Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt: Die Polioimpfung schaffte es in den 60er-Jahren, dass die Kinderlähmung praktisch ausgerottet wurde.
Foto: imago images/Becker & Bredel

Meine Mutter hatte diese Stelle am Oberarm, eine pfenniggroße, fast kreisrunde Hautvertiefung, die aussah, als ob sie sich dort verbrannt hätte. Lange dachte ich, sie hätte diese Narbe aus dem Krieg, von dem sie manchmal sprach – aber als ich sie einmal fragte, was genau passiert sei, erzählte sie mir von der Impfpistole, die ein Arzt ihr dort auf die Haut gesetzt und abgedrückt hatte. Was mich wahnsinnig beeindruckte.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Gesundheit & Leben erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Ich wollte diese Pistole sehen und ebenfalls geimpft werden, ohne genau zu wissen, was das überhaupt bedeutete. Zumal, darauf war ich ein wenig neidisch, auch meine älteste Schwester dieses Mal am Oberarm hatte und es wie eine Auszeichnung trug. Sie gehörte dazu, wollte sie mir damit sagen, und ich nicht, als einziger, denn nach näherer Untersuchung hatte ich auch an der Schulter meines Vaters eine Impfnarbe entdeckt. Bei ihm war sie nur nicht so deutlich ausgeprägt wie bei meiner Mutter.

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Die Zeichen auf der Haut meiner Familie stammten von der Impfung gegen die Pocken, die bei mir, als ich alt genug gewesen wäre, gar nicht mehr durchgeführt wurde. Sie entfiel einfach, weil die Pocken, was für ein Erfolg der Gesundheitsvorsorge, ausgerottet worden waren. Auf der ganzen Welt. Schade, dieses Zeichen trage ich also nicht – erinnere mich jedoch an viele andere Impfungen, die meist in der Schule stattfanden, allerdings – was für eine Enttäuschung! – ohne Impfpistole.

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Wir mussten im Klassenverband und in Zweierreihen antreten, ein Arzt – ich nehme an, es handelte sich um einen vom Gesundheitsamt entsandten Amtsarzt – und zwei Krankenschwestern erwarteten uns im Konferenzraum der Lehrer, der für einen Schultag zu einer Impfstation umfunktioniert worden war. Impfpistolen wurde uns nicht gezeigt, stattdessen sollten wir Zuckerwürfel (wir sagten lieber Zuckerstückchen) schlucken, die mit einer bläulichen Flüssigkeit beträufelt waren.

Das war die berühmte Schluckimpfung gegen Polio. „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ lautete das Motto dieser Impfkampagne. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz während meiner Kindheit gehört habe. Jedes Mal aber hat es mich vor dem Wort „Kinderlähmung“ gegruselt; in meiner Vorstellung konnten fröhlich und wild durcheinander spielende Kinder sich ganz plötzlich nicht mehr bewegen, kein bisschen, weil sie nun gelähmt waren.

Meine Mutter, die ihre Impfnarbe nie versteckte, war immer sehr dahinter her, dass ihre Kinder geimpft wurden, möglichst gegen alles, „was du noch nicht gehabt hast“, sagte sie, wobei dieses „gehabt haben“ – also die Masern oder die Windpocken oder Mumps gehabt zu haben – mehr wog, als gegen diese Krankheiten geimpft zu sein.

Keine Impfung, sondern nur ein Stück Stoff

Trotzdem achtete meine Mutter immer sehr darauf, allen Impfempfehlungen unserer Hausärztin zu folgen, denn sie selbst war während des Krieges, als das deutsche Gesundheitswesen mit vielen anderen Dingen beschäftigt war, an Diphterie erkrankt und wäre beinah gestorben an dieser Krankheit, die damals auch „Würgeengel der Kinder“ hieß. 1943 kam es zur letzten großen Epidemie der Diphterie in Europa, die dank flächendeckender Impfung nach dem Krieg bald keine große Rolle mehr spielte und allmählich in Vergessenheit geriet.

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Andere Impfungen meiner eigenen Kindheit galten der Tollwut (konnten nicht nur Füchse und Hunde Tollwut bekommen, fragte ich mich) oder, wichtig besonders für Mädchen, den Röteln. Wie wichtig die Röteln-Schutzimpfung war, wusste ich, weil in unserer westdeutschen Wohngebietsstraße mit Wendehammer auch ein Junge lebte, Jürgen, dessen Mutter während ihrer Schwangerschaft an den Röteln erkrankt war. Jürgen war zwei Jahre älter als ich, lernte jedoch nie richtig sprechen, musste ein Hörgerät tragen und immer in schweren orthopädischen Klumpschuhen herumlaufen; Pfeil und Bogen sowie ein Blasrohr hatte er trotzdem, wir spielten oft zusammen Indianer.

Foto: imago images/Gerhard Leber
Der Autor

David Wagner wurde 1971 in Andernach  (BRD) geboren. Er lebt und arbeitet als Schriftsteller in Berlin.

Gesundheitsvorsorge, gesetzliche Krankenversicherung und es sich leisten zu können, zum Arzt zu gehen – alles Errungenschaften, die wir in Deutschland für selbstverständlich halten, es im Grunde aber gar nicht sind. Amerika, nur zum Beispiel, hat es da einmal nicht besser als wir. Die Impfnarbe am Oberarm meiner Mutter war ein Zeichen für diese Errungenschaften. Heute, im Jahr 2020, braucht es erst mal keine Impfpistole, um ein neues Zeichen zu setzen. Wir haben es viel leichter: Wir alle tragen dieses Zeichen, es ist nur ein Stück Stoff, sehr deutlich mitten im Gesicht.