Auf der Suche nach einer neuen Leichtigkeit, die einem der „Kraft durch Freude“-Tourismus vorenthalten hatte:  Spanien, 70er-Jahre.
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„Also wissen Sie, wie wir neulich in Spanien waren?“ So beginnt ein parodistisch zugespitzter Song des kommunistischen Liedermachers Dieter Süverkrüp aus dem Jahr 1965: „Nein, war das schön!“ Was dann jedoch folgt, ist die Beschreibung einer massentouristischen Hölle unter Flamenco-Begleitung. Süverkrüp schüttet reichlich Häme aus über seine Landsleute, die sich aufmachten, zu Reiseweltmeistern des schlechten Geschmacks und der Einfalt zu werden. „Und wie wir an die Grenze gekommen sind: / Zwei, drei Maschinengewehre standen da rum! / Und so komische Terroreros! Na ja, / Ich sage immer: Andere Länder, andere Sitten! / Kurze Passkontrolle. Und dann waren wir drin!“

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Reisen & Grenzen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ignoranz und die bloße Gier nach Sangria und Sonne gerieten in der Bundesrepublik früh in Verdacht, eine Art mentale Kompensation für die kriegerischen Reisetätigkeiten deutscher Soldaten nur zwei Jahrzehnte zuvor erlangen zu wollen. Wer sich an die Costa del Sol in Spanien oder an die italienische Adria begab, war nicht zuletzt auf der Suche nach einer neuen Leichtigkeit, die ihm der Kraft-durch-Freude-Tourismus in der Zeit des Nationalsozialismus vorenthalten hatte.

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Die Angehörigen einer aufgeklärten Vernunft, zu denen der Sänger Süverkrüp sich zweifellos zählte, waren bald anders unterwegs. Der kritische Blick auf den Massentourismus war begleitet von Konzepten eines sanften Tourismus, in dessen Bahnen, die man heute mit dem Begriff der Nachhaltigkeit bedenken würde, die Reisenden bemüht waren, in fremden Ländern nicht unangenehm aufzufallen.

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Das gelang jedoch nur bedingt. In dem stolzen Bewusstsein, mich gänzlich anders zu verhalten als der von Süverkrüp beschriebene Typus des Spanien-Fahrers trampten ein Freund und ich Ende der 70er-Jahre gleich nach dem Abitur im Gefühl grenzenloser Freiheit Richtung Griechenland. Dort angekommen, schliefen wir am Strand und ernährten uns von Griechischem Salat und Greek Coffee. Unser Reisebudget war knapp kalkuliert und wir waren ehrlich irritiert, als uns ein griechischer Wirt empört aus seinem Lokal warf, als wir am dritten Tage hintereinander lediglich einen Salat bestellten und auf eine vollständige Mahlzeit aus Kostengründen lieber verzichteten. Die Scham über unser Verhalten kam wie die Einsicht, dass wir uns kaum anders als die mit einiger Herablassung betrachteten Massentouristen benommen hatten, erst sehr viel später.

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Der Autor

Harry Nutt wurde 1959 in Delbrück/Westfalen geboren. Er ist Leiter des Feuilletons der Berliner Zeitung.

Das Gefühl der Freiheit genossen wir in diesen Tagen weitgehend ungetrübt. Popkulturell aufgerüstet hörten wir Crosby, Stills & Nash, die ihre Erlebnisse im „Marrakesch Express“ zum Besten gaben, und Jonie Mitchell besang den Strand von Matala auf Kreta und löste damit vor Ort vorübergehend eine Hippie-Invasion aus, die wiederum gravierende Hygieneprobleme im Rucksack hatte.

Mit Joni Mitchell nach Matala

Beim seltsam euphemistischen Wort Reisefreiheit denken wir noch immer zunächst daran, dass sie genau das beschrieb, was den Ostdeutschen fehlte. Uns hingegen stand die Welt offen, und als junge Menschen machten wir davon nach Kräften Gebrauch. Heute jedoch bin ich der Meinung, dass wir sie nicht allzu gut genutzt haben. Die Neugier auf andere Länder und die Gepflogenheiten ihrer Bürger war insgeheim begleitet von dem Bedürfnis, dem eigenen als unangenehm empfundenen Deutschtum zu entkommen. Wir strebten ins benachbarte Ausland, um einen Zustand polyglotter Welthaltigkeit zu erlangen, während die Schuld, die uns die Elterngeneration aufgebürdet hatte, stets dicht auf den Fersen war.

In einer Hinsicht jedenfalls waren wir bei unserer hippiesk-naiven Form der Welterschließung seltsam unfrei. Wohin wir auch kamen, war das Selbstbild vom stigmatisierten Deutschen bereits präsent. Unsere Reisefreiheit war überlagert vom Bedürfnis nach Entschuldigung, die uns mancherorts auf paradoxe Weise versagt blieb. In Irland zum Beispiel begegnet der Fremde sehr bald der ruppig-direkt klingenden Frage des Einheimischen: „Which part in the world are you from?“ Dabei schwingt der Stolz der Iren mit, dass sie es als Ehre empfinden, wenn ihre Insel besucht wird. Im Zusammenhang mit dem Wort Germany fiel dann beinahe stereotyp der Name Hitler. Das Bemühen um Schuldeingeständnisse wurde jedoch weitgehend ausgeschlagen. Hitlers Kampf gegen England war zumindest bei den älteren Iren noch immer hoch angesehen. Auf Reisen, das war die Lektion jener Jahre, entgeht man seiner Herkunft nicht. Man begegnet ihr nur neu.