Eine romantische Zweierbeziehung kann von Vorteil sein – im nächtlichen Berliner Mauerpark hat jedoch auch das Alleinsein seinen Zauber.
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BerlinNeben Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln empfahl das niederländische Gesundheitsamt im April 2020, Alleinlebenden ohne ständige Sexualpartner*innen zu erlauben, sich mit Gleichgesinnten zu treffen – die implizite Botschaft war also die Erlaubnis zum Sex. Im Gegensatz zur Deutschen Bundesregierung bedachten die Niederländer*innen also die Interessen und die Gesundheit der Singles und erlaubten ihnen in einer Zeit der sozialen Distanz, Sex-Partnerschaften einzugehen. Diese Empathie mag überraschen. Wirken wir Singles derart vereinzelt und isoliert, dass man sich behördlich um uns Sorgen machen muss? 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Sexualität & Liebe erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Die Soziologin Eva Illouz bezeichnet Personen, die sich für das alleinstehende Leben entscheiden, als Sologamist*innen. In ihrer Soziologie negativer Beziehungen („Warum Liebe endet“, Suhrkamp, 2018) beschreibt Illouz, wie die postmoderne Kultivierung der freien Wahl und die Mechanismen der Flexibilität neue Formen der Unverbindlichkeit erschaffen.

Lesen Sie die These (Ost) zum Text

Kommerzialisierungsprozesse und die Maximen der Selbstoptimierung prägen nicht nur den Arbeits-, sondern auch den Beziehungsmarkt. Sichtbar wird dies nicht zuletzt an den neuen Technologien der vernetzten Moderne: Die rege Nutzung von Dating-Apps wie Tinder suggeriert ein dauerhaftes Angebot an Sexualpartner*innen, während die Nutzer zugleich zu Konsument*innen von Sex und Gefühlen werden. Die Gefahren sind bekannt: Zu viel freie Wahl macht hernach einsam. Insofern sollte es nicht verwundern, dass einer amerikanischen Statistik zufolge die Generation von heute weniger Sex hat als die vorherige Generation.

Lesen Sie die Anti-These (West) zum Text

Abhilfe schafft die Dating-App Hinge. Wie bei Tinder muss auch hier auf dem Bildschirm gewischt und auf ein Match gehofft werden, jedoch ist das Ziel nicht die Unverbindlichkeit. Deshalb lautet auch der Werbeslogan: „Designed to be deleted“. Der Algorithmus verspricht mehr Vernetzung auf dem Weg zur perfekten Partnerschaft, persönlichere Kontakte, also mehr Erfolg bei der Partner*innenwahl. Ohne Frage: Eine romantische Zweierbeziehung war insbesondere während der Kontaktbeschränkungen ein großer Vorteil. Über 90 Prozent der Alleinlebenden gaben laut jüngster Studie der Sigmund-Freud-Universität in Wien an, mit dem Ausmaß an Nähe und Berührungen während der Kontaktbeschränkungen unzufrieden gewesen zu sein.

Zugleich wurde nicht nur die soziale, sondern auch die berufliche Entschleunigung, also die Reduktion von Alltagsstress, von der Single-Gruppe positiv bewertet. Anders sieht die Sache bei Personen mit festen Partnerschaften und in der klassischen Kernfamilie aus: Zwar haben sich vor allem partnerschaftliche und familiäre Kontakte intensiviert. Freundschaftliche und berufliche Beziehungen wurden allerdings stark heruntergefahren. Dennoch gaben 28 Prozent der Eltern an, aufgrund gestiegenen Stresses keine Zeit für Intimität und Sexualität gehabt zu haben.

Was Alleinerziehende schon lange wissen, bekamen Eltern in Partnerschaften beim Wegbrechen der Kinderbetreuung nun auch persönlich zu spüren: Arbeit und Kinderfürsorge lassen sich kaum miteinander vereinbaren. Diese Unvereinbarkeit geht zulasten der Frauen: Unbezahlte Care-Work leisten in heterosexuellen Partnerschaften mit Kindern doppelt so häufig Frauen wie Männer. Diese ungleiche Verteilung der Sorgearbeit geht einher mit schlechteren beruflichen Perspektiven und geringerer finanzieller Absicherung, besonders im Alter. Sind das individuelle Probleme einzelner Partnerschaften? Oder systemische Schwächen einer heteronormativen Gesellschaft, die nicht nur am romantischen Liebesideal des 19. Jahrhunderts festhält, sondern auch die Familie zur Privatsache erklärt?

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Die Autorin

Sarah Berger wurde 1985 in Timișoara (Rumänien) geboren. Sie arbeitet als freie Schriftstellerin und Journalistin und lebt in Berlin. Aktuell ist der Erzählband „Sex und Perspektive“ im Berliner Herzstückverlag erschienen.

Gerade die Politik sollte solche Fragen ernst nehmen. Oder nochmals anders gefragt: Warum sollten cis-Frauen (also diejenigen, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, Anm. d. Red.), die eine romantische Zweierbeziehung eingehen, gar eine Familie gründen, angesichts der Risiken, die diese Entscheidung in sich birgt? Kann der Sologamismus als eine feministische Bewegung verstanden werden? Als Widerstand gegen die romantische Zweierbeziehung, gegen die Kernfamilie und die darin tief verankerten patriarchalen Strukturen? Dem würde die britische Feministin Sophie Lewis jedenfalls zustimmen.

