Während alle von Gesundheit sprechen und es für jeden Schmerz ein Gift gibt, wächst die Ahnung, sterblich zu sein. Und sie wird durch eine Pandemie zur schauerlichen Gewissheit.
Foto: imago images/Winfried Rothermel

Eine Klinik im Berliner UmlandEs ist ein Uhr morgens, Nachtdienst in der Psychiatrie. Ich bin Psychiater, Arzt, und werde auf Station gerufen. „Herr Heinrich wünscht ein Gespräch mit dem Dienstarzt“, heißt es da. Ich kenne Herrn Heinrich nicht, der seit drei Tagen wegen einer Depression und zur Medikamentenumstellung bei uns in der Psychiatrie in Behandlung ist. Als ich bei der personell chronisch unterbesetzten Pflege nachfrage, worum es genau geht, großes Augenrollen. „Wissen wir auch nicht so genau. Kann nicht schlafen.“ 

Dieser Text ist im Weißbuch der Berliner Zeitung zum Thema Gesundheit & Leben erschienen.

Das Weißbuch versammelt zehn wichtige Schwerpunkte und stellt jeweils drei Perspektiven vor: aus Ost und West und jeweils einem Blick in die Zukunft. Alle Texte der Sonderausgabe finden Sie unter weissbuch.berliner-zeitung.de

Im Gang erwartet mich ein etwa 1,80 Meter großer, um die 70 Jahre alter und normalgewichtiger Mann in türkisem Schlafanzug. Er mustert mich, etwas unruhig und misstrauisch. Wir setzen uns hinter die verglaste Kanzel. Ich habe den PC-Bildschirm neben und die Tastatur vor mir. Noch bevor ich mich nach Herrn Heinrichs Anliegen erkundigen kann, ergreift er das Wort: „Sie müssen mir helfen. Ich kann nicht schlafen. Es geht einfach nicht. Es ist mein Blutdruck. Das kann so nicht weitergehen. Können Sie vielleicht noch mal nachmessen? Ich wette, er ist bei 180.“

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Herr Heinrich weist mit seinem Kopf auf seine Hände, die er vor mir ausstreckt. „Sie hören nicht auf zu zittern. Die ganze Nacht schon! Ich frage mich, woran das liegen könnte. Ich habe das schon seit zwei Wochen. Und irgendwie ist mir übel.“ Tatsächlich zittern Herrn Heinrichs Hände leicht. Mein Blick wandert von seinen Händen auf sein Gesicht. Seine braunen Augen sind von tiefen Augenringen umrandet, auf seinem leicht schwitzenden Gesicht gehen Sorgen- und Altersfalten ineinander über.

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Er presst die Lippen zusammen, während er selbst seine zitternden Hände inspiziert. Ich will fragen: „Seit wann ...?“ Doch Herr Heinrich unterbricht mich in forderndem Ton: „Sie müssen mich untersuchen. Können Sie mir nicht etwas geben? Vor allem das Schlafen und der Blutdruck – ich halte das nicht mehr aus.“ Ich fahre erst einmal den PC hoch, um Herrn Heinrichs digitalisierte Akte zu studieren.

Wir warten vor dem flackernden Bildschirm, während der Computer rechnet. Im Gang leuchten gedimmte Neonröhren auf den glänzenden Linoleumboden. Eine über 80-jährige, im Haus bekannte Frau mit Demenz tippelt im Schlafrock an der Kanzel vorbei. Auf der Suche nach ihrem vor zwei Jahren verstorbenen Ehemann betritt sie wahllos andere Patientenzimmer, bis ihr eine Pflegerin hinterhereilt. Das Heim hatte sie zum Wochenende zu uns geschickt, die Situation sei dort eskaliert.

Endlich habe ich die digitale Patientenakte vor mir. Ich überfliege die Diagnosen: depressive Störung, Bluthochdruck, idiopathischer Tremor, erhöhte Blutfette, Prostatavergrößerung, Reizdarmsyndrom. Etwas verwirrt klicke ich weiter zum Medikamentenplan. Herr Heinrich erhält insgesamt elf Medikamente für seine Diagnosen und weitere vier Medikamente, die er bedarfsweise bei Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Verdauungsbeschwerden einnehmen kann. Ratlosigkeit überkommt mich. Bei so vielen Medikamenten kann längst nicht mehr ausgeschlossen werden, dass sie sich gegenseitig beeinflussen und dass zum Beispiel bestimmte Symptome eigentlich die Nebenwirkungen eines Medikaments sind, für die dann wieder ein neues verschrieben wurde – und so weiter.

Die Krankenkasse sitzt uns im Nacken

„Haben Sie denn nicht noch eine Idee? Es muss doch etwas geben!“, kommentiert Herr Heinrich hoffnungsvoll den Bildschirm. Er sei bei sechs verschiedenen Ärzten in Behandlung. Da gehe er auch regelmäßig hin. Das sei gar nicht so leicht, mit seiner pflegebedürftigen Frau zu Hause. Während er mir von seinen fachärztlichen Untersuchungsbefunden erzählt, schweife ich gedanklich ab.

Was, wenn Herr Heinrich eine aus vielen Organen bestehende Maschine wäre, die langsam zu stottern beginnt. Für jedes Organ gibt es Diagnosen, Therapien, Medikamente und natürlich Spezialisten, die sich darum kümmern. Alle Spezialisten bekommen etwas ab von dieser Maschine. Sie ist eingelassen in eine noch größere Maschine, das Gesundheitswesen. Darin wird sie von Praxis zu Praxis, von Spezialstation zu Spezialstation verfrachtet. Für alles gibt es einen Namen, für jedes Stottern und Stocken eines Organs eine Diagnoseziffer, eine Therapieleitlinie und vor allem einen Abrechnungscode.

