Die Region neu entdecken – ganz ohne Flugscham: Kletterer am Pfaffenstein in der Sächsischen Schweiz.
Foto: imago images/Thomas Eisenhuth

BerlinSchon seit einigen Jahren steht der weltweite Tourismus zunehmend in der Kritik. Die Gründe sind nachvollziehbar: zu viele Kreuzfahrtschiffe, die die Meere belasten, immer mehr Flugzeuge in der Luft, ignoranter Massentourismus, gentrifizierte Stadtviertel, billige Flugtickets und noch billigere Pauschalreisen. Die Corona-Krise brachte die Tourismusindustrie für wenige Wochen zum Stillstand. Sie sollte als Anlass verstanden werden, sich Gedanken zu machen, wie wir in Zukunft reisen wollen.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Reisen & Grenzen erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Mir selbst geht es wie vielen anderen beim Reisen vor allem um das Gefühl von Freiheit, Glück, Erkenntnis. Wir wollen Ursprünglichkeit und Authentizität erleben, Ruhe und Erholung. Wir wollen regional speisen, fremde Sprachen hören, aus der gewohnten Umgebung ausbrechen: Dinge, die früher nicht selbstverständlich waren. Man denke etwa an Touristenmassen in Rom, Demonstrationen gegen Touristen in Barcelona, ausufernden Partytourismus in Berlin sowie Tausende Kreuzfahrer in der Lagunenstadt Venedig.

Lesen Sie die These (Ost) zu diesem Text

Beispiele für solch ungehemmten Massentourismus gibt es viele. Lange vor Corona hat uns die Frage beschäftigt, wie sinnvoller Tourismus aussehen könnte. Früher einmal wollten alle Städte so viele Touristen wie möglich anziehen. Ein großer Konkurrenzkampf brach aus. Doch die Konsequenzen dessen waren für viele Städte verheerend. Amsterdam ist so ein Beispiel: Vom Massentourismus an die Grenze des Erträglichen getrieben, entschlossen sich die Stadtverantwortlichen am Ende, keine Tourismuswerbung mehr zu machen. Die Amsterdamer wollten lieber in Frieden und nachhaltig leben, als die DNA ihrer Stadt aufs Äußerste zu kommerzialisieren.

Lesen Sie die Anti-These (West) zu diesem Text

In diesem Jahr veränderte die Pandemie den Tourismus grundlegend, Covid-19 vollbrachte, worüber sich Trendforscher, Tourismusexperten und Wissenschaftler seit Jahren den Kopf zerbrachen: nämlich Antworten auf die Frage zu finden, wie ein umweltbewusster, nachhaltiger und sozialverträglicher Tourismus aussehen könnte – insbesondere mit Blick auf die noch viel größere Krise des Klimawandels. Anstatt Quantität wird es im Tourismus der Zukunft um Qualität gehen. Und natürlich auch um sicherheitsversprechende Hygienekonzepte. Die Menschen werden sich mehr Gedanken machen, wohin sie fahren, wie sie ihren Urlaub verbringen wollen. Covid-19 ist der Startschuss für ein Umdenken.

Die Pandemie erzwingt Diskussionen über die Ethik des Reisens

Früher war es kinderleicht, von A nach B zu reisen. Es gab einen Überfluss an Angeboten: Für ein paar Tage nach Lissabon, dem Winter in Thailand entfliehen, Skifahren in den Schweizer Alpen, zum Yoga-Retreat nach Indien. Stellenweise waren die Angebote so preiswert, dass man sich fragen muss, wer den Preis bezahlt. Man hätte dabei schon viel früher in eine Gewissenskrise kommen können. Auch ich selbst – ich schreibe dies als Reisejournalist – musste immer wieder mit der Frage ringen, wie weit mein Reisebedürfnis mit meinen ethischen Standards vereinbar ist. Viele dieser Konflikte sind (vorerst) Geschichte.

