Krise? Welche Krise? Verkehrsberuhigt durch brutale Weltpolitik gedieh in den Großstadtstraßen eine eigenartig hochmütige Provinzialität.
Foto: imago images/Detlev Konnerth

Zu den bedenklichsten Erinnerungen an den westlichen Teil der geteilten Stadt Berlin gehört das soziale Idyll, das sich im Schatten der Mauer gebildet hatte, vor allem in Kreuzberg am Spreeufer und in den längsseits halbierten Grenzstraßen. Ein sorgloses Soziotop alternativer Lebensweise war gleich neben dem Todesstreifen heimisch geworden: ewige Hippies und Lebensabschnittspunks, Zivilisationsskeptiker aller Couleur, Freunde wilder Philosophien und freilaufender Hunderudel.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Freiheit & Sicherheit erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Das Schlagwort vom „Urban Gardening“ war noch lange nicht erfunden, da betrieb man hier schon spontanen Gemüseanbau. Man beackerte den eisernen Vorhang. Architektonisch kündeten die Mietskasernen noch vom lärmenden Treiben der Vorkriegsmetropole, das inzwischen verstummt war.

Lesen Sie die Gegenthese (Ost) zu diesem Text

Die Teilung der Stadt hatte die grenznahen Bereiche ins Abseits gerückt. Verkehrsberuhigt durch brutale Weltpolitik hatten die Großstadtstraßen ein dörflich anmutendes Flair angenommen, in dem eine eigenartig hochmütige Provinzialität gedieh. Völlig desinteressiert an Tagespolitik, fühlte man sich dennoch politisch überlegen durch die pauschale Ablehnung des Gesamtzusammenhangs.

Lesen Sie die Synthese (Zukunft) zu diesem Text

Wer den Kontrast aushielt, wollte nie wieder weg aus dieser Oase der Freiheit, ermöglicht durch eine gewisse Ignoranz gegenüber einem der städtebaulich scheußlichsten Gewaltakte seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Und als so scheußlich empfanden viele West-Berliner die Mauer ja gar nicht. Sie sorgte für anhaltende Aufmerksamkeit der Weltpolitik, Steuersubventionen und Wirtschaftshilfen und wirkte als willkommene Mietpreisbremse und Investorenschreck.

Selbst viele, die anfangs die Teilung als familiäre Katastrophe erlebt hatten, die Mauertoten ehrlich beklagten oder den Verlust der alten Mitte als städtebaulichen Phantomschmerz fühlten, hatten sich mit der Insellage arrangiert und ihre bizarre Exklusivität schätzen gelernt.

Die Gelassenheit der West-Berliner

Das Idyll an der Mauer kann deshalb sinnbildlich für ein in West-Berlin weitverbreitetes Wohlgefühl stehen, das mit jener Einmauerung zusammenhing, die doch eigentlich, so vermuteten es die meisten Außenstehenden, für klaustrophobische Beklemmungen hätte sorgen müssen. Das Gegenteil war der Fall. West-Berlin war ein Hort der Freiheit nicht nur im engeren politischen Sinn, sondern auch in einem mentalen. Es war eine Insel der Sorglosigkeit. Obwohl man sich im Zentrum des Ost-West-Konfliktes befand, schloss man nachts mit einer Unbekümmertheit die Augen, als genösse man Ferien auf dem Bauernhof.

Kampfbereit und hochgerüstet standen sich Ost und West gegenüber, aber sie taten das mit großer Routine und militärisch so unaufgeregt, als könnte es ewig so weitergehen. Kälter konnte ein Krieg gar nicht sein. Eine absurde Situation: Man befand sich inmitten einer militärischen Konfrontation, die theoretisch jederzeit hätte eskalieren können, praktisch aber fühlte man sich gerade deswegen sicher.

Foto: Barbara Dietl/Rowohlt Verlag
Der Autor

Harald Jähner wurde 1953 im Ruhrgebiet geboren. Er ist Buchautor, war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung und lebt bei Berlin.

Schon 1959 wunderte sich die BBC in einer Dokumentation über die geteilte Stadt über die Gelassenheit der befragten Wes-Berliner, die sich allesamt sicher fühlten und ungläubig kicherten auf die Fragen nach ihren Ängsten vor einer möglichen Verschärfung der Krise. Krise, welche Krise?, fragten sie, als alle Welt über die energische sowjetische Forderung eines Abzugs der Westtruppen debattierte.

Eher eingehegt als eingesperrt

Vielleicht hatte auch nur ein besonders abgebrühter, ja tumber Menschenschlag in der Stadt ausgeharrt, zu fantasielos, um vor irgendwas Angst zu haben. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Berliner mit gutem Grund der Stabilität ihrer absurden Situation vertrauten. Sie selbst waren Meister im Ausbalancieren gemischter Loyalitäten geworden. Antagonistischen Weltmächten angehörend, die sich misstrauisch belauerten, fühlten sie sich bei aller ideologischen Gegnerschaft, sei sie von oben verhängt oder aus Überzeugung empfunden, doch auch tief verwandt.

So waren in Ost und West Gefühlsdialektiker herangereift, die trotz der systemischen Feindschaft eine tiefes Friedensbedürfnis verband. So bedrohlich die militärische Konfrontation in der geteilten Stadt für Außenstehende auch aussehen mochte, hatte sie zugleich etwas Unwirkliches und Gekünsteltes an sich, das sich in sprachlichen Verrenkungen und Formeln ausdrückte, mit denen man den Status der Stadt politisch unverfänglich zu fassen suchte.

Bisweilen konnte einen das Gefühl überkommen, die West-Berliner fühlten sich durch die Mauer eher eingehegt als eingesperrt, beschützt vom rauen Wind der kapitalistischen Lebenswirklichkeit. Keine Sperrstunde, keine Wehrpflicht, geringe Lebenskosten, Freiräume ohne Ende und im Notfall die nachsichtige Solidarität der Inselbewohner – in der verhinderten Hauptstadt hatte die Geschichte den Atem angehalten und im Zeichen eines fragilen Waffenstillstands das Fortschreiten jeder Entwicklung so gut es eben ging auf Pause gestellt.

Nach 1989 hieß es: Zurück ins Warme

Sicher, die Berlin-Blockade, die Luftbrücke, der Aufstand vom 17. Juni 1953, der Mauerbau – das waren dramatische weltpolitische Ereignisse, die für West-Berlin aber letztlich auf den Erhalt einer geschichtsdurchtränkten Bedachtsamkeit und Beschaulichkeit hinausliefen: „Unser leeres Berlin, unsere wunderbare Stadtsteppe, unsere unwiederbringliche Geschichtsprärie, unser Urstromtal aus Katastrophen“ – so besang es der Schriftsteller Dieter Hildebrandt.

Auswärtige äußerten oft die Vermutung, in Berlin müsse man sich fühlen wie auf einem Pulverfass. Das Gegenteil war der Fall, eher ging es zu wie im Auge eines Wirbelsturms, obgleich auch diese Metapher viel zu heftig ist für die sonderbare Gelassenheit der Stadt.

Außerhalb Berlins empfand man jedenfalls die Weltlage weit bedrohlicher als im Inneren; wohl auch deshalb waren in Westdeutschland die Friedensbewegung und die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss viel stärker als in West-Berlin. Als die Ostdeutschen schließlich die Mauer einrissen, benahmen sich viele West-Berliner, kaum war die erste Freude verklungen, wie Stallhasen, denen man die schützenden Wände weggenommen hatte. Sie rückten eng zusammen und steckten die Nasen ins warme Fell ihrer Artgenossen.