Qualmende Schornsteine galten seit 100 Jahren als Zeichen des Fortschritts – in Ost wie West. Da nahm man ein bisschen Smog gern in Kauf wie hier um 1990 in Bitterfeld.
Foto: imago images/Sven Simon

BerlinAls Bitterfelder Kind hörte ich nachts die Tagebaubagger quietschen und sah bei Tag die unterschiedlich gefärbten Abgasfahnen aus den Kaminen des Chemiekombinats steigen. Je nach Windrichtung wehten unterschiedliche Chemikaliengerüche über die Stadt. Wenn auf meiner Vanilleeiskugel Rußflöckchen aus den Schloten der Braunkohlekraftwerke landeten, schleckte ich sie ahnungslos weg. 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Umwelt & Nachhaltigkeit erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Aufgeregter waren die Mütter, wenn allzu viel Flugasche auf der zum Trocknen rausgehängten Bettwäsche klebte. Fiel im Juli das Laub von den Bäumen, hieß es, das Chemiewerk habe wohl mal wieder die Filter durchgeblasen. Die Mulde führte gelblichen Schaum. Ob die Wasserflöhe, die wir fürs Schulaquarium in den Tümpeln der Flussaue fingen, den Fischen bekamen?

Die Leute regten sich nicht lautstark über die unüberseh- und riechbaren Umweltschäden auf. Qualmende Schornsteine galten seit 100 Jahren als Zeichen des Fortschritts – in Ost und West. Rauchten die Schlote nicht, war Krise. Die Eltern tuschelten zwar viel mit der Verwandtschaft und den Nachbarn – um die schlechte Luft ging es selten. Denn zum Ausgleich für die gesundheitlichen Zumutungen hatten die Bitterfelder Vorteile: höhere Gehälter, bessere Versorgung, manche Betriebe gewährten mehr Urlaub in schönen Ferienheimen. Kohlekumpel bekamen Schnapsdeputat.

Es wurde gefördert und geheizt bis an die Smoggrenze

Die strahlenexponierten Arbeiter im Uranbergbau bei der Wismut erfreuten sich ähnlicher Privilegien und blieben im Beruf trotz der niedrigen Lebenserwartung. Obendrein fand die Arbeit hohe gesellschaftliche Anerkennung: Der Bergmann war wer, der Chemiearbeiter auch. Das Chemiekombinat Bitterfeld stellte rund 2000 Produkte für Haushalt und Garten, Industrie und Landwirtschaft her – von Wofalor (Weichspüler) bis Wofatox (Insektenvernichter).

Auf den Propagandatafeln stand: Chemie bringt Wohlstand, Schönheit und Brot. Je mehr Wohlstand der DDR-Bürger erwartete, desto energischer ging es an die Ausbeutung der Ressourcen. Ohne Braunkohle, dem einzigen heimischen Energieträger von Bedeutung, wären die Stuben dunkel und kalt geblieben. Also wurde gefördert und verheizt bis über die Smoggrenze.

Das war die schmutzige Seite.

Die andere stellt sich vorbildlich dar: Die Verfassung der DDR von 1968 erklärte den Schutz von Natur und Umwelt zur Pflicht des Staates und der Gesellschaft. Die in den 20er-Jahren sozialisierten Staats- und Parteiführer knüpften an die Ideale ihrer Jugendzeit an: 1919 nannte die Weimarer Verfassung den Naturschutz als Ziel.

Lesen Sie die Gegenthese (West) zum Text

1970 regelte das Landeskulturgesetz Aufgaben und Ziele der DDR-Umweltpolitik. 1972 bekam die DDR, was die Bundesrepublik erst 1986 erlangte: ein Umweltministerium, eines der ersten der Welt. Die Minister gehörten zur Bauernpartei, hatten wenig zu sagen, kaum einer kannte ihre Namen.

Lesen Sie die Synthese (Zukunft) zum Text

Den Namen Sero aber kannte buchstäblich jedes Kind. Hinter dem Kurzwort stand das Kombinat Sekundär-Rohstofferfassung. Es betrieb ein weitverzweigtes Netz von Annahmestellen für Altstoffe und führte diese der Wiederverwendung zu. Wer Glas, Papier, Metall etc. abgab, bekam ein paar Groschen Taschengeld, und die Wirtschaft erhielt wertvolle Rohstoffe. Die Effizienz lag deutlich über der westdeutscher Sammelsysteme, 1990 empfahlen (West-)Recyclingexperten die Übernahme des Sero-Prinzips. Doch auch dieser Teil des Ostens landete auf der Geschichtsdeponie.

1981 veröffentlichte die Schriftstellerin Monika Maron ihren Roman „Flugasche“. Er beschreibt nicht nur exemplarisch die Öko-Misere in der DDR, sondern auch das erzwungene gesellschaftliche Schweigen darüber. Der Roman durfte im Land nicht erscheinen, umso gieriger las die wachsende Zahl Umweltbesorgter von Hand zu Hand gehende Westausgaben.

Klimaziele sind nur Papier

Monika Maron wurde Schwarzmalerei vorgeworfen. Michael Beleites, der unter anderem das Buch „Pechblende“ über den Uranbergbau geschrieben hatte, wurde massiv von der Staatssicherheit drangsaliert. Trotz des Risikos fanden sich überall, wo die Umwelt besonders litt, Bürger zusammen – wenige, aber sie sollten in der Wendezeit 1989 zu den Kristallisationspunkten des Aufbegehrens gehören.

Foto: Berliner Zeitung/Mike Fröhling
Die Autorin

Maritta Tkalec wurde 1956 geboren. Sie studierte Lateinamerikawissenschaften, arbeitete als Portugiesischdolmetscherin und absolvierte ein Journalistikstudium. Seit 1984 bei der Berliner Zeitung.

Heute findet das Reden in größter Ausführlichkeit statt. Die Themen Klimawandel, Artensterben, Ozeanvermüllung könnten Wahlen entscheiden. Doch im Kern bleibt es wie gehabt – Ideale und Einsichten kollidieren mit den ungehemmt wachsenden Konsum- und Mobilitätsbedürfnissen. Es gilt: Wohlstand first. Die dreckigsten Sünden sind dank Globalisierung quasi unsichtbar gemacht – durch Auslagerung nach Australien, Indonesien oder in den Kongo. Die Erderwärmung schreitet voran, das Pariser Klimaabkommen steht ähnlich wie die DDR-Verfassung schön und dumm in der verödenden Landschaft herum.

Monika Maron verdichtete in „Flugasche“ das Umwelt-Wohlstands-Dilemma in einem flapsigen Satz: „Es geht eben nicht alles auf einmal, historische Notwendigkeiten und so weiter …“ Er gilt wie vor 40 Jahren.