Der Grenzübergang Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße in Berlin.
Foto: imago images/Gueffroy

Es ist morgens 6 Uhr. Mit mir warten an der Friedrichstraße Hunderte von Leuten, die über die Grenze wollen – und ich bin die Letzte in der Schlange. Um zehn Uhr muss ich in Dresden sein, habe ein Monatsvisum für den Sommerkurs an der Palucca-Schule, der wichtigsten Schule für modernen Tanz in der DDR. Ich spreche einen Grenzer in meinem Alter an und mache ein unglückliches Gesicht dabei. Palucca-Schule? Er schaut amüsiert zurück.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Sexualität & Liebe erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Bildung & Wissen erschienen.

Schon klar, für eine Ballerina bin ich zu fett. Schon klar, er glaubt mir die Sache mit dem Tanz nicht. Da winkt er mich weiter, an der Schlange der Wartenden vorbei, bis ich ganz vorn stehe und meinen Koffer öffnen muss. Trikots, Schläppchen, Strümpfe, Haarspangen, Schokolade, Apfelshampoo. Ganz schön aufgerüstet, sagt ein älterer Kollege zu dem jungen Grenzer, der mich vorgeholt hat. Zehn Minuten später steige ich in den überfüllten Zug nach Dresden Hauptbahnhof. Als ich aussteige, rieche ich nach dem Zug. Nach DDR eben, aber ich habe mich in den jungen Grenzer am Grenzübergang Friedrichstraße verliebt.

Eine Woche später, Ende August 1983. Wir machen zu fünft einen Ausflug von Dresden bis in die Sächsische Schweiz. Wir sind vier Frauen aus dem Westen, nur Kristina kommt aus Magdeburg. Nach einer Stunde Fahrt haben wir die Grenze zu Tschechien gefunden, obwohl keine einzige Straßenbezeichnung uns hinführte.

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An einer Kreuzung haben wir uns gegen Hinterhermsdorf und Rosenthal entschieden und sind in einem gelben Renault aus Gießen mit der Solotänzerin des dortigen Balletts am Steuer in eine Richtung ohne Schild abgebogen. Der letzte Ort vor der Grenze hat 120 Einwohner und eine Kneipe. Sonnabend. Trinken Sie noch einen, sagt der Wirt. Am runden Tisch hinter der Tür sitzen Leute vom tschechischen Wanderzirkus. Sie schauen so dunkel zu uns herüber, und wir gehen deswegen ihre Vorstellung anschauen.

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Die Nummern rühren mich: dressierte weiße Hunde, die durch Reifen springen, sekundiert von einer Ziege, die zählen kann. Ein Seiltänzer balanciert barfuß auf Kopfhöhe des Zirkusdirektors und springt am Ende des Seils in einen Teppich aus Glasscherben. Ein Jongleur lässt sorgfältig alles fallen und nennt sich deswegen Clown, und ein altes Pferd mit aschgrauer Blesse, das zwischen den Beinen einer jungen, sehr bleichen Frau Walzer tanzt, lässt den Dreck vom Dorfanger bis in die dritte Zuschauerreihe fliegen, wo außer uns eh keiner sitzt. An jenem Abend ist mein Leben so gewesen, als hätte ich es soeben in einem abenteuerlichen Buch gelesen. Ich habe mich in den Seiltänzer verliebt.

Wer hat sich da verliebt?

Gegen Mitternacht fahren wir nach Dresden zurück. Wenige Kilometer hinter dem Dorf steht ein Mensch am Straßenrand und winkt. „Straßenräuber“, flüstere ich der Ballerina aus Gießen zu. „Straßenräuber, gib Gas!!!“ – Wir fahren an dem Menschen vorbei, neben den plötzlich ein zweiter springt. Im Scheinwerferlicht eines Trabis, den wir erst jetzt sehen, macht er eine bedrohliche Geste. „Zwei Straßenräuber!!!“ Die Ballerina aus Gießen steigt aufs Gaspedal. Äste schlagen gegen die Windschutzscheibe – und uns wie ins Gesicht.

Foto: imago images/Sven Simon
Die Autorin

Judith Kuckart wurde 1959 in Schwelm geboren. Sie ist Schriftstellerin und arbeitet und lebt heute in Berlin.

Ich drehe mich noch einmal um und sehe, dass der zweite Straßenräuber am Ende seiner bedrohlichen Geste eine Leuchtkelle der Volkspolizei in die Nacht hinaus gehalten hat. Wir halten an, zeigen die Ausweise. Vier Mädchen aus dem Westen, eins aus der DDR, nachts allein in der Nähe der Grenze? Niemand sagt ein Wort. Wir sitzen im Auto, die beiden Volkspolizisten mustern im Licht der Taschenlampen unsere Gesichter wie abstrakte Zeichnungen. Noch immer redet niemand. Hat wirklich niemand geredet? Hat Kristina aus Magdeburg etwas gesagt? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur, dass nach einer Ewigkeit, in der der Wald bis zu uns ins Auto hinein nach Wald roch, der Ellenbogen des einen Polizisten etwas zum Brustkorb des anderen gesagt hat, danach beide die Taschenlampe ausschalteten und aus dem Dunkel heraus befahlen: Weiterfahren!

Wer hatte sich diesmal verliebt?