Foto: Florian Stürzenbaum
Der Autor

Michael André Ankermüller wurde 1988 in Augsburg geboren und lebt heute in Berlin. Er arbeitet als freier Reisejournalist, Blogger sowie als Berater für Digitale Medien. 2014 gründete er sein eigenes Blogazine „Blog.Bohème“.

Covid-19 muss als Chance gesehen werden, sich diesen Fragen zu stellen. In Zukunft müssen wir uns bewusster entscheiden, wohin wir reisen. Ob wir es uns leisten können? Sowohl finanziell als auch mit Blick auf die Umwelt. Unsere Reiseoptionen werden auch in naher Zukunft mit Blick auf die Reisebeschränkungen limitiert bleiben. Und wir werden uns zunehmend die Frage stellen, ob wirklich jede Reise notwendig ist.

Zudem wird regionaler und lokaler Tourismus noch attraktiver werden. Vor Corona schienen wir uns teils in New York besser auszukennen als in Brandenburg. Viele meiner Freunde konnten sich mit einer Party in Tokyo besser identifizieren als mit einem Ortsfest in Franken. Die Pandemie könnte dies grundlegend ändern. Das Zurückgeworfensein auf unsere jeweiligen Regionen könnte dazu führen, dass wir uns intensiver mit unserer Geschichte befassen – und letztlich ein neues Verhältnis zu unserem Zuhause gewinnen.

Covid-19 könnte auch ein Ende des Massentourismus einleiten

Ich bin mir fast sicher, dass der Massentourismus, wie wir ihn kannten, so nicht mehr existieren wird. Denken wir etwa an die Kreuzschifffahrtsindustrie oder den kostengünstigen Pauschalurlaub an Orten, wo es sonst außerhalb überfüllter Strände nur wenig zu erleben gibt. Warum? Zu sehr haben sich die Bilder einkasernierter Gäste in Hotels, von Todesfällen auf Kreuzfahrtschiffen und von an Flughäfen gestrandeten Reisenden in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt.

Aufgrund der gesundheitlichen Risiken wird transparente Kommunikation in der Tourismusindustrie immer wichtiger werden. Vielleicht, so meine Hoffnung, werden wir tatsächlich dazu übergehen zu reisen, um neue Erfahrungen zu sammeln, Menschen anderer Länder kennenzulernen – um Abenteuer fern des Alltags zu erleben. Der moderne Reisende hat sich sowieso schon immer lieber unter die Einheimischen gemischt, anstatt sich dem Ballermann-Tourismus unter seinesgleichen hinzugeben.

Altmodischer Luxus würde durch Nachhaltigkeit ersetzt, Quantität durch Qualität, Anonymität durch persönliche Beziehungen. Anstatt Rausch und Exzess könnte das In-Sich-Gehen des Reisens eine größere Rolle spielen. Großkonzerne würden durch transparentere, familiengeführte Unternehmen ersetzt. Wichtig dabei ist: Resonanz spüren und ein neues Bewusstsein, dass wirklich nichts in der Welt – erinnern wir uns an den Lockdown – selbstverständlich ist.

Reisen zählt zu den Grundbedürfnissen des Menschen

Wir werden also weiterhin reisen, daran wird auch eine Pandemie nichts ändern. Möglicherweise werden wir aber weniger in die Ferne schweifen. Die Stadt Berlin und ihre Vielfältigkeit ist ein schönes Beispiel dafür, dass regionale Angebote wichtiger werden. Der Nachtzug nach Wien, die Fahrrad-Reise an die Nordsee oder das Ayurveda-Retreat in Böhmen: Fernreisen wird nicht unmöglich werden, das wäre ja auch sehr traurig. Es werden lediglich vermehrt auch Fragen nach dem Wieso gestellt.

Und wie wird es, sobald ein Impfstoff gegen Covid-19 gefunden ist? Die Tourismusbranche wird schnell zu operieren beginnen. Ihr vermeintlich grenzenloses Wachstum ist jedoch Geschichte. Die Krise ist eine große Chance für uns alle. Nutzen wir sie. Wir allein haben es in der Hand. Wir müssen unser Reisen ändern.