien Städten. Die Maßnahmen sind bunt, vielfältig und so unterschiedlich wie die Menschen, die sie in die Wege leiten. Aber Klimaschutzmaßnahmen haben eins gemeinsam: die Vision von einer gerechten und nachhaltigen Zukunft, in der es allen möglich ist, zu wirtschaften, zu leben und sich fortzubewegen, ohne die Luft zu verschmutzen und Menschen an anderen Orten der Welt und kommenden Generationen ihre Lebensgrundlage zu rauben.

Und genau für diese Vision haben sich auf allen Kontinenten „Fridays for Future“-Ortsgruppen gebildet, genau deshalb bin ich der Bewegung beigetreten. Ein Jahr nachdem Greta Thunberg zum ersten Mal in Stockholm die Schule bestreikt hat, habe ich am europäischen „Fridays for Future“-Treffen in Lausanne teilgenommen. Dort habe ich Aktivist*innen aus 37 Ländern getroffen, die alle für eine klimagerechte Zukunft kämpfen.

Anfang dieses Jahres war ich in Moskau und habe „Fridays for Future“-Aktivst*innen getroffen, die vor Ort auf die Straße gehen, aber mit viel größeren politischen Repressionen zu kämpfen haben als ich in Berlin. Fridays for Future ist rasant gewachsen. Das Markenzeichen der Bewegung ist es, in regelmäßigen Abständen globale Großstreiks zu organisieren, die am gleichen Datum an verschiedenen Orten weltweit stattfinden. So werden Bilder generiert, die die Weltpolitik nicht ignorieren kann. Bilder von Zigtausenden Menschen, die mit Schildern und Rufen überall auf der Welt das Gleiche fordern: einen radikalen Klimaschutz.

Das war durch die Covid-19-Pandemie natürlich nicht mehr möglich. Die letzten Monate waren verdammt herausfordernd für die Bewegung. Wir mussten kreativ werden und haben seit März 2020 unsere Streiks ins Internet verlegt und jeden Freitag kollektiv Fotos von uns mit Demoschildern geteilt. Wir haben am 24. April 2020 insgesamt über 10.000 gesammelte Demoplakate aus ganz Deutschland auf die Reichstagswiese gebracht, um die Stimmen darzustellen, die bei Normalzustand auf der Straße wären.

Auch dessen muss man sich bewusst sein: Während das soziale Leben und die Wirtschaft in den Lockdown gingen, hat die Klimakrise nicht mal eben auf Pause gedrückt und auf uns gewartet. Kurze Rückgänge von CO2-Emissionen durch die Covid-19-Pandemie ändern nichts daran, dass wir langfristige, nachhaltige und zukunftsfähige Antworten auf die Klimakrise brauchen. Antworten, die gesamtgesellschaftlich gefunden und umgesetzt werden müssen.

Klimaschutz, der zulasten einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder des globalen Südens geht, hat nichts mit Klimagerechtigkeit zu tun. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass die Bewegung krisenresilient ist. Wir haben Herausforderungen überwunden und einen langen Atem bewiesen. Es werden weitere Herausforderungen auf uns zukommen. Aber die letzten Monate haben auch gezeigt, dass Aufhören keine Option ist. Statt einen sozial gerechten Kohleausstieg für das Jahr 2030 durchzusetzen, hat die Bundesregierung ein „Kohleausstiegsgesetz“ beschlossen, das die Kohleförderung für die nächsten 18 Jahre zementiert. Das ist absurd! Dass während der Corona-Krise zwei Autogipfel veranstaltet wurden und über eine Abwrackprämie für alle Verbrennungsmotoren geredet wurde, zeigt, dass die Bundesregierung noch lange nicht verstanden hat, was zukunftsfähige Politik bedeutet. Wir sind noch lange nicht am Ziel. Deshalb gehen wir weiterhin für Klimagerechtigkeit auf die Straße. Jetzt, morgen und auch in Zukunft.