Die Sehnsuchtsziele am Mittelmeer und in den Alpen waren natürlich unerreichbar: Kinderferienlager der IG Wismut in Binz auf Rügen.
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BerlinMan soll ja eine Geschichte nie vom Ende her erzählen. Ich tue es dennoch ausnahmsweise: Als im November 1989 die Mauer fiel, war die DDR Reiseweltmeister. Mehr als 80 Prozent ihrer Einwohner waren in jenem Jahr in den Urlaub gefahren. Kein anderes Land, auch nicht die Bonner Bundesrepublik, konnte da mithalten. Diese Goldmedaille hatte sich der Arbeiter-und-Bauern-Staat einiges kosten lassen: Auf jede Mark, die er von seinen Feriengästen einnahm, legte er gut drei Mark drauf. 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Reisen & Grenzen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Wie Brot und Wohnraum gab es den staatlichen Urlaub fast zum Nulltarif. Über die Hälfte fuhr zwar auf eigene Faust los, was besonders im Ausland teuer werden konnte. Aber die Grundversorgung mit Erholungsplätzen war ein Eckpfeiler der konsumfrohen Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik geworden, die Erich Honecker bei seiner Machtübernahme 1971 verkündet hatte.

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Angefangen hatte das mal sehr bescheiden. Über 500 Betten verfügte der Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB) im Gründungsjahr 1947. Allein das Berliner „Estrel“ hat heute gut viermal so viele. Doch rasch expandierte der staatliche Anbieter. Nicht zuletzt durch Beschlagnahmeaktionen. Im Zuge des von SED-Chef Walter Ulbricht verkündeten verschärften Klassenkampfs wurden zwischen 1950 und 1953 Hunderte Hotels „in Volkseigentum überführt“, ihre Besitzer als „Ratten“ beschimpft, deportiert, ins Zuchthaus gesteckt. Die private Touristik wurde systematisch ruiniert.

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Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 schlug die geschockte Parteiführung eine sanftere Gangart ein: Der FDGB mietete oder kaufte nun Quartiere, anstatt sie zu konfiszieren. Ein Jahr später jubelte der FDGB-Vorsitzende Herbert Warnke: „An jenen Stätten, wo früher die Kapitalisten und Junker das aus den Knochen der Arbeiter herausgepresste Geld vergeudeten, spielt sich heute das gemeinschaftliche Urlaubsleben der Werktätigen ab.“ In der Tat konnte er stolz sein: Bald näherte sich die Zahl der vergebenen Reisen der Millionengrenze – dreimal mehr als die westdeutsche Touropa (heute TUI) verkaufte. Der Feriendienst war der größte Veranstalter der Welt.

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Der Autor

Prof. Dr. Hasso Spode wurde 1951 in Berlin-Friedrichshagen geboren. Er ist Historiker und Soziologe, schrieb Arbeiten zur Kultur- und Sozialgeschichte des Alkoholkonsums und ist Mitbegründer der historischen Tourismusforschung.

In den 60er-Jahren stagnierte die Entwicklung. 80 Prozent der FDGB-Heime stammten noch aus der Kaiserzeit. Bei Preisen von zunächst 30 Mark, ab 1963 gestaffelt um hundert, hatte der Feriendienst einen schlichten zweiwöchigen Einheitsurlaub etabliert. Allerdings überstieg die Nachfrage das Angebot bei Weitem. Wer nicht über „Beziehungen“ verfügte, musste Jahre warten, bis endlich der ersehnte Ferienscheck zugeteilt wurde.

Ulbricht dachte da größer

Abhilfe boten die selbst organisierte Quartiersuche, das mit der Motorisierung allmählich ausgebaute Campingwesen und die betrieblichen Ferieneinrichtungen. Zu riesigen Kombinaten zusammengefasst, nutzten die VEBs ihre Wirtschaftskraft, um sich republikweit „Objekte“ zu sichern. Meist campingplatzartige Gelände, mit Finnhütten, schlichten Bungalows und Dauerwohnwagen darauf.

Ulbricht dachte da größer. Er hatte begonnen, das thüringische Oberhof, das er so liebte und wo 1950 die Beschlagnahmewelle eingesetzt hatte, in ein sozialistisches St. Moritz zu verwandeln: Star-Architekt Hermann Henselmann sollte ihm eine modernste Retortenstadt à la Le Corbusier bauen. Honecker stoppte das teure Projekt. Mit dem dekadenten Luxusleben für die Nomenklatura und einige Westgäste (nebst etlichen Stasi-Leuten) im 1969 eröffneten Panorama war Schluss, und fortan wurde in den Feriengebieten mehr, aber billiger gebaut.

Schließlich verfügte der FDGB über 135.000 Betten. Doch gegen die Kombinate zog er im Kampf um die knappen Plätze den Kürzeren, wurde tendenziell zum Veranstalter für sozial Schwache. 1989 hatte er knapp zwei Millionen Reisen vergeben, die Betriebe über drei Millionen. Fast 40 Prozent der über 14-Jährigen waren mit diesen „Erholungsträgern“ in den Urlaub gefahren.

Albanien sollte Ersatzdestination werden

Die anderen nutzten das staatliche Reisebüro (dessen Programm von Kurztrip bis zur Kubatour für 5000 Mark reichte) oder die 529 Campingplätze. Und die ungezählten, oft illegalen Privatquartiere, voran an der völlig überlaufenen Ostsee. Für etliche Gruppen, ob Jugendliche, Bergsteiger oder „leitende Kader“, gab es zudem spezielle Programme und Organisationen. Die Republik war von einem kaum überschaubaren Geflecht der subventionierten Touristik überzogen.

Dies verdankte sich weniger zentralstaatlichen „Direktiven“ als vielmehr dem Elan und Improvisationstalent der lokalen Akteure in Betrieben, Bezirken, Kommunen, Verbänden, Parteien und Gewerkschaften. Sie knüpften auch Verbindungen in die benachbarten Bruderländer. Schließlich zog es viele DDR-Bürger mit Begeisterung ins Ausland – die traditionellen Sehnsuchtziele am Mittelmeer und in den Alpen waren natürlich unerreichbar. Doch zu Mielkes Verdruss hatten sich Prag, der Balaton und der bulgarische Goldstrand zu deutsch-deutschen Begegnungsstätten entwickelt. In der Not plante man, Albanien als Ersatzdestination aufzubauen. Der isolierte Terrorstaat verfügte über lange, leere Strände. Daraus wurde nichts mehr.