In „Full Surrogacy Now“ (2019) fordert Lewis die Abschaffung der Kernfamilie zugunsten eines größeren Support- und Care-Netzwerkes. Jede Schwangerschaft ist körperliche und emotionale Arbeit, die entsprechender Entlohnung und gesellschaftlicher Unterstützung bedarf. Es könne nicht sein, dass eine Gesellschaft, die von der Reproduktion profitiere, die Menschen, die diese Arbeit auf sich nehmen, nicht angemessen entlohne und wertschätze. Im Gegenteil: Kinder zu bekommen bedeutet für die Gebärenden in konventionellen Heterobeziehungen nicht nur gesundheitliche Risiken, sondern geht auch mit der Gefahr finanzieller Armut einher. Klappt es mit der Beziehung und gemeinsamen Elternschaft nicht, leben die Kinder in den allermeisten Fällen bei den Müttern (90 Prozent). Die meisten davon leben in Deutschland wiederum unterhalb der Armutsgrenze (rund 40 Prozent).

Freundschaftsnetzwerke werden immer wichtiger

Ist Sologamie also weniger die Folge eines neoliberalen Hyperindividualismus als eine konsequente Reaktion auf die Fragilität der romantischen Zweierbeziehung? In „All About Love“(2001) legt die Literaturwissenschaftlerin bell hooks (sic!) die Vielschichtigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen frei: Liebe ist der gegenseitige Austausch von Vertrauen, Fürsorge, Respekt, Wissen, dem Verlangen nach Bindung und reziproker Verantwortungsübernahme. Erst die Kultivierung dieser Bedürfnisse in uns und innerhalb der Gesellschaft schafft die Grundlage für tiefe Bindungen. Stabilität ergibt sich demnach nicht aus der Konzentration all dieser Bedürfnisse auf nur eine Person oder der entsprechenden Institutionalisierung, sondern auch hier: in der Etablierung von Netzwerken und wechselseitigen Bezugssystemen. Die Partnerschaft aus zwei Personen ist, so die These, ein soziales Konstrukt, das sich umdefinieren lässt.

Einen Netzwerkcharakter erkennt die Philosophin Simon(e) Saarloos, wenn sie im Essay „Playing Monogamy“ (2015) ihr alleinstehendes Leben untersucht: Als kleine Einheit sind sich Alleinstehende ständig der Risikobelastung des Lebens bewusst. Durch den Aufbau ineinander verwobener Freundschafts- und Care-Netzwerke wissen sie sich zu helfen. Die Erfüllung sexueller und emotionaler Bedürfnisse wird nicht auf eine Person allein konzentriert, sondern auf viele Personen verteilt und dadurch stabilisiert. Dieses System funktioniert, vielleicht besser sogar als die konventionelle Zweierbeziehung.

Im Mittelpunkt all dieser Verbindungen steht nicht die Sicherheit, sondern das jeweilige Bedürfnis wechselseitiger Erfüllung. Die Verbindungen stehen sowohl für sich als auch als festigende Knotenpunkte der jeweiligen Netzwerke. Verbindlichkeit ist demnach kein Versprechen, das sich zwei Personen gegenseitig geben, sondern das Versprechen der alleinstehenden Person an sich selbst, das notwendige Care-Netzwerk zu kultivieren. Sologamismus eben.

Wir brauchen queere Lösungen

Sich dem Paradigma der romantischen Zweierbeziehung zu entziehen, ist auch ein Widerstand gegen die Heteronormativität an sich. Gegen eine Weltanschauung, die die Heterosexualität als soziale Norm postuliert und damit die Pluralität aus biologischem Geschlecht, Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung und Geschlechterordnung nivelliert. Queere Personen bekommen die Dysfunktionalität des heteronormativen Systems besonders stark dann zu spüren, wenn sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer trans- oder nicht-binären Geschlechtlichkeit keine Unterstützung durch die biologische Familie erfahren.

Schon 1991 verwies die Anthropologin Kath Weston in „Families We Choose“ auf den besonderen Charakter von „chosen families“ als ausgewählte, auf eine größere Anzahl von Personen ausgeweitete Care-Systeme, die sich LGBTIQ*-Menschen schon seit über 150 Jahren nicht nur in Form von Liebes- und Freundschaftsbeziehungen, sondern auch in der gemeinsamen Nutzung von Wohnraum und gegenseitiger familienähnlicher Unterstützung aufbauen. Dieses Themenfeld ist besonders in Deutschland noch nicht ausreichend gewürdigt und erforscht.

Mechanismen der privaten und gesellschaftlichen Ausgrenzung queerer Personen ebneten den Weg zu neuen Formen sozialen Zusammenhalts, die cis-hetero Personen angesichts des immensen Rückschlags, den die Pandemie für die Geschlechtergerechtigkeit offengelegt hat, ein Vorbild sein könnten. Wäre es nicht besser und vor allem sicherer, in größeren Netzwerken zu leben? Die Empfehlung des niederländischen Gesundheitsamts lässt sich als Aufruf verstehen, auch in einer Zeit der sozialen Distanz das Care-Netzwerk in all seinen Bestandteilen aufrechtzuerhalten.