Die ganze Rentenmisere beginnt doch damit, dass Frauen gebären: Frauentags-Demonstration in Berlin.
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LeipzigVor einigen Jahren besuchte ich einen Vortrag, an dessen Thema ich mich nicht mehr genau erinnern kann. Es ging wohl um marxistische Theorie, und ich war etwas unbedarft in den Vortrag gestolpert. Weit lebendiger blieb mir die anschließende Diskussion in kleiner Runde im Gedächtnis hängen. Ich nippte an einem Gläschen Wein, als meine Sitznachbarin, eine junge Medizinstudentin aus München, vielleicht im Zusammenhang mit der Klärung von Haupt- und Nebenwidersprüchen, ganz nebenbei erklärte, dass sie natürlich keine Kinder haben würde, nicht nur, weil sie miterlebt habe, wie ihre Mutter für ihre Kinder alle Ambitionen und Zukunftschancen opferte. Auch und vor allem deswegen, weil eine arbeitende Mutter eine doppelte Versagerin sei: im Beruf und als Mutter.

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Frauen & Gleichberechtigung erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Für einen Moment sog ich kräftig die Luft ein. Meine Sitznachbarin ahnte nicht, dass ich Mutter eines kleinen Kindes war, studierte, nebenbei jobbte. Also versuchte ich, ihr zu erklären, dass berufliche Ambitionen und Mutterschaft keineswegs einander ausschlossen, dass ich nichts missen wollte, dass ich persönlich (und das musste gewiss nicht für alle Frauen gelten!) die Erfahrung der Mutterschaft bereichernd fand. Da fuhr sie mir über den Mund: Eine Mutter könne keine gute Ärztin oder Anwältin sein. Basta.

Lesen Sie die These (Ost) zum Text

Nun würde mir meine Familie eine gewisse Streitlust durchaus attestieren, aber hier gab ich auf, denn ich kämpfte auf verlorenem Posten. Das Gespräch aber blieb mir in Erinnerung, weil es mich mit den feministischen Geistern der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft konfrontierte. Die Differenz zwischen West (sie) und Ost (mir) spielte dabei eine erhebliche Rolle.

Lesen Sie die Anti-These (West) zum Text

Damals, also in den 2000ern, führte man in westdeutschen Feuilletons abwechselnd widersprüchliche Debatten darüber, warum es mit der Gleichberechtigung denn noch immer nicht so wirklich klappe oder warum der Feminismus inzwischen obsolet sei (augenscheinlich hatte er sich „totgesiegt“). Als in der DDR geborene, weitestgehend im vereinigten Deutschland, aber von ehemaligen DDR-Bürgern Sozialisierte schienen mir Debatten westdeutschen (vermeintlich gesamtdeutschen) Gepräges wie Konversationen aus einem Paralleluniversum. Nicht nur, weil „man“ noch immer die Frage debattierte, ob Mütter arbeiten sollten oder Kleinkinder eventuell durch Kita-Besuche Schaden nähmen. Debatten über Rabenmütter und Schlüsselkinder füllten ARD-Talkshows. Übrigens war ich selbst ein Schlüsselkind, eines, das seinen Schlüssel ständig vergaß, eine doppelte Verliererin.

Ostdeutsche Frauen lebten Gleichberechtigung, während die westdeutschen Frauen noch immer über sie debattierten. Nein, das wäre natürlich vereinfacht! Aber ausgehend von dieser jüngsten Vergangenheit und in Betracht der feministischen Gegenwart, die sich an allerhand Phänomenen der Körperlichkeit (Körperbehaarung, Periodenblut und Body Shaming) abarbeitet, wäre ein Blick auf die Praxis, auf gelebte Gleichberechtigung, oder besser: Geschlechtergerechtigkeit, wünschenswert.

So, wie bereits der westdeutsche Feminismus der 70er- und 80er-Jahre von angelsächsischen Autorinnen und Diskursen geprägt war, wirkt diese Fixierung bis heute nach. Anders ließe sich auch nicht erklären, warum für Deutschland typische Ungerechtigkeiten, beispielsweise das Renten- und Steuersystem betreffend, eine so untergeordnete Rolle spielen und nicht halb so bild- und wortgewaltig angeprangert werden wie die Verwendung des Begriffes „Scham“ für die Vulva.

Seltsame Debatten

Halt, halt, ich vereinfache furchtbar! Den westdeutschen Feminismus gibt es nicht. Und nur weil es nicht so medienwirksam wird, heißt das nicht, dass es keine Debatten über das Steuersystem gibt! Selbstverständlich gibt es Autoren und Autorinnen, die diese drängenden Fragen stellen. In den Köpfen vieler junger, Social-Media-affiner Feministinnen mit großer Reichweite aber scheinen Debatten über die Normalisierung von Periodenblut, die sich noch dazu bildtechnisch einfacher ausschlachten lassen, lohnender. Dass sie dabei, was Radikalität und Medieneinsatz betrifft, weit hinter radikale Künstlerinnen der 80er-Jahre beispielsweise im sogenannten Ostblock zurückfallen, ahnen sie vielleicht gar nicht.