Alles wird gemessen, digitalisiert und dokumentiert. Etwa, ob Herr Heinrich gegessen und geschlafen hat, sein Blutdruck und sein Gewicht, seine Stimmung. Dokumentation schützt vor Rechtsklagen, falls einmal etwas schiefläuft mit der Maschine in diesem Betrieb. Und vor allem: Nur was dokumentiert ist, kann abgerechnet werden. Immer sitzt ein Mensch in Weiß am Bildschirm, nicht am Patienten, und dokumentiert – immer den Medizinischen Dienst der Krankenkassen im Nacken, der prüft, ob bezahlte Leistungen auch dokumentiert und damit erbracht wurden.

Die Psychiatrie erweitert ihre Kampfzone

Herr Heinrichs stotternde Organmaschine und dieser Betrieb sind wie für einander gemacht. Doch Herr Heinrich leidet weiter – und bittet um immer neue Hilfe für seine Maschine. Irgendetwas fehlt. Und wenn alle nicht mehr weiterwissen, gibt es zum Glück noch die Psychiatrie, jene Fachrichtung, die in den letzten Jahrzehnten besonders gut darin war, ihre Zuständigkeit für die Unwegsamkeiten des Lebens zu erweitern. Mit jedem neuen Diagnosemanual nimmt die Zahl diagnostizierbarer Erkrankungen zu.

Foto: privat
Der Autor

Dr. Samuel Thoma wurde 1985 in Süddeutschland geboren. Er ist Psychiater an der Immanuel-Klinik Rüdersdorf und Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift „Sozialpsychiatrische Informationen“. Er forscht zu den philosophischen Grundlagen der sozialen Psychiatrie.

Selbst wer fälschlicherweise meint, er sei krank und früher vielleicht als Hypochonder belächelt wurde, kann diagnostiziert werden. Er hat eine „hypochondrische Störung“ und ist damit tatsächlich krank und somit durch die Psychiatrie behandelbar. Auch auf einem anderen Gebiet hat sich die Psychiatrie hervorgetan: Zur Freude der Pharmaindustrie werden Medikamente heute bei immer mehr psychischem Leid verschrieben. So hat sich etwa seit 1991 die Verordnung von Antidepressiva versiebenfacht – und das, obwohl Studien belegen konnten, dass diese nur bei schweren Depressionen einem Placebo überlegen sind.

Auch die Psychiatrie hat Herrn Heinrich offenbar nicht weitergebracht. Er sitzt hier, mit zitternden Händen, und kann nicht schlafen. Nachdem ich ihn untersucht und alles dokumentiert habe, fällt mir noch ein: Suizidalität erfragen und dokumentieren. Doch diese gut eingeübte Frage: „Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich ...“ – ich stelle sie diesmal nicht. Wir sehen einander an, sehen gemeinsam auf seine Hände, beobachten, wie die verwirrte Frau mit Demenz von der Pflegerin in ihr Zimmer begleitet wird. Ich denke an Herrn Heinrichs Frau und sein Zuhause in einem Dorf, das ich nicht kenne. Es ist still.

Unsere Endlichkeit

Auf einmal frage ich: „Haben Sie eigentlich Angst zu sterben?“ Ich weiß nicht, wie ich auf diese Frage kam. Mit seinem Organstottern hat sie nichts zu tun. Sondern mit ihm. Seine Augen laufen rot an, sein Gesicht verliert an Spannung. Während ich ein Ja aus Herrn Heinrichs Mund höre, klingelt auf einmal das Telefon. Ich soll schnell in die Rettungsstelle kommen, ein Notfall. Ich lege auf, dokumentiere noch einmal schnell. Herr Heinrich sieht mich fragend an. Ich bin ihm eine Antwort schuldig. „Ich auch.“ Mehr kann ich nicht sagen. Ich schreibe ihm eine Schlaftablette auf und verabschiede mich in die Rettungsstelle.

Später liege ich in meinem Dienstbett und denke über Herrn Heinrich nach. Dieser unglaubliche Aufwand – um seine Organe, um seinen Körper, von ihm und von diesem Gesundheitssystem, die damit verbundenen Daten-, Dokumentations- und Geldströme. All das geht an ihm vorbei, an seiner Einsamkeit und seiner Angst vor dem Tod. Wer sieht ihn überhaupt hinter dieser Maschine, wie er berentet zu Hause sitzt, mit seiner pflegebedürftigen Frau, auf dem Land, weit weg von hier? Vielleicht hat er sich selbst zu sehen verlernt – und ich und all die anderen Spezialisten vermutlich ebenso.

Unser Gesundheitssystem braucht weniger Organprofis, spezialisierte Großkliniken, Abrechnungsziffern und Dokumentationszwang. Es bedarf mehr lokaler Strukturen, Sozialarbeitende und Sozialprofis, die sich für die eigentlichen Lebensbedingungen vor Ort zuständig fühlen und eine Beziehung zu den Menschen anbieten. Und es braucht Endlichkeitsprofis. Denn während alle von Gesundheit sprechen, Krankenkassen sich in Gesundheitskassen umbenennen und es für jeden Schmerz ein Gift gibt, wächst die Ahnung, sterblich zu sein. Und sie wird schließlich durch eine Pandemie zur schauerlichen Gewissheit. Bei allem, was wir heute tun können, fehlt der Raum und die Beziehung, um darüber zu sprechen, was wir nicht tun können – gegen Krankheit, gegen ein kleines Kronkorkenvirus und gegen unsere Endlichkeit, in der wir uns doch alle gleichen.

Anm. d. Autors: Die beschriebene Situation und die darin vorkommenden Personen sind fiktiv. Sie ist angelehnt an Erfahrungen aus Nachtdiensten an verschiedenen Kliniken und Abteilungen.