Jedenfalls: Ein deutsch-deutscher, ein gesamtdeutscher zukünftiger Feminismus – wie traumhaft wäre das! – verlöre sich seltener in Irigaray-Butler-Hornscheidt-Debatten, die für 99 Prozent der Frauen wenig relevant oder jedenfalls kaum verständlich erscheinen, und fragte stattdessen etwas häufiger, warum Frauen just von jenem Rentensystem, für das sie doch Kinder gebären sollen, für Kindererziehungszeiten abgestraft werden. Oder warum der deutsche Staat auch im Jahre 2020 regulieren darf, wann und unter welchen Umständen sich eine Frau gegen das Austragen einer Schwangerschaft entscheidet.

Man hört es nur ungern, aber da war man in der DDR, weiß Gott kein Feminismus-Wunderland!, eben doch etwas weiter. Interessant übrigens, dass trotz großzügiger Abtreibungsregelung die Geburtenrate nicht kollabierte. Für diesen Feminismus muss, um es mit den Worten der Journalistin Katrine Marçal zu sagen, Bankenrettung ein Thema sein. Er muss die Frage klären, warum unbezahlte Care-Arbeit, in der Mehrheit von Frauen geleistet, nicht in die Berechnung des Bruttoinlandproduktes einbezogen wird.

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Die Autorin

Marlen Hobrack wurde 1986 in Bautzen geboren. Sie arbeitet als freie Journalistin und schreibt über die Themen Literatur, Kunst, Feminismus und Gesellschaft für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Sie lebt mit ihren beiden Söhnen und ihrem Mann in Leipzig.

Noch einen Wunsch habe ich für einen Feminismus der Zukunft, ich wage es kaum auszusprechen: dass er nämlich traditionelle, vermeintlich längst geklärte Fragen des Frauseins erneut auf das Tableau hebt, auch wenn diese Empfindlichkeiten tangieren. Das Schwangerwerdenkönnen (so bezeichnet es Antje Schrupp) zum Beispiel. Diese letzte Differenz nämlich zwischen Körpern von Frauen und Männern ist politisch wie gesellschaftlich so reich an Konsequenzen, dass sie mehr Aufmerksamkeit verdient. Gerade weil nur Frauen schwanger werden, nimmt es unsere Gesellschaft hin, dass es vielerorts beinahe unmöglich ist, eine vernünftige Betreuung durch Hebammen vor, während und nach der Geburt zu erhalten, dass der Zugang zu medikamentösen Abtreibungsmitteln im Vergleich zu anderen Ländern überreglementiert ist, dass Gewalterfahrungen unter der Geburt ignoriert werden und, und, und.

Weil diese Differenz zwischen Frauen- und Männerkörpern aus queer-feministischer Sicht problematisch ist, der Verweis darauf – ich habe es selbst erlebt – als essentialistisch, gar reaktionär gelesen wird (als sei die Nennung eines biologischen Fakts, die Phänomene wie Intersexualität ja nicht ausschließt, skandalös), sind ausgerechnet die Themen, die die Masse der Frauen betreffen, selbst die, die nicht schwanger werden wollen oder können, unterrepräsentiert.

Wir brauchen einen „Feminismus der 99 Prozent“

Die ganze Rentenmisere beginnt doch damit, dass eben Frauen gebären und dann meist auch bei den Kindern bleiben, jedenfalls für einige Jahre. Im Falle einer Trennung wählen viele Paare noch immer das Modell, bei dem Kinder unter der Woche bei der Mutter leben, was deren Erwerbstätigkeit erschwert. Von der Benachteiligung der Masse der Alleinerziehenden und ihrer Kinder, die von Armut bedroht sind, ganz zu schweigen. Oder nehmen wir die Steuer: Alleinerziehend ist man für die Steuergesetzgebung nur dann, wenn man nicht mit einem Partner zusammenlebt. Dafür muss man nicht verheiratet sein.

Obgleich der neue Partner keine Unterhaltspflicht dem Kind gegenüber hat, wird das alleinerziehende Elternteil mit Partner steuerlich benachteiligt. Heiratet die Alleinerziehende (in der absoluten Mehrzahl der Fälle sind Alleinerziehende Frauen), hat sie keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss mehr. Auch hier gilt wohl: Der neue Lebenspartner übernimmt die patriarchalen Pflichten des Vorgängers? Ein schöner Beweis übrigens dafür, dass Feminismus auch für Männer ein Thema sein sollte, die sich nicht wünschen, dass patriarchale Männerbilder nachwirken.

Die skizzierten Probleme verlangen nach einem „Feminismus der 99 Prozent“, der über den schnöden, langweiligen, wenig Instagram-tauglichen Alltag, über Steuererklärungen und Rentenbescheide spricht. Ist nicht sexy, kann man nicht im Bikini inszenieren, aber so ist das nun